Wenn ein Elternteil fehlt: Die Suche nach der eigenen Geschichte

Familie und Verlust Wenn ein Elternteil fehlt: Die Lücke, die ein Leben lang bleibt

Esther und Joya verlieren sehr früh einen Elternteil. Was bleibt, sind Lücken, Fragen – und die lebenslange Suche nach einem Menschen, den sie kaum kannten.

26.08.2026, 19:00

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Esther (Nachname der Redaktion bekannt) war gerade einmal vier Monate alt, als ihre Mutter mit 31 an einem Hirntumor starb. Sie selbst hat keine Erinnerungen an ihre Mama: «Ich habe meine Mutter nie kennengelernt», so Esther. Nach dem Tod heiratete ihr Vater bald wieder.

Person mit Augenbinde füttert ein Baby mit der Flasche.
Legende:

Esther mit ihrer Mutter 1979 – eines der wenigen gemeinsamen Bilder.

Privat/Esther

Esther bekam eine Stiefmutter und drei Halbgeschwister. Sie wuchs in einer Familie auf, in der sie aufgenommen wurde und in der ihr niemand das Gefühl gab, weniger dazuzugehören. Und trotzdem gab es Momente, in denen sie sich genau so fühlte.

An eine Weihnachtsszene aus ihrer Kindheit erinnert sie sich besonders gut: «Während die Familie gemeinsam feierte, verbrachte ich die Zeit unter dem Schreibtisch meines Vaters.» Objektiv hat sie immer dazugehört, so die 47-Jährige.

Immer wenn ich meinen Vater frage, meint er, er könne sich auch nicht mehr so gut an alles erinnern.

Die Familie habe sie auch nie anders behandelt. Aber innerlich habe es sich manchmal anders angefühlt: «Alle waren so musikalisch – ich war mehr der sportliche, wissenschaftliche Typ.» Esther sehnte sich nach jemandem, der sie versteht.

Wenn die eigene Herkunft fehlt

Esther weiss einiges über ihre Mutter: Sie war ursprünglich Deutsche, kam als Kind in ein Kinderheim in der Ostschweiz, absolvierte eine Ausbildung und arbeitete später als wissenschaftlich-technische Assistentin. Sie wüsste gerne mehr. Ihr Vater spricht kaum über seine verstorbene erste Frau: «Immer, wenn ich ihn frage, meint er, er könne sich auch nicht mehr so gut an alles erinnern», so Esther.

Identität entsteht nicht nur aus dem eigenen Erleben, sondern immer auch in Beziehung zu anderen Menschen

Esther besitzt zwar noch einige Dokumente, Lebensläufe und Zeugnisse von ihrer Mutter, aber diese sagen wenig über sie als Person aus: «Ich weiss nichts über ihren Charakter, wie sie war oder tickte», so Esther. «Hat meine Mutter St. Gallerdeutsch gesprochen? Baseldeutsch? Baselbieter Dialekt? Oder Hochdeutsch? Ich weiss es nicht.»

Auch bei Fragen zur Familiengeschichte fehlen ihr Antworten. Wenn sie bei einem Arztbesuch nach Krankheiten in der Familie gefragt wird: «Hat jemand in Ihrer Familie Brustkrebs? Von der einen Seite weiss ich es, von der anderen nicht.»

Kann ein Baby den Tod verstehen?

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Psychiaterin und Psychotherapeutin Rachel Ziegler: «Ein Säugling versteht den Tod noch nicht so wie ein älteres Kind. Trotzdem kann ein Verlust bereits in diesem Alter spürbar sein. Ein Baby kann nicht sagen, dass ihm eine Person fehlt – es kann aber mit Unruhe, Schlafproblemen, Weinen oder stärkerer Anhänglichkeit reagieren. Gleichzeitig sind Kinder nicht nur an eine einzige Person gebunden. In den ersten Lebensjahren können mehrere intensive Bezugspersonen entstehen. Fällt eine davon weg, kann der Verlust durch andere verlässliche Menschen teilweise aufgefangen werden.»

«Identität entsteht nicht nur aus dem eigenen Erleben, sondern immer auch in Beziehung zu anderen Menschen», sagt die Psychiaterin und Psychotherapeutin Rachel Ziegler und erklärt, dass die eigene Herkunft für die Identitätsentwicklung wichtig sein kann: «Wer seine biologische Herkunft nicht kennt, kann deshalb eine gewisse Orientierungslosigkeit erleben.»

Trauer, die erst mit 45 kommt

Lange Zeit beschäftigt Esther der Tod ihrer Mutter kaum. Sie lebt ihr Leben, reist und arbeitet, doch dann wird sie schwanger. Plötzlich beschäftigt sie der Gedanke an ihre Mutter. «Sie war schwanger und wusste, dass sie an einem Hirntumor sterben wird», so Esther. Sie fragt sich: Warum hat ihre Mutter nichts für sie hinterlassen? Einen Brief? Einen Wunsch? Eine persönliche Nachricht?

Eine Antwort darauf wird sie vermutlich nie bekommen. Das beschäftigt sie. Esther gerät in eine Depression und kommt in eine psychiatrische Klinik. Dort wird ihr erstmals bewusst, was sie verloren hat. Zum ersten Mal trauert Esther bewusst um einen Menschen, den sie eigentlich nie gekannt hat.

Kann Trauer Jahrzehnte später auftauchen?

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Psychiaterin und Psychotherapeutin Rachel Ziegler: «Trauer muss nicht immer unmittelbar und bewusst erlebt werden. Gerade bei kleinen Kindern fehlen die sprachlichen und kognitiven Möglichkeiten, einen Verlust wie Erwachsene zu verstehen. Später können neue Lebensphasen den alten Verlust in einem anderen Licht erscheinen lassen. Bei Esther war es unter anderem die eigene Mutterschaft, die Fragen über ihre verstorbene Mutter wieder in den Vordergrund rückte. Erst Jahrzehnte nach dem Tod konnte sie bewusst darüber nachdenken, dass sie einen Menschen verloren hatte, den sie nie kennenlernen konnte.»

Rachel Ziegler geht davon aus, dass Esther bereits als Baby eine Form von Trauer erlebt hat. Damals war es kein bewusstes Verständnis vom Tod: «Es geht vielmehr um den Schmerz und das Gefühl, dass eine wichtige Person plötzlich fehlt.» Mit dem «selbst Mutter werden» kommt eine andere Ebene hinzu: Esther kann nun verstehen, was ihr eigentlich fehlt.

Ein Vater, den Joya gerne gekannt hätte

Auch Joya (Nachname der Redaktion bekannt) wächst mit einem fehlenden Elternteil auf. Sie kommt kurz nach ihrer Geburt in ein Kinderheim, weil ihre leiblichen Eltern drogenabhängig sind. Die Eltern besuchen Joya so oft sie können im Kinderheim, aber als sie fünf Jahre alt ist, stirbt ihr Vater: «Alle sagten, es sei ein Herzfehler, aber niemand weiss es so genau», so die 25‑Jährige. Der Kontakt mit der Mutter zerbricht, bis heute besteht er nicht mehr.

Später wächst sie in einer Pflegefamilie mit fünf Geschwistern auf. Ihre Pflegeeltern nennt sie Mama und Papa. Trotzdem bleibt die Frage nach ihrer biologischen Familie. Joya hat nur wenige Erinnerungen an ihren Vater. Eine Verbindung zu ihm ist für sie deshalb besonders wichtig: sein Grab. Seit sie denken kann, ist dieser Ort für sie ein Platz, an dem sie ihm nahe sein kann. Sie bringt Blumen oder eine Kerze mit, sitzt dort und spricht mit ihm.

Blumenstrauss mit rosa Rosen und einer gelben Lilie in einer Vase.
Legende:

Joya besucht das Grab ihres verstorbenen Vaters regelmässig (Symbolbild).

Pixabay/goranh

Der Verlust zeigt sich für Joya besonders an wichtigen Stationen ihres Lebens: «Als ich meine Lehre abgeschlossen habe, hätte ich meinen Vater gerne dabei gehabt.» Auch bei einer Hochzeit oder wenn sie eines Tages ein Kind bekommt, würde sie ihm gerne zeigen, was aus ihr geworden ist.

Damit fehlt nicht nur ein Mensch aus ihrer Vergangenheit. Es fehlen auch mögliche gemeinsame Erlebnisse in der Zukunft.

Sie sagte , dass ich meinem Vater ähnlich sehe – im Aussehen und im Charakter.

Joya versucht, ihren Vater aus den wenigen Informationen zusammenzusetzen, die ihr geblieben sind. Lange war ihre Grossmutter die wichtigste Verbindung zu ihm. «Sie sagte, dass ich meinem Vater ähnlich sehe – im Aussehen und im Charakter.»

Nach dem Tod der Grossmutter findet Joya bei der Räumung ihrer Wohnung einige persönliche Gegenstände ihres Vaters: ein Tagebuch, Schmuck und Zeichnungen. Für Joya sind diese Dinge wertvoll. Sie sind eine Möglichkeit, einem Menschen näherzukommen, von dem sie selbst kaum Erinnerungen hat.

«Wer war sie eigentlich?»

Auch Esther macht sich auf die Suche nach ihrer Mutter, denn Esther weiss, dass die Zeit knapp wird. Die Menschen, die ihre Mutter noch gekannt haben, sind heute selbst ungefähr 80 Jahre alt. Esther möchte deshalb jetzt herausfinden, was sie noch erfahren kann.

Ein weiterer Teil der Suche spielt sich in Esthers Kopf ab. Als Jugendliche stellte sie sich ihre leibliche Mutter als jemanden vor, der sie bestimmt verstanden hätte. Die Stiefmutter hingegen erschien ihr als Gegenfigur – fast wie die böse Stiefmutter aus einem Märchen.

Heute sieht Esther das differenzierter: «Ein Mensch, der gestorben ist, kann in der eigenen Vorstellung leicht idealisiert werden», so Esther: «Die Mutter kann nicht mehr widersprechen, enttäuschen oder sich verändern.» Esther kann deshalb nie erfahren, wie ihre Mutter als erwachsene Frau tatsächlich war. Vielleicht wäre sie eine enge Vertraute geworden. Vielleicht auch nicht.

Was bleibt

Beide Frauen wissen, dass sie ihren fehlenden Elternteil nie wirklich kennenlernen werden. Trotzdem gehört er zu ihrer Geschichte. Joya bewahrt die wenigen Gegenstände ihres Vaters auf und besucht sein Grab. Esther sammelt Dokumente über ihre Mutter und sucht Menschen, die sich an sie erinnern. Ihre Erfahrungen beeinflussen sogar, wie Esther selbst mit ihrer Familie umgeht. Sie schreibt für ihre eigenen Kinder Gedanken, Wünsche und Erinnerungen auf.

Joya wiederum hätte ihrem Vater gerne gezeigt, was aus ihr geworden ist. Ein fehlender Elternteil hinterlässt nicht immer dieselbe Lücke. Bei Esther war sie lange kaum spürbar und wurde erst Jahrzehnte später sichtbar. Bei Joya zeigt sie sich vor allem in den Fragen, auf die sie bis heute keine Antwort hat.

Radio SRF 3, Input, 16.8.2026, 20:00 Uhr