Fehlerkultur in der Politik: »Ich habe mich wenigstens etwas getraut«
Z+ (abopflichtiger Inhalt); Fehlerkultur in der Politik: Misserfolg auf ganzer Linie
Politiker sprechen gern über ihre Ziele, Triumphe und Visionen. Was aber wissen sie über das Scheitern? Eine Stimmensammlung aus Sachsen-Anhalt
Aus der ZEIT Nr. 30/2026
Aktualisiert am 12. Juli 2026, 19:48 Uhr
In Sachsen-Anhalt ist gerade ein Festival der Fehlerkultur zu Ende gegangen. Bei sogenannten Fuck-up-Nights für die Demokratie erzählten Politiker vor Publikum von ihren Misserfolgen. Veranstaltet wurden die Abende von einer Kreativagentur in Kooperation mit mehreren politischen Stiftungen – und mit dem Ziel, eine Kultur zu schaffen, »zu der auch Scheitern, Neuanfänge und das öffentliche Lernen aus Fehlern gehören«. Wie also blicken Politiker auf all dies? Sieben Stimmen zur Sache.
Marco Tullner, CDU: Ich bin nicht besonders ängstlich, und ich laufe auch nicht wie ein Scanner umher und halte Ausschau nach dem nächsten Fehler, den ich ja nicht machen darf. Zu einem erfahrenen Politiker gehört auch Selbstbewusstsein. Am Anfang meiner Karriere, vor 35 Jahren, war ich unbedarfter. Außerdem ist Politik das Bohren dicker Bretter, wie Max Weber sagte, das sind Prozesse ohne klaren Anfang und klares Ende. Wenn ein Projekt scheitert, ist es schwierig, das auf eine Person zu verengen. Das macht den Reiz einer Demokratie aus, dass keiner allein verantwortlich ist. Würden Politiker transparenter mit Fehlern umgehen, könnte die Kluft zwischen Bürgern und Politikern kleiner werden, indem sie sich gegenseitig zugestehen, dass niemand wirklich weiß, ob der Lösungsvorschlag funktioniert. Die parlamentarischen Prozesse greifen all diese Unklarheiten auf, aber nach außen wird immer ein perfektes Produkt vermarktet, als würden die Wähler es nicht merken. Diese Unsicherheit mehr zu kommunizieren, könnte Verständnis dafür wecken, dass Demokratie zäh ist und Prozesse lange dauern. Und das macht sie hoffentlich verständlicher und legitimer.