Strompreis-Lügen und „Frauen an den Herd“-Vorwurf: der TV-Schlagabtausch zwischen Ulrich Siegmund (AfD) und Sven Schulze (CDU) im Faktencheck
Faktencheck zum TV-Schlagabtausch zwischen Siegmund und Schulze: falsche Vorwürfe, traditionelle Rhetorik
Stand: 26.08.2026, 22:09 Uhr
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Erst hitzig, dann trotzig: In der MDR-Wahlarena duellierten sich Schulze und Siegmund verbal, kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt. Ihre Aussagen? Nicht immer korrekt.
Magdeburg – Zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr war Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD, und Sven Schulze, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt und Spitzenkandidat der CDU, die große Bühne geboten worden. Im Rahmen der MDR-Wahlarena durften beide Politiker für sich werben, vor allem aber Aussagen vom Gegenüber argumentativ entkräften.

Nur: Wurde dabei immer mit Fakten hantiert oder kam manch ein Punkt schlicht aus der redensartlichen Pistole geschossen, ohne dabei auf einer validen Grundlage zu fußen? Das gilt es im großen Faktencheck zu überprüfen. Im Blickpunkt: die Rhetorik von Ulrich Siegmund und die Argumentationen von Sven Schulze, kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt.
Will die AfD die Inklusion abschaffen? Wahlprogramm spricht Bände
AfD-Spitzenkandidat Siegmund ließ in der MDR-Wahlarena wissen, dass seine Partei jedes Kind individuell betrachten, und nicht die Inklusion abschaffen wolle. Weder das Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt noch bekannte öffentliche Äußerungen von Ulrich Siegmund stützen die Behauptung, es solle eine Einzelfallprüfung für jedes Kind geben. Tatsächlich fordert das Programm der AfD Sachsen-Anhalt das genaue Gegenteil: eine pauschale, „unverzügliche“ Abschaffung der Inklusion – also des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Behinderung – sowie einen gezielten Ausbau der Förderschulen.
„Behinderte Kinder“ bräuchten „eine speziell auf ihre Situation abgestimmte Pädagogik, wie sie nur an Förderschulen möglich ist“. So heißt es im Wahlprogramm der AfD. Die Partei bezeichnet das „Experiment Inklusion“ als gescheitert und unterscheidet im Text explizit zwischen „normal begabten“ und „behinderten“ Kindern. Auch rechtlich ist der Vorstoß nicht unumstritten: Juristinnen und Juristen sehen in einer vollständigen Abschaffung der Inklusion einen möglichen Verstoß gegen die UN-Behindertenrechtskonvention sowie gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz des Grundgesetzes.
„Frauen zurück an den Herd“-Vorwurf von Schulze (CDU): zumindest nicht wörtlich zu nehmen
Sven Schulze wiederum, amtierender CDU-Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt, tätigte folgende Aussage: „Die AfD sagt ganz klar: Wir wollen, dass Frauen als allererstes viele Kinder kriegen. Dann sollen sie die auch noch nicht zur Schule bringen, weil sie die Schulpflicht abschaffen wollen. Das heißt am anderen Ende: Frauen zurück an den Herd“.
Eine solche Forderung, so hat es auch die Überprüfung vom MDR ergeben, gibt es in dieser Form de facto nicht im Wahlprogramm der AfD. Hingegen wird ein eher traditionelles Familienbild formuliert. Die Familie aus „Vater, Mutter und möglichst vielen Kindern“ soll wieder stärker in den Mittelpunkt politischen und gesellschaftlichen Handelns rücken.
Um „Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht“ zu schaffen, wolle die AfD die Schul- durch eine Bildungspflicht ersetzen. Gleichstellungsbeauftragte will die AfD durch Familienbeauftragte ersetzen und politische Maßnahmen auch danach bewerten, wie sie sich auf die Geburtenraten auswirken. Zudem will sie traditionelle Familien- und Rollenbilder stärken. Gleichzeitig fordert die AfD kostenfreie Krippen und Kindergärten ab dem ersten Kind.
Mit seiner eingangs erwähnten Aussage gibt sich Schulze zugespitzt und zitiert das AfD-Programm nicht wörtlich. Ob „Frauen zurück an den Herd“ mit dem „traditionellen Rollenbild“ gleichzusetzen sind, bleibt offen.
Sachsen-Anhalt nur der „erste Schritt“: Was die AfD bundesweit plant
Schulze griff ebenso auf, dass die AfD über Sachsen-Anhalt enormen Einfluss auf Berlin gewinnen wolle. Fakt ist: Die AfD verfolgt tatsächlich das Ziel, sich über eine Regierungsbeteiligung in Sachsen-Anhalt Einfluss auf die Bundespolitik zu sichern. Parteichefin Alice Weidel bestätigte dies Ende August 2026 im ZDF-Interview unumwunden und bezeichnete eine Landesregierung in Sachsen-Anhalt als „ersten Schritt“ auf dem Weg zur Machtübernahme im Bund.

Über die vier Bundesratsstimmen des Landes könnte eine AfD-geführte Regierung bundesweite Gesetzesvorhaben beeinflussen oder blockieren. Hinzu kommt eine erhoffte Signalwirkung: Wahlerfolge in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin im September 2026 sollen den Druck auf die CDU verstärken, ihre Abgrenzungspolitik – die sogenannte „Brandmauer“ – gegenüber der AfD zu überdenken.
Strompreis-Lüge von Siegmund: weltweiter Platz zwei ist Humbug
AfD-Kandidat Siegmund ließ mit der Aussage aufhorchen, dass Deutschland die zweithöchsten Strompreise der Welt hat. Im globalen Ranking liegt die BRD zwar knapp hinter dem Treppchen, auf Platz zwei schafft sie es aber nicht. Laut einer Auswertung von Verivox für das zweite Quartal 2026 liegt Deutschland auf Platz vier der teuersten Länder, mit durchschnittlich 35,6 Cent pro Kilowattstunde für Haushaltskunden. Vor Deutschland liegen Irland (42,6 Cent), Bermuda (38,8 Cent) und Belgien (37,4 Cent).
Richtig ist, dass Deutschland unter den G20-Staaten den höchsten Strompreis hat und mehr als das Doppelte des G20-Durchschnitts von rund 16,3 Cent zahlt, die Behauptung eines weltweiten zweiten Platzes trifft aber nicht zu. Die genaue Rangfolge schwankt je nach Erhebungszeitraum und einbezogenen Ländern leicht. Keine aktuelle Auswertung weist jedoch Deutschland auf den zweiten Platz aus.
AfD-Rhetorik zur Sachsen-Anhalt-Wahl: „mehr 1813 und 1871 – Geschichtslehrpläne überarbeiten“
Sollte es zu einer AfD-Regierung kommen, warnte Schulze vor einer Abkoppelung Sachsen-Anhalts. Unternehmen würden dann schlichtweg nicht mehr in das Bundesland investieren. Und auch die Bildungspolitik würde massiv leiden. Sah Siegmund natürlich gänzlich anders. Er störte sich an folgender Schulze-Aussage: „Sie wollen die gesamte Bildungspolitik auf den Kopf stellen. Sie wollen aus der Staatskanzlei den Lehrern vorschreiben, was sie zu unterrichten haben, gerade den Geschichtsunterricht.“
Stimmt das? Im AfD‑Wahlprogramm ist die Rede von „Mehr 1813 und 1871 – Geschichtslehrpläne überarbeiten“. Der AfD kommt das 19. Jahrhundert „als die wichtigste Zeit für die deutsche Nationswerdung“ in den Lehrplänen aller Schulformen zu kurz. Doch damit nicht genug: Die Rede ist auch vom „Deutschen Reich“, gegründet von „Bismarck“, das „in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft Maßstäbe“ gesetzt habe. Diese würden „uns heute noch als Inspiration und Vorbild dienen können“. Und „deshalb werden [wir] im Unterricht einen deutlichen Schwerpunkt auf die Entstehung und die Erfolgsgeschichte dieses Staates legen.“ (Quellen: MDR-Wahlarena, dpa, Verivox, AfD-Wahlprogramm) (han)