„Kaum geeignet“: In Schweden setzen die Konservativen auf offene Arme für Rechtsaußen – eine Wahl-Quittung droht
Falsche Freunde in Bullerbü? Schwedens Bürgerliche könnten sich mit dem Rechtsaußen-Pakt verzockt haben
Stand: 08.08.2026, 07:22 Uhr
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Nicht nur die AfD verändert die Mehrheiten. Auch in Schweden gibt es starke Rechtsaußen. Kooperation hilft den Konservativen offenbar nicht. Eine Analyse vor der Wahl.
Womöglich hat Ulf Kristersson ja den Wahlkampfhebel gefunden. Den Wunsch nach einem Häuschen – vielleicht sogar einem rotgetünchten? Den will Schwedens konservativer Ministerpräsident nun retten. Auf dass der ihm das Amt rette. „Der Traum vom kleinen Haus ist stark in Schweden“, sagte der Konservative laut dem Portal Omni diese Woche, pünktlich zum inoffiziellen Wahlkampfauftakt: Im Falle eines erneuten Sieges will Kristersson Familien mit Kindern mehr Geld im Portemonnaie lassen. Und freistehende Häuser bei Genehmigungen vor Wohnungsbau stellen. Dabei sind ja auch Wohnungen in Stockholm, Göteborg, Malmö oder Lund knapp. Aktuell scheint allerdings wahrscheinlich, dass Kristersson mitsamt seiner von den rechten Schwedendemokraten geduldeten Koalition nach der Wahl am 13. September ausziehen muss. Aus dem Regierungssitz namens Rosenbad.

Erste Anwärterin auf den Bezug der Immobilie wäre dann (wieder) Magdalena Andersson. Die Sozialdemokratin war schon bis Oktober 2022 Regierungschefin. Aktuelle Umfragen sehen das „rot-grüne“ Lager um ihre Sozialdemokraten bis zu zehn Prozentpunkte vor dem konservativ-rechten Lager. Koalitionen sind längst auch in Schweden schwierig zu schmieden. Aber die Trümpfe lägen klar in Anderssons Hand. Da stellt sich eine große Deutungsfrage: Hat Kristersson sein Büro in Rosenbad 2022 rückblickend vor allem dank der rechtspopulistischen Schwedendemokraten (SD) erhalten – oder verliert er es nun wegen dieser Liaison so schnell wieder? Der Politologe Tobias Etzold sieht auf Anfrage unserer Redaktion Argumente für die These, dass die Rechtspopulisten von der Konstellation profitierten, die Konservativen aber nicht.
Schweden als Labor für den Umgang mit Mandats-starken Rechtsaußen: Quittung für „Erfüllungsgehilfen“?
Auch Schweden ist eine Art Labor für den Umgang mit Rechtspopulisten und Rechtsradikalen geworden. Für das Regieren mit ihnen. Und für das mittlerweile ebenfalls herausfordernde Regieren ohne sie. Bevor Andersson im November 2021 das Amt von ihrem Parteigenossen Stefan Löfven übernahm, war der schon einmal über das gemeinsame Misstrauen von Schwedendemokraten und Linken gestürzt. Oder, je nach Blickwinkel, über die Breite seiner Minderheitsregierung. Letztlich war es Löfvens marktliberale Mietpolitik, die die Linken erzürnte. Und die war von Anfang an ein Zugeständnis an die tolerierenden Liberalen – die damals vor allem zu einem Deal bereit waren, um die Schwedendemokraten von politischem Einfluss fernzuhalten.
Aus der damaligen Wahlperiode gingen die SD mit drei Prozentpunkten Plus hervor. Kristersson entschied sich nach der Wahl 2022 dann für den umgekehrten Weg: Er schloss eine „Tidö-Abkommen“ genannte Duldungsvereinbarung mit den Schwedendemokraten. Das Zwischenergebnis rund sechs Wochen vor dem nächsten Urnengang: Den Umfragen zufolge haben Kristerssons Moderate seitdem zwei bis drei Prozentpunkte verloren. Die Schwedendemokraten sind zweitstärkste Kraft hinter den Sozialdemokraten geblieben, einen Großteil der vier Jahre lagen sie in den Sonntagsfragen vor den Konservativen. Kristersson gelte vielen als „schwach und wenig durchsetzungsstark und Erfüllungsgehilfe der Politik der SD“, erklärt Etzold. Ist das Experiment der Duldung durch Rechtsaußen also klar gescheitert?
Der Experte diagnostiziert in einem aktuellen Papier für die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) jedenfalls Unwuchten im „Tidö-Abkommen“ und der folgenden Zusammenarbeit: Das Papier hinter der Tolerierung sei stark von den SD geprägt, etwa mit einer restriktiven Migrations- und Integrationspolitik, einer „wenig ambitiösen“ Klimapolitik und einem Pro-Atomkraft-Kurs. Immer wieder hätten die SD die Regierung über die Jahre zu Verschärfungen getrieben – Verantwortung für die Ergebnisse übernähmen sie aber nicht, träten vielmehr als scharfe Opposition auf: „Auf diese Weise können Sie das Beste aus beiden Rollen für sich herausziehen.“ Die bürgerlichen Partner hingegen hätten sich in manchen Bereichen „stark verbiegen müssen“, meint Etzold.
Ein weiteres Indiz für Gefahren allzu starker Kooperation liefern jene Liberale, die noch der Regierung Löfven erlaubten, die Rechtsaußen außen vor zu halten. 2022 paktierten sie in „Tidö“ mit Kristersson und den Schwedendemokraten. Nun, im März, versprach Parteichefin Simona Mohamsson den scharf Rechten in ein neues Kabinett zu helfen – und fiel zu allem Überfluss SD-Chef Jimmie Åkesson bei einer Pressekonferenz überschwänglich um den Hals, statt dessen ausgestreckte Hand zu ergreifen. Ein paar Jahre zuvor hatte sie Åkesson noch einen Rassisten geheißen. Was auch immer das Kalkül war, es geht bislang nicht auf: Schon seit Anfang 2023 liegen die Liberalen in Umfragen kontinuierlich unter der Vierprozenthürde. Zuletzt stand wiederholt gar eine Eins vor dem Komma. Viele Stammwähler hätten eigentlich liberale Haltungen erwartet und seien abgeschreckt, so Etzold.
„Kaum geeignet, populistisch radikal rechten Parteien den Wind aus den Segeln zu nehmen“
Wenn die Liberalen den Sprung ins Parlament verpassen, geht dem rechten Lager ein ganzer kleiner Schwung Mandate verloren. Auch deshalb stehen die Zeichen nun auf eine Rückkehr von Anderssons Sozialdemokraten. Naturgemäß sind Umfragen Momentaufnahmen, keine Vorhersagen. Aber die Tageszeitung Dagens Nyheter (DN) hat die Archive gefleddert – und festgestellt: Verändern sich die Werte im Wahlkampfschlussspurt wie im Durchschnitt der vergangenen fünf Parlamentswahlen, dann könnten Christ- und Schwedendemokraten zwar noch etwas zulegen. Aber von einer Mehrheit wäre der rechte Block inklusive Schwedendemokraten dennoch weit entfernt.
Einer Wahlsiegerin Andersson könnte ebenfalls ein Balanceakt blühen. Eine naheliegende Mehrheit für eine sozialdemokratisch geführte Regierung würde sich von der bäuerlich-grünen Zentrumspartei (C) bis zur Linken erstrecken. Erstere ist in den vergangenen Jahren vor allem in Richtung Sozialdemokratie umgeschwenkt, weil sie eine Zusammenarbeit mit den SD ausschließt. Schon die Nennung des Namens der linken „Vänsterparti“ löst bei einigen C-Wählern aber kaltes Schaudern aus. Sollte es doch ganz andere Mehrheiten geben, droht Kristersson ein heißer Tanz: Diesmal wollen die Schwedendemokraten wohl harte Währung in Form von Regierungsposten sehen.
| Rechtes Lager Wahl 2022 | Rechtes Lager aktuell | Rot-grünes Lager Wahl 2022 | Rot-grünes Lager aktuell |
|---|---|---|---|
| Moderate: 19,1% | Moderate: 17,3% | Sozialdemokraten: 30,3% | Sozialdemokraten: 31,8% |
| Christdemokraten: 5,3% | Christdemokraten: 6,1% | Linke: 6,7% | Linke: 7,8% |
| Liberale: 4,6% | Liberale: 1,8% | Umweltpartei: 5% | Umweltpartei: 7,2% |
| Schwedendem.: 20,5% | Schwedendem.: 20,4% | Zentrum: 6,7% | Zentrum: 6,6% |
| Gesamt: 49,5% | Gesamt: 45,6% | Gesamt: 48,7% | Gesamt: 53,2% |
*Quelle Wahl 2022: val.se, Werte auf eine Nachkommastelle gerundet / Quelle Umfrage 2026: novus.se, Befragung unter 5.726 Wahlberechtigten in Schweden vom 6. bis 9. Juli 2026
So oder so dürfte Schweden ein neues Kapitel in der Phase des erstarkten Rechtspopulismus aufschlagen. Entweder mit einer neuen linken Regierung, die zwar auf die Liberalen keine Rücksicht nehmen, aber dennoch eine teils schwierige Mehrheitsfindung bewältigen muss. Oder mit den Rechtspopulisten in der Regierung. Der Effekt dieser Konstellation bliebe abzuwarten. Das Tolerierungsmodell jedenfalls habe Rechtsaußen in Schweden und den anderen nordischen Ländern bislang „kaum geschadet“, konstatiert Etzold. Die Variante sei „kaum geeignet, um populistisch radikal rechten Parteien den Wind aus den Segeln zu nehmen“.
Ob handfeste Regierungsbeteiligungen diesen Effekt haben können – da lasse sich anhand von nur vier Beispielen in den nordischen Ländern schwer ein Trend ausmachen, schreibt er in der KAS-Analyse. In Finnland und Norwegen hätten die Rechtsaußen der „Finnen“ und der Fortschrittspartei als Teil der Regierung aber Probleme gehabt, ihre Anliegen durchzubringen. Und sie hätten die Folgen der Verantwortung gespürt, etwa nach sozialen Einschnitten in Finnland. Letztlich hängen die Risiken immer von den konkreten Umständen ab. Politologe Etzold zitiert zu dieser Frage den Kollegen Niels Meyer-Ohlendorf: „Wie gefährlich rechtsextreme Parteien für Demokratien sind, hängt vor allem von der Stärke der Demokratie selbst ab.“ In den nordischen Ländern scheinen sie stark, meint der Experte. (Quellen: Tobias Etzold, „Der Umgang mit rechtspopulistischen Parteien in den nordischen Ländern“/KAS, Dagens Nyheter, omni.se, eigene Recherchen)