Geheimer US-Plan? Gerüchte um Fedorows Zukunft verbreiten sich
Fedorows Forderung nach Neuwahlen sorgt für Wirbel in der Ukraine – und heizt die Gerüchteküche an
Stand: 22.08.2026, 22:05 Uhr
Kommentare
Der entlassene Verteidigungsminister Fedorow fordert Wahlen mitten im Krieg – und bringt Selenskyj in die schwerste innenpolitische Krise seit Jahren.
Kiew – Im Mai 2024 endete die reguläre Amtszeit des ukrainischen Präsidenten. In normalen Zeiten hätte es neue Wahlen gegeben. Allerdings gibt es seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine keine Normalität mehr. Selenskyj ist unfreiwilliger Kriegspräsident und sollte es nach der Verfassung der Ukraine bis zum Ende des Krieges auch bleiben.

Die Forderung nach Neuwahlen gilt als Tabu. Bisher hat Wladimir Putin wiederholt versucht, den ukrainischen Präsidenten Selenskyj durch die ausbleibende Wahl demokratisch zu delegitimieren. In seinem sprunghaften Verhältnis zum ukrainischen Amtskollegen hat auch US-Präsident Trump Neuwahlen während des Krieges gefordert. Selenskyj selbst stellte auch Neuwahlen in Aussicht – allerdings gebunden an deutliche Zugeständnisse aus Russland, die faktisch den Krieg beenden würden. Nun reiht sich Mykhailo Fedorow, bis vor wenigen Wochen noch Verteidigungsminister der Ukraine, ein – und macht mitten im Ukraine-Krieg Neuwahlen zum Thema.
Das Tabuthema kehrt in chaotischen Zeiten zurück
„Wir dürfen Putin nicht entscheiden lassen, wann Ukrainer ihre Regierung wählen können“, sagte Fedorow in seiner Videobotschaft, die er kurz nach der offiziellen Nominierung seines Nachfolgers Jewhen Chmara veröffentlichte. Damit ist seine Rückkehr ins Verteidigungsministerium faktisch vom Tisch. Fedorow zog die Konsequenz – und stellte sich offen gegen Präsident Wolodymyr Selenskyj. „Demokratie ist kein Luxus für Friedenszeiten. Demokratie ist Teil dessen, wofür wir heute kämpfen“, betonte er.
Fedorows Entlassung Mitte Juli hatte Selenskyj nie wirklich erklärt. Die Folge: Proteste in Kiew und anderen Städten, die wochenlang anhielten. Fedorow war einer der beliebtesten Politiker des Landes, er war maßgeblich verantwortlich für die Modernisierung der ukrainischen Streitkräfte und den Aufbau der Drohnenkapazitäten. Laut tagesschau.de vertraut ihm inzwischen mehr als die Hälfte der Ukrainer – deutlich mehr als dem Präsidenten selbst. In Umfragen rangiert er auf Platz drei der aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten.
Hinzu kamen Korruptionsskandale: Der Korruptionsermittler NABU durchsuchte Büros im Präsidialamt, Selenskyjs enger Vertrauter Andriy Yermak trat zurück, und Ermittlungen gegen weitere Vertraute des Präsidenten laufen.
Fedorow fordert Neuwahlen, stößt aber auf rechtliche Hürden
Die Reaktionen fallen gespalten aus. Abgeordneter Oleksandr Merezhko von Selenskyjs eigener Partei „Diener des Volkes“ lehnte Fedorows Vorstoß klar ab: „Wahlen unter Kriegsrecht abzuhalten ist rechtlich und politisch unmöglich.“ Sein Fraktionskollege Mykyta Poturaiev nannte Fedorows Video schlicht den Auftakt zu einem eigenen Wahlkampf. Ähnlich sieht das der Kiewer Politologe Wolodymyr Fesenko: „Fedorow schlägt den Ukrainern im Grunde vor, irgendwann selbst zu entscheiden, wer in seinem Konflikt mit Selenskyj recht hat“, sagt der Politologe. „Das ist der Auftakt zu seinem eigenen Wahlkampf“, sagte er dem Tagesspiegel.
Inzwischen werden weitere Spekulationen zu Fedorows Plänen öffentlich. Der ehemalige Verteidigungsminister plant eine Reise in die USA. Offiziell, um „Ressourcen für neue Verteidigungstechnologieprojekte zu gewinnen“, wie die Kyiv Post berichtet. Mit Regierungsbeamten oder US-Politikern sei bislang kein Treffen geplant. Eine Analyse des britischen Guardian legt nahe, dass Fedorow in den USA nach Unterstützern für seine Sache (oder eine potenzielle Präsidentschaftskandidatur) suchen könnte.
Rechtlich kaum möglich – aber politisch wirksam
Das ukrainische Kriegsrecht verbietet Wahlen ausdrücklich. Für eine Präsidentschaftswahl müsste entweder das Kriegsrecht aufgehoben oder die Verfassung geändert werden. Hinzu kämen massive logistische Herausforderungen: Abstimmung für Soldaten an der Front, Millionen Geflüchtete im Ausland, besetzte Gebiete.
Fedorow selbst hat bisher nicht erklärt, ob er kandidieren würde. Sein Umfeld betont, er plane vorerst keine eigene Partei. Doch das politische Feuer, das er entfacht hat, brennt. Und Selenskyjs Löschoptionen sind nach Jahren des Krieges begrenzt. (Quellen: Tagesspiegel, Kyiv Post, Guardian, eigene Recherche) (spr)