Falklandinseln: Bewohner wehren sich gegen Argentiniens Gebietsansprüche
Publiziert17. Juli 2026, 18:21
Das sagen Inselbewohner«Falkländerin zu sein, ist zentraler Teil meiner Identität»
Nach der umstrittenen Banneraktion der argentinischen Nationalmannschaft ist der Streit um die Falklandinseln erneut entflammt. Drei Bewohner erzählen, wie es sich auf den Inseln lebt – und was sie von Argentiniens Ansprüchen halten.

Darum gehts
- Nach der Banneraktion der argentinischen Nationalmannschaft ist der Streit um die Falklandinseln neu entflammt.
- Drei Bewohner der Inseln schildern ihr Leben auf dem abgelegenen britischen Überseegebiet mit rund 3'600 Einwohnern.
- Die Falkländer betonen ihre eigene Identität und ihr Recht auf Selbstbestimmung – Argentiniens Ansprüche weisen sie klar zurück.
Auf den Falklandinseln sind die Pinguine den Menschen zahlenmässig haushoch überlegen: Nur rund 3'600 Personen leben auf der abgelegenen Inselgruppe vor der Küste Südamerikas. Trotzdem stehen die kleinen Inseln, die zum Vereinigten Königreich gehören, wegen des Territorialstreits mit Argentinien immer wieder im Zentrum der Weltpolitik.
1982 mündeten die Spannungen in einen kurzen, aber blutigen Krieg, der mit der Kapitulation Argentiniens endete. 2013 sprachen sich 99,8 Prozent der Stimmbevölkerung der Inseln in einem Referendum dafür aus, den Status britisches Überseegebiet beizubehalten. Nun hat die argentinische Fussballnationalmannschaft den Konflikt nach dem WM-Halbfinal gegen England neu angeheizt: Nach dem Spiel präsentierten die Spieler ein Banner, auf dem sie die Inseln für Argentinien beanspruchten.
Drei Falkländer erzählen, wie es sich auf den idyllischen Inseln im Schatten des Territorialkonflikts lebt.
«Sind ein eigenes Volk mit eigener Identität»

Als feststand, dass England im WM-Halbfinal auf Argentinien treffen würde, rechnete Tom (26) bereits mit einer politischen Aktion. «Das Banner war so vorhersehbar, dass es fast schon lustig war. Ich hätte darauf wetten sollen», sagt er. Für ihn war es eine weitere Provokation in einem jahrzehntelangen Konflikt. Die Spieler seien mit dem argentinischen Anspruch auf die Inseln aufgewachsen: «Sie handeln entsprechend dem, was ihnen von klein auf vermittelt wurde.»
Aus Toms Sicht bleibt es nicht bei politischen Aussagen. Argentinien verlange etwa von ausländischen Schiffsbetreibern eine Genehmigung, bevor sie die Falklandinseln anlaufen. Wer dies nicht tue und später nach Argentinien weiterreise, müsse dort mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Für Tom zeigt sich darin, wie unmittelbar der Konflikt bis heute wirkt. Seine Familie lebt seit 1849 auf den Falklandinseln: «Seit Generationen werden wir hier geboren, leben hier und sterben hier – während jemand anderes versucht, uns unsere Heimat abzusprechen.»
Im Alltag sei der Konflikt meist nur im Hintergrund präsent. Das Leben beschreibt Tom als friedlich und aussergewöhnlich sicher: «Ich kann meinen Autoschlüssel im Wagen liegen lassen und weiss, dass er nicht gestohlen wird.» Die Abgeschiedenheit mache zwar vieles komplizierter, wer etwa ein Haus bauen wolle, müsse mitunter sechs bis zwölf Monate auf Materialien warten. Es gibt jedoch auch Vorteile: «Von der Covid-Pandemie haben wir nicht viel mitbekommen, wir hatten keinen einzigen Todesfall», erzählt er.
Tom arbeitet für den Tourismusverband. Während der Kreuzfahrtsaison verdopple sich die Bevölkerung an manchen Tagen beinahe. Für junge Einheimische sei es zwar nicht immer leicht, eine passende Stelle zu finden, dennoch sei das Leben auf den Inseln von einem Gefühl der Freiheit geprägt. Die Falkländer seien «ein eigenes Volk mit einer eigenen Identität, das sich dafür entschieden hat, britisch zu sein». Den Schweizerinnen und Schweizern empfiehlt Tom einen Besuch: «Kommt her, es ist wunderschön und einzigartig – aber bringt eine Jacke mit. Bei uns kann man alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben.»
«Ich bin Falkländerin und Britin»

Auch Jessica (20) schwärmt von ihrer Heimat. Sie ist gebürtige Falkländerin in siebter Generation. «Meine Kindheit war sehr idyllisch. Nach der Schule half ich auf dem Hof meiner Eltern bei den Schafen», erzählt sie. Den Alltag beschreibt sie als friedlich, trotzdem sei immer etwas los. In ihrer Freizeit geht sie etwa fischen oder fährt Motocross, ausserdem gebe es viele Tanzabende und sogar einen Club für das Fantasy-Rollenspiel «Dungeons & Dragons».
Momentan lebt Jessica in Grossbritannien, wo sie eine Ausbildung zur tiermedizinischen Praxisassistentin macht. Danach will sie wie viele andere junge Leute auf die Inseln zurückkehren. Besonders schätzt sie den engen Zusammenhalt: «Wenn man ein Problem hat, gibt es immer jemanden, der einem hilft.» Falkländerin zu sein, sei ein zentraler Teil ihrer Identität: «Ich bin Falkländerin und Britin. So geht es wohl den meisten von uns.»
Die Aktion der argentinischen Nationalmannschaft empfand Jessica als enttäuschend, aber nicht überraschend. «Es ist eine seltsame Situation, wenn jemand anderes glaubt, der Ort, an dem man lebt, sollte ihm gehören», meint die Studentin. Gleichzeitig habe man sich daran gewöhnt: «Sie werden wohl nie aufhören, diese Dinge zu sagen.» Jessica hofft aber, dass die Bewohner der Falklandinseln in der internationalen Debatte nicht vergessen werden. «Es geht nicht nur um Grossbritannien und Argentinien, sondern um die Menschen, die auf den Inseln leben.» Diese hätten ein Recht darauf, selbst über ihre Zukunft zu bestimmen.
«Argentiniens Ansprüche langweilen mich»

Grant (54) wurde in London geboren, hat aber über seine Mutter familiäre Wurzeln auf den Falklandinseln. Seit 1998 lebt er dauerhaft auf den Inseln, wo auch seine beiden Kinder aufgewachsen sind. Die aussergewöhnliche Lebensqualität sei einer der Hauptgründe, weshalb er geblieben ist: Die Inseln seien friedlich, sicher und trotz ihrer Abgeschiedenheit alles andere als verschlafen.
Obwohl er Brite ist, hatte Grant nicht automatisch das Recht, dauerhaft auf den Inseln zu leben. Er musste sich seinen Aufenthaltsstatus erst verdienen. Heute fühlt er sich als Einheimischer. In seiner Freizeit dreht sich bei ihm vieles um Eishockey. «Die Falklandinseln sind die kleinste Eishockey-Nation der Welt», erklärt er stolz.
Das Banner der argentinischen Nationalmannschaft habe bei ihm einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Solche Botschaften gehörten für ihn nicht auf die Fussballbühne und sorgten nur für unnötige Spannungen. «Argentiniens Ansprüche langweilen mich inzwischen», sagt Grant. Er versuche, sie möglichst zu ignorieren. Umso wichtiger sei ihm die Erinnerung an das Referendum von 2013: «Es war ein prägender und wunderschöner Moment, in dem wir klar über unsere eigene Zukunft entschieden haben.»

Shirin Camenisch (sca) arbeitet seit 2025 als Praktikantin im Ressort News