Fast 60 Prozent greifen beim Sport zu Schmerzmitteln – jeder Sechste schluckt sie ohne Beschwerden

Die Universitätsmedizin Rostock hat 1.238 sportlich aktive Erwachsene zu rezeptfreien Schmerzmitteln im Sport befragt. Die noch nicht veröffentlichte Auswertung liegt dem rbb vor. Demnach hatten knapp sechs von zehn Befragten solche Mittel bereits im Zusammenhang mit Sport genommen. Von diesen Personen hatte mehr als die Hälfte zuvor keinen ärztlichen Rat eingeholt. Die Zahlen beschreiben die befragte Gruppe; sie lassen sich nicht ohne Weiteres auf alle Freizeitsportler übertragen.

Am häufigsten nannten die Teilnehmer akute Schmerzen als Grund für die Einnahme. Etwa 17 Prozent der Schmerzmittelnutzer gaben aber auch an, Medikamente vorbeugend zu nehmen, obwohl sie keine Beschwerden hatten. Ein ähnlich großer Anteil wollte nach eigenen Angaben beim Spielen weniger gehemmt sein. Mehrfachnennungen waren möglich.

Dabei schätzten viele ihr Wissen über unerwünschte Wirkungen gering ein: Rund 60 Prozent der Nutzer bewerteten ihre Kenntnisse höchstens als mittelmäßig. Die Befragung zeigt damit nicht nur, wie oft Medikamente genommen werden, sondern auch, dass Entscheidungen darüber häufig ohne fundierte Beratung fallen.

Tablette ohne Beschwerden – 17 Prozent nehmen vorbeugend ein

Die Befragung erfasste 776 Männer, 460 Frauen und zwei diverse Personen mit einem Durchschnittsalter von 37,3 Jahren. Als häufigstes Motiv nannten 86 Prozent der Schmerzmittelnutzer akute Schmerzen, 53 Prozent akute Erkrankungen – Mehrfachnennungen waren möglich.

Ein Jugendlicher joggt auf einem laubbedeckten Weg durch einen herbstlichen Park in Sankt Petersburg, Russland. (Symbolfoto)

Ein Jugendlicher joggt auf einem laubbedeckten Weg durch einen herbstlichen Park in Sankt Petersburg, Russland. (Symbolfoto)

© biky/imago

Auffällig ist eine Gruppe, die Schmerzmittel ganz ohne medizinischen Anlass einsetzt: Jeweils knapp 17 Prozent gaben an, die Tabletten vorbeugend zu nehmen oder „hemmungsloser“ spielen zu wollen. 15 Prozent nannten Leistungsdruck als Grund. Gerade bei Freizeitläufern gilt Ibuprofen vor einem Halbmarathon oder Marathon als vermeintliche Versicherung gegen Beschwerden während des Laufs.

Wissen über Nebenwirkungen: Mehrheit schätzt sich schlecht ein

Bei langen Ausdauerbelastungen können Flüssigkeitsverlust und Veränderungen der Durchblutung die Nieren beanspruchen. NSAR können die körpereigenen Mechanismen beeinflussen, mit denen die Nieren ihre Durchblutung unter solchen Bedingungen aufrechterhalten.

In einer randomisierten Studie mit Läufern über 80 Kilometer wurden nach dem Rennen bei 52 Prozent der Ibuprofen-Gruppe und 34 Prozent der Placebo-Gruppe Kreatininwerte gemessen, die den verwendeten Kriterien für eine akute Nierenschädigung entsprachen. Der Unterschied war mit Unsicherheit behaftet und statistisch nicht eindeutig.

Die Forschung erlaubt deshalb keine einfache Aussage wie „Ibuprofen verursacht bei jedem langen Lauf einen Nierenschaden“. Eine Übersichtsarbeit fand Hinweise auf mögliche Zusammenhänge, betont aber, dass für eindeutige Schlüsse bessere Studien nötig sind. Das gilt auch für Fragen zu Magen-Darm-Beschwerden und Störungen des Salzhaushalts. Die Unsicherheit ist allerdings kein Beleg für Unbedenklichkeit.

Schmerzmediziner Jansen: „Warnsignale werden überdeckt“

Der Berliner Schmerzmediziner Jan-Peter Jansen sieht in der unkontrollierten Einnahme eine unterschätzte Gefahr. Schmerzmittel könnten die persönliche Belastungsgrenze verschieben, warnt er im rbb-Interview. Sportler beanspruchten ihren Körper dann stärker, als es ohne Medikamente möglich wäre.

Besonders problematisch: Beschwerden während eines Laufs erscheinen unter Ibuprofen wie normaler Wettkampfschmerz. Überlastete Sehnen, gereizte Schleimhäute oder eine eingeschränkte Nierendurchblutung werden nicht behoben – nur das Warnsignal verschwindet.

Elektrolyte und Hyponatriämie: Wenn Trinken allein nicht hilft

Wenn man als Sportler mehr trinkt, umgeht man das Problem nicht automatisch. In einer Marathonstudie sank der Natriumspiegel in der NSAR-Gruppe durchschnittlich um 2,1 mmol/L, während er in der Kontrollgruppe um 2,3 mmol/L stieg – ein statistisch signifikanter Unterschied.

NSAR können die Ausscheidung von freiem Wasser beeinflussen. Viel reines Wasser zusammen mit Schmerzmitteln verbindet möglicherweise zwei Risikofaktoren für Natriumstörungen. Experten  raten ohnehin, dass man sich einfach am Durst orientiert, statt zwanghaft starre Trinkmengen zuführt.

Kein Leistungsvorteil nachgewiesen – trotzdem weitverbreitet

Studien zufolge verbessern vorbeugend eingenommene NSAR weder die sportliche Leistung noch die Beschwerden nach dem Sport. In Studien veränderten sich zwar manche Blutwerte. Sportler, die Schmerzmittel wie Ibuprofen einnahmen, schnitten aber nicht besser ab als Sportler, die eine Tablette ohne Wirkstoff bekamen.

Eine 2026 erschienene Befragung von 167 Ultra-Ausdauerläufern bestätigt das Muster: 53 Prozent berichteten über NSAR-Gebrauch, obwohl 77 Prozent mögliche Schäden kannten. Informationen stammten häufig aus informellen Quellen statt von Ärzten. Die Einnahme blieb wegen angenommener, aber nicht belegter Vorteile verbreitet.

Das sollten Sie jetzt tun

Sprechen Sie vor der Einnahme von Ibuprofen oder anderen NSAR im Zusammenhang mit Sport mit Ihrem Arzt oder Apotheker – auch wenn das Mittel rezeptfrei ist.

Nehmen Sie Schmerzmittel nicht vorbeugend vor Training oder Wettkampf ein, denn ein Leistungsvorteil ist nicht belegt, die Risiken für Nieren und Magen steigen dagegen unter Belastung.

Trinken Sie bei langen Ausdauereinheiten nach Durstgefühl statt nach starren Mengenangaben und achten Sie auf Elektrolyte.

Lassen Sie bei Diabetes, Bluthochdruck oder regelmäßigem Schmerzmittelgebrauch Kreatinin im Blut und Albumin im Urin ärztlich kontrollieren. Warnzeichen nach einem langen Lauf sind wenig oder kein Urin, anhaltendes Erbrechen, Verwirrtheit, starke Schwellungen, schwarz verfärbter Stuhl, heftige Oberbauch- oder Flankenschmerzen und ungewöhnliche Benommenheit – nach NSAR-Einnahme sollten Sie solche Symptome sofort medizinisch abklären lassen.

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