Zwischen Lügen und Lücken: Alice Weidel (AfD) verdreht Fakten im ZDF-Sommerinterview pausenlos
Faktencheck entlarvt Weidel: Falsche Zahlen, verdrehte Fakten – wirrer Auftritt der AfD-Chefin im ZDF
Stand: 23.08.2026, 19:53 Uhr
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Im ZDF-Sommerinterview hat AfD-Chefin Alice Weidel bei mehreren zentralen Themen falsche oder irreführende Behauptungen aufgestellt. Ihre größten Schnitzer.
Wien – Im Gespräch mit dem stellvertretenden Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, Wulf Schmiese, positionierte sich AfD-Vorsitzende Alice Weidel zu Migrationspolitik, Klimawandel, der Zukunft der deutschen Automobilindustrie und einem möglichen deutschen Euro-Ausstieg. Ein anschließender Faktencheck des ZDF-Teams fördert dabei zutage, wie sehr Weidel bei mehreren Aussagen von der Realität abweicht.

Selbiges gilt übrigens auch für ihren Parteikollegen Tino Chrupalla, der zu Gast im ARD-Sommerinterview war und dort über das Klima fabulierte. Auch hierzu wusste sich Weidel zu äußern. Doch dazu später mehr.
Weidel (AfD) hantiert im ZDF-Sommerinterview mit falscher Einbürgerungszahl
Besonders deutlich wird die Verzerrung bei der Migrationspolitik. Weidel behauptete im Interview wörtlich: „Wissen Sie eigentlich, wie viele Arbeitslose letztes Jahr eingebürgert wurden? Es sind 306.000.“ Diese Zahl ist irreführend. Sie stammt offenbar aus einer Meldung des Portals Nius, wonach 307.000 Arbeitslose eingebürgert worden seien – angeblich Daten der Bundesagentur für Arbeit, erfragt von einem AfD‑Bundestagsabgeordneten. Doch die Zahl beschreibt gar nicht, was Weidel behauptet: Es handelt sich nicht um Menschen, die 2025 eingebürgert wurden, sondern um alle Personen, die im Dezember 2025 arbeitslos gemeldet waren und irgendwann – möglicherweise vor Jahren oder Jahrzehnten – eingebürgert wurden .
Die tatsächliche Zahl der Einbürgerungen im Jahr 2025 lag laut Statistischem Bundesamt bei rund 332.500 – am häufigsten wurden Menschen aus Syrien eingebürgert, gefolgt von Türken und Russen. Zudem ist eine der Voraussetzungen für eine Einbürgerung überhaupt, dass der Lebensunterhalt eigenständig finanziert werden kann – Arbeitslosigkeit erschwert oder verhindert eine Einbürgerung in den meisten Fällen also gerade. Weidel stellt mit ihrer Zahl somit einen Zusammenhang her, der so nicht existiert.
Auch bei ihrer Forderung nach Grenzschließungen und einem Schengen-Austritt argumentierte Weidel mit dem Fall Ceuta – „damit solche Leute wie aus Ceuta gar nicht mehr zu uns kommen“. Dabei verschwieg sie, dass Ceuta wegen seiner Lage auf dem afrikanischen Kontinent gar nicht zum regulären Schengen-Raum gehört und Sonderregeln bereits heute verhindern, dass Migranten von dort übers Meer nach Europa gelangen. Für Deutschland sind ohnehin keine entsprechenden Fälle bekannt.
„Klimawandel hat es schon immer gegeben“: AfD-Chefin relativiert extremen Hitzesommer
Beim Klimawandel bediente sich Weidel einer altbekannten Relativierungsstrategie: „Wir sagen ganz klar: Klimawandel hat es immer schon gegeben“, so die AfD-Chefin, die deshalb nichts von Klimaschutzmaßnahmen halte. Zwar ist es richtig, dass es in der Erdgeschichte Wärme- und Kälteperioden gab. Doch diese gehen laut wissenschaftlichen Rekonstruktionen auf geologische Prozesse wie Vulkanausbrüche zurück.

Der heutige Klimawandel unterscheidet sich davon fundamental: Untersuchungen des Weltklimarats (IPCC) belegen zweifelsfrei, dass menschliche Aktivität – primär das Verbrennen fossiler Energieträger – Hauptursache der aktuellen Erwärmung ist. Zudem übersteigt das Tempo der heutigen Erwärmung alle bisherigen natürlichen Klimaveränderungen deutlich.
Auch Weidels Behauptung, nur in Deutschland würden Innenstädte „geschliffen“ und autounfreundlich gestaltet, hält der Überprüfung nicht stand. Städte wie Paris verfolgen seit Jahren eine konsequente Verkehrswende mit gesperrten Straßen und abgeschafften Parkplätzen. Selbst Wien, wo das Sommerinterview aufgezeichnet wurde, hat umfangreiche Hitzeaktionspläne und Klimaanpassungsmaßnahmen beschlossen.
Verbrenner-Verbot: CDU verantwortlich gemacht, Kontext ausgeblendet
Zur Automobilindustrie behauptete Weidel: „Die CDU hat genau das eingeführt, das Verbrenner-Verbot. [Ursula] von der Leyen aus Brüssel, vorher mit Angela Merkel.“ Tatsächlich wurde das sogenannte Verbrenner-Verbot im April 2023 von der EU beschlossen – zu diesem Zeitpunkt regierte in Deutschland jedoch die Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP unter Kanzler Olaf Scholz. Innerhalb dieser Koalition gab es heftigen Streit, vor allem die FDP blockierte zunächst und forderte die Einbindung alternativer Kraftstoffe.
Weidel lässt zudem unerwähnt, dass das ursprünglich geplante vollständige Emissionsverbot bereits im Dezember 2025 gekippt wurde. Seitdem gilt eine 90-Prozent-Regel, die Verbrenner und Hybridfahrzeuge auch nach 2035 weiter zulässt – eine Aufweichung, die maßgeblich auf Druck von CDU und CSU zurückgeht. Der verkehrspolitische Sprecher der CDU/CSU-Gruppe im EU-Parlament, Jens Gieseke, erklärte dazu ausdrücklich: „Als CDU/CSU-Gruppe haben wir uns immer klar gegen dieses Verbot ausgesprochen.“ Weidels Darstellung, wonach die CDU allein für das Verbot verantwortlich sei, blendet damit zentrale Fakten aus.
Bei der Frage, ob Verbraucher lieber Verbrenner als E-Autos kaufen wollten, behielt Weidel zumindest teilweise recht: Die Mehrheit der Neuwagenkäufer entscheidet sich weiterhin für Verbrenner-Technologie. Allerdings verschweigt sie den klaren Trend – im Juli 2026 lag der Anteil der E-Auto-Neuzulassungen bei 29,3 Prozent, ein Plus von 61,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während reine Benziner und Diesel deutlich zurückgingen.
Weidel spricht vom Euro als „instabile Währung“ – doch die Fakten sprechen dagegen
Auch bei der Währungspolitik wich Weidel von den Fakten ab. Sie behauptete: „Was wir sehen, ist, dass der Euro eine instabile Währung geworden ist.“ Das Bundesfinanzministerium widerspricht dem in einem Sonderbericht zum 25. Jubiläum des Euro deutlich: Die Inflation in Deutschland habe seit Einführung des Euro-Bargelds im Schnitt bei rund 1,9 Prozent jährlich gelegen – die von manchen befürchtete starke Verteuerung sei ausgeblieben. In den meisten Jahren lag die Inflation im Euro-Raum unter der Zielmarke von zwei Prozent, Ausreißer erklären sich durch Sondereffekte wie die Corona-Pandemie. Auch der Wechselkurs zum Dollar schwankte seit 1999 nur moderat.

Ein deutscher Euro-Ausstieg, wie ihn die AfD seit Jahren fordert, hätte laut Expertenanalysen erhebliche wirtschaftliche Nachteile: Eine wiedererstarkte D-Mark würde deutsche Exporte verteuern und die Wettbewerbsfähigkeit schwächen. Eine Studie des Centre for European Policy Network kam bereits 2019 zu dem Schluss, dass Deutschland zwischen 1999 und 2017 mit Abstand am meisten von der Gemeinschaftswährung profitiert habe – mit einem Plus von 23.116 Euro Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner.
Was vom ZDF-Sommerinterview mit Alice Weidel bleibt
Der ZDF-Faktencheck zeichnet letztlich ein klares Bild: Bei mehreren zentralen Themen des Sommerinterviews stellte Alice Weidel Behauptungen auf, die entweder nachweislich falsch, aus dem Kontext gerissen oder gezielt irreführend waren. Hierzu zählen die frei erfundene Verknüpfung von Arbeitslosigkeit und Einbürgerungszahlen über die wissenschaftlich widerlegte Klimawandel-Relativierung bis hin zur einseitigen Schuldzuweisung beim Verbrenner-Verbot.
Wo die AfD-Chefin mit markigen Aussagen punkten wollte, hält die Faktenlage ihren Behauptungen in den meisten Fällen nicht stand. (Quellen: ZDF, dpa, Statistisches Bundesamt) (han)