Feindbild der AfD-Fans: Warum eine Grünen-Kandidatin trotz Todesdrohungen weitermacht

Stand: 05.09.2026, 12:18 Uhr

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Wahlkampf in Sachsen-Anhalt kann gefährlich sein. Vor allem Grüne spüren das. Kandidatin Luise Globig macht trotzdem weiter – und hat eine Vision.

Zerbst – Von St. Bartholomäi ist nicht mehr viel übrig. Das Hauptschiff der mittelalterlichen Kirche ist nur noch ein Steinskelett. Im Zweiten Weltkrieg wurden große Teile von Zerbst zerstört. Die Stadt im Osten Sachsen-Anhalts war vor dem Krieg ein Zentrum barocker Architektur. Das kann man zwar noch erahnen, aber die Nazi-Zeit hat Narben hinterlassen.

Luise Globig tritt in Zerbst für die Grünen zur Landtagswahl an.

Luise Globig tritt in Zerbst für die Grünen zur Landtagswahl an. © Peter Sieben

20.000 Menschen wohnen in der Stadt – aber nach der Fläche ist Zerbst die fünftgrößte Kommune Deutschlands. Viele kleine Dörfer umringen den Altstadtkern wie ferne Trabanten, mit Bus und Bahn unterwegs zu sein, ist mühsam. Heute geht ein Graben durch die Stadt. Den kann man nicht sehen, aber spüren, wenn man über den Platz nah am Schloss schlendert und mit den Menschen ins Gespräch kommt. 40 Prozent der Wählerinnen und Wähler haben bei der letzten Bundestagswahl ihre Stimme der AfD gegeben. Bei der kommenden Landtagswahl könnten es noch mehr sein. „Wenn ich mir vorstelle, dass meine Nachbarn vielleicht den Siegmund wollen, wird mir Angst und Bange“, erzählt eine Frau, die ihren Namen lieber nicht öffentlich sagen will.

Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD, will Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt werden. Feelgood-Rechtsextremist nennen ihn manche, weil er dauerlächelnd und akkurat gescheitelt eine Rückkehr in die 90er Jahre heraufbeschwört und dabei seine völkischen Visionen propagiert. Luise Globig wird deutlicher. „Ulrich Siegmund ist auf jeden Fall ein Nazi“, sagt sie. „Nur weil er nicht mit dem Baseballschläger wie andere AfD-Abgeordnete durch die Gegend zieht, sondern im schönen Anzug, macht ihn das nicht weniger gefährlich.“

Feindbild der AfD-Fans: „Ihr Grünen seid doch alle Pädos“

Globig kandidiert für die Grünen in Zerbst. Das kann gefährlich sein. Die Grünen sind absolutes Feindbild für viele hier im Bundesland. Einen Tag vorher hat das Grünen-Chef Felix Banaszak zu spüren bekommen, der in Haldensleben einen friedlichen Protest gegen ein AfD-Fest besucht hatte, und sich einen lautstarken Disput mit zwei AfD-Fans lieferte. Anders als den Berliner Polit-Promi erkennt man Luise Globig nicht überall. Aber in Zerbst und seinen umliegenden Dörfern eben schon. Minuten vorher, als sie zu Fuß zum Interviewtermin unterwegs war, habe ein Mann mit dem Auto nahe neben ihr angehalten, das Fenster heruntergelassen und gerufen: „Ihr Grünen seid doch alle Pädos.“

Pöbeleien, Beleidigungen, das gebe es regelmäßig. Online sowieso. „Im Grunde stündlich“, sagt die 33-Jährige. Immer wieder sind auch Todesdrohungen dabei. „Erhäng dich sofort“ habe neulich jemand geschrieben, erzählt sie im Plauderton, als wenn das nichts Besonderes wäre. „Man stumpft schon ab“, sagt Globig. Manchmal sei es schwierig, die eigenen Visionen zur Landtagswahl nach vorne zu bringen, weil man sich am Ende dann doch immer wieder mit der AfD beschäftige.

Dabei gibt es ganz andere Themen. Zerbst hat zum Beispiel einen massiven Lehrermangel, die Grundschulen lassen sich kaum erhalten. Globig fordert mehr Einsatz. „Für jedes Kind soll es von Klein auf eine gute Bildung geben, unabhängig vom Elternhaus“, sagt die Politikerin, die als Erzieherin arbeitet. Die AfD indes will am liebsten die Schulpflicht ganz abschaffen. Zum Glück gebe es noch viele Menschen, die nicht die AfD wählen, und mit denen man eine vernünftige Politik machen könne, sagt Globig. Dafür setzt sich auch „Ich wähle demokratisch, weil“ ein, Globig unterstützt die Initiative aktiv. Die Idee: Bekannte Zerbster zeigen ihre Gesichter auf Plakaten und werben dafür, die Stimme einer der Parteien zu geben, die anders als die AfD in Sachsen-Anhalt nicht vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingeordnet werden.

Das ist mutig. Geht man durch die Straßen, sieht man immer wieder Plakate, die halb abgerissen oder beschmiert sind. Globig rechnet sich für die Landtagswahl keine überragenden Chancen aus. Wieso dann überhaupt der ganze Ärger? Das Aushalten der Pöbeleien? Warum nicht aufgeben? „Kann man das wirklich?“, fragt sie. „Für mich ist das gar keine Möglichkeit. Jeder, der sich aus der Politik zurückdrängen lässt, macht es schwerer für alle, die Sachsen-Anhalt demokratisch erhalten wollen.“