Fälle von „Regenfäule“ nehmen zu: Liste der betroffenen Länder wächst – auch Fälle in Deutschland
Stand: 21.09.2026, 20:52 Uhr
Eine Tierkrankheit springt auf den Menschen über: ECDC und RKI melden steigende „Regenfäule“-Fälle in Europa – auch in Deutschland. Was Betroffene wissen müssen.
Frankfurt – Eine bakterielle Hautinfektion, die eigentlich aus der Tiermedizin bekannt ist, breitet sich derzeit in Europa beim Menschen aus. Nach Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) ist die Zahl der bestätigten Fälle von Dermatophilose – umgangssprachlich „Regenfäule“ – von 70 im Juni auf 123 bis 126 bis zum 20. August 2026 gestiegen. Betroffen sind inzwischen zehn europäische Länder, darunter auch Deutschland.

Die Dermatophilose wird durch das grampositive Bakterium Dermatophilus congolensis verursacht, das in der Veterinärmedizin seit über einem Jahrhundert bekannt ist. Es befällt vor allem Rinder, Pferde, Schafe und Ziegen und verursacht dort Hautveränderungen, die im Englischen als „rain rot“ oder „rain scald“ bezeichnet werden – daher der umgangssprachliche deutsche Name „Regenfäule“.
Regenfäule überträgt sich erstmals von Mensch zu Mensch
Mit Feuchtigkeit oder Fäulnis im eigentlichen Sinne hat die Erkrankung nichts zu tun: Der Name rührt daher, dass anhaltende Feuchtigkeit die Haut aufweicht und die Freisetzung der infektiösen Sporen aus den Krusten des Erregers begünstigt, wodurch die Haut anfälliger für eine Infektion wird.
Beim Menschen galten Infektionen bislang als äußerst selten und traten praktisch nur nach direktem Kontakt mit erkrankten Tieren auf. Das ändert sich seit Ende 2025 offenbar: In mehreren europäischen Ländern wurden Fälle dokumentiert, bei denen die Betroffenen keinen Tierkontakt hatten – ein deutliches Indiz für eine Übertragung von Mensch zu Mensch.
Regenfäule in Europa: ECDC meldet 123 Fälle in zehn Ländern – 17 in Deutschland
Das ECDC veröffentlichte am 17. Juni 2026 eine „Rapid Risk Assessment“ mit dem Titel „Clusters of dermatophilosis in five EU/EEA countries in 2025–2026“. Darin wird beschrieben, dass vier EU-Länder – Frankreich, Deutschland, Spanien und Schweden – zu diesem Zeitpunkt insgesamt 70 Fälle von Hautinfektionen mit D. congolensis gemeldet hatten, überwiegend bei Männern, die Geschlechtsverkehr mit Männern haben (MSM), die sogenannte „Sex-on-Premises“-Einrichtungen wie Saunen oder Wellness-Clubs mit engem Körperkontakt besucht hatten. Zusätzlich meldete Norwegen zehn Fälle im Zusammenhang mit Kampfsport. Die meisten Fälle traten zwischen Dezember 2025 und Juni 2026 auf.
Im Communicable Disease Threats Report für die Woche 34 (15.–21. August 2026) aktualisierte das ECDC die Zahlen: Bis zum 20. August waren in zehn Ländern – Österreich, Dänemark, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Norwegen, Spanien, Schweden, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich – insgesamt 123 Fälle registriert. Die Behörde stufte das Risiko für die Allgemeinbevölkerung in der EU/EWR weiterhin als „sehr niedrig“ ein, für bestimmte Gruppen von MSM jedoch als „niedrig“.
In Deutschland griff das Robert Koch-Institut (RKI) die Häufung erstmals Ende Mai 2026 in seinem Epidemiologischen Bulletin auf und meldete 16 Fälle, später aktualisiert auf 17 laborbestätigte Infektionen, dokumentiert zwischen Dezember 2025 und Juni 2026 in einem Berliner Labor.
Regenfäule erkennen: Diese Symptome treten auf
Betroffen waren ausschließlich Männer mit einem Durchschnittsalter von 45 Jahren – 14 aus Berlin, drei aus dem angrenzenden Brandenburg. Von zehn Patienten, für die detaillierte Expositionsdaten vorlagen, gaben alle zehn an, MSM zu sein und sexpositive Saunen besucht zu haben. Das RKI betont jedoch ausdrücklich, dass es sich bei der Dermatophilose selbst nicht um eine klassische sexuell übertragbare Krankheit handelt – übertragen wird sie durch engen Hautkontakt, nicht spezifisch über Sexualverkehr, weshalb Kondome keinen sicheren Schutz bieten.
Der italienische Virologe Fabrizio Pregliasco, Direktor der Schule für Hygiene und Präventivmedizin der Universität Mailand, fasste die Symptomatik gegenüber rainews.it zusammen: Die Dermatophilose verursacht beim Menschen vor allem Hautveränderungen – Papeln, Pusteln, kleine Krusten, Schuppung und mitunter Juckreiz. In den jüngsten europäischen Fällen traten die Läsionen vor allem im Genital- und Leistenbereich, an den Oberschenkeln, am Rumpf und im Gesicht auf.
„Das diagnostische Problem ist, dass diese Erscheinungen anderen dermatologischen oder sexuell übertragbaren Infektionen ähneln können“, so Pregliasco. Eine sichere Diagnose lässt sich daher nur durch eine mikrobiologische Laboruntersuchung stellen – etwa mittels Mikroskopie, Kultur oder molekularer Verfahren. Das ECDC weist zudem darauf hin, dass gängige Schnellverfahren wie MALDI-TOF mitunter uneindeutige Ergebnisse liefern und zur sicheren Artbestimmung eine 16S-rRNA-Sequenzierung oder Ganzgenom-Sequenzierung nötig sein kann.
Regenfäule: Meist mild und gut behandelbar – so schützen Sie sich in Sauna und Umkleide
Die gute Nachricht: Nach bisheriger Datenlage verläuft die Erkrankung beim Menschen überwiegend mild. Fieber oder andere Allgemeinsymptome treten kaum auf. Die meisten Infizierten sprechen gut auf eine Antibiotikabehandlung an – lokal etwa mit Fusidinsäure oder antiseptischen Waschungen, bei stärkeren Verläufen systemisch mit Doxycyclin oder Amoxicillin. In leichten Fällen heilt die Infektion auch von selbst ab, wenn die betroffenen Hautstellen sauber und trocken gehalten werden.
Die genetische Verwandtschaft der in den verschiedenen Ländern isolierten Erregerproben spricht laut ECDC für eine Verbreitung über engen Hautkontakt und damit für eine sich verändernde Epidemiologie des Bakteriums. Eine indirekte Übertragung über kontaminierte Oberflächen oder Gegenstände – etwa in feuchten Umgebungen wie Saunen oder Umkleiden – kann nach derzeitigem Kenntnisstand nicht ausgeschlossen werden, gilt aber als weniger wahrscheinlich als direkter Hautkontakt.
Das ECDC empfiehlt in gemeinschaftlich genutzten Einrichtungen etablierte Hygienemaßnahmen, darunter die regelmäßige Reinigung und Desinfektion von Oberflächen, besonders in feuchten Bereichen, sowie Maßnahmen zur Reduzierung von Feuchtigkeitsansammlungen. Pregliasco rät zusätzlich: direkten Kontakt mit verdächtigen Hautläsionen vermeiden, keine Handtücher, Kleidung oder Bettwäsche mit Infizierten teilen, auf persönliche Hygiene achten und Wunden oder Hautabschürfungen schützen.
Regenfäule: Risiko für Allgemeinheit gering – doch Experten beobachten Wandel des Erregers genau
Sowohl das ECDC als auch das RKI betonen, dass es sich weiterhin um eine seltene Infektion handelt, die kein Anlass für eine allgemeine Besorgnis ist. Für die Allgemeinbevölkerung schätzen beide Behörden das Infektionsrisiko als sehr gering ein; es gebe keine Hinweise auf eine breite Ausbreitung. Auffällig bleibt jedoch der ungewöhnliche epidemiologische Wandel: Ein Erreger, der Jahrzehnte lang praktisch ausschließlich Tiere betraf und beim Menschen nur nach Tierkontakt sporadisch auftrat, verbreitet sich nun offenbar eigenständig zwischen Menschen – ein Umstand, den Fachleute aufmerksam weiterverfolgen.
In Italien wurden bislang keine Fälle im Rahmen dieses europäischen Ereignisses gemeldet, wie Pregliasco betont. Wer jedoch ungewöhnliche, juckende oder verkrustete Hautveränderungen an sich feststellt – insbesondere nach möglichem engem Körperkontakt in entsprechenden Umgebungen –, sollte dies zeitnah ärztlich abklären lassen. Quellen: ecdc.europa.eu, rki.de rainews.it (bk)