Felsmassen über Bergdorf könnten sich lösen: Evakuierungspläne für kleine Alpen-Gemeinde erarbeitet
Stand: 25.08.2026, 21:56 Uhr
Felssturz-Gefahr in der Schweiz: ein Bergdorf warnt selbst vor weiteren Abbrüchen – droht bald ein zweites Blatten? Die Behörden geben eine Einschätzung.
Kandersteg – Über dem Berner Oberländer Dorf Kandersteg in der Schweiz ist ein ganzer Berghang in Bewegung geraten. Am „Spitze Stei“ oberhalb des Oeschinensees können sich laut den zuständigen Behörden jederzeit weitere Felsmassen lösen – im Extremfall könnten es bis zu 16 bis 18 Millionen Kubikmeter Gestein sein. Die Gemeinde Kandersteg informiert die Öffentlichkeit inzwischen selbst laufend über die Gefahrenlage, mit Lagebeurteilungen, Messdaten und einer eigenen Gefahrenkarte.

Am 8. August 2026 brachen am „Spitze Stei“ rund 1500 Kubikmeter Gestein ab. Für die Fachleute der kantonalen Abteilung Naturgefahren war das nach eigenen Angaben ein vergleichsweise kleines Ereignis. Die instabile Felsflanke wird bereits seit 2018 systematisch untersucht und kontinuierlich überwacht, wie die auf das Gefahrenmanagement spezialisierte GEOTEST AG mitteilt, die im Auftrag der Behörden die Messungen begleitet.
Kanton Bern mit Einschätzung nach Regen – „Gefahrensituation unverändert“
Laut der Gemeinde Kandersteg werden die Messdaten regelmäßig von Fachleuten ausgewertet. Daraus ergeben sich Gefährdungsflächen mit zugeordneten Gefahrenstufen, die im Rahmen wöchentlicher bis täglicher Lagebeurteilungen kommuniziert werden. Bei Bedarf ordnet die Gemeinde zusätzliche Maßnahmen an. Die nächste reguläre Lagebeurteilung war für Ende August angesetzt.
Nach den jüngsten Regenfällen hat der Kanton Bern zunächst keine Verschärfung der Lage festgestellt. Nils Hählen, Leiter der Abteilung Naturgefahren des Kantons Bern, erklärte, die Gefahrensituation sei unverändert. Eine markante Zunahme der Bewegungen am Berg sei nur bei deutlich größeren Wassermengen zu erwarten. Innerhalb von 72 Stunden waren in Kandersteg vergangene Woche rund 25 Millimeter Niederschlag gefallen – aus Sicht der Fachstelle vergleichsweise wenig.
Dorfzentrum in „roter Zone“ – Behörden warnen vor Murgängen und Lebensgefahr
Die kantonalen Fachleute für Naturgefahren gehen laut eigenen Angaben nicht vom Worst-Case-Szenario aus, also dem Abbruch der gesamten in Bewegung geratenen Felspartie. Wahrscheinlicher seien kleinere Abbrüche, aus denen in der Folge Murgänge und Überschwemmungen entstehen könnten. Diese könnten das Siedlungsgebiet von Kandersteg erreichen. Die kantonale Fachstelle unterstützt die Gemeinde sowohl bei der Überwachung als auch bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen.
Für den Ernstfall hat die Gemeinde Evakuierungspläne erarbeitet und das Dorf in Gefährdungszonen eingeteilt. Rot steht dabei für erhebliche Gefährdung – und ausgerechnet das Dorfzentrum von Kandersteg fällt laut dieser Karte in diese höchste Kategorie. Bereits 2022 hatte die Gemeinde deshalb eine Planungszone über das betroffene Gebiet verhängt, die vorübergehende Einschränkungen für Bauvorhaben mit sich bringt. Ergänzend dazu gibt es eine behördenverbindliche Gefährdungskarte, die zwischen geringer, mittlerer und erheblicher Gefährdung unterscheidet. Auch an einer Staumauer in der Schweiz ereignete sich zuletzt ein Felssturz.
Bis Ende 2026 soll aus diesen vorläufigen Einstufungen eine definitive Gefahrenkarte werden. Die aktuellen Maßnahmen gelten bislang nur als Übergangslösung. Auf der Website der Gemeinde heißt es zu den gesperrten Bereichen deutlich: In den abgesperrten Zonen bestehe Lebensgefahr. Gleichzeitig weist die Gemeinde darauf hin, dass kleine, spontane Abbrüche vom Spitze Stei jederzeit möglich blieben.
Kandersteg wie Blatten? Gemeinde und Kanton widersprechen dem Vergleich
International sorgte die Situation in Kandersteg zuletzt für Aufsehen – ausländische Medien zogen Parallelen zum Bergsturz, der das Walliser Dorf Blatten im Mai 2025 zu großen Teilen verschüttet hatte. Die Gemeinde und die kantonale Fachstelle relativieren diesen Vergleich jedoch selbst deutlich. Bewohntes Gebiet sei nach aktuellem Stand der Behörden nicht in Gefahr, betonen sowohl Kanton als auch Gemeinde. Die Lage in Kandersteg unterscheide sich von jener in Blatten.
Die Gemeinde Kandersteg überwacht den instabilen Berghang bereits seit mehreren Jahren und passt ihre Schutzmaßnahmen der jeweils aktuellen Gefahrenlage an. Vorbereitet ist man dabei auch auf Rückmeldungen aus der Bevölkerung: Wer sich für die Lageupdates anmeldet, erhält die Bulletins der Gemeinde direkt – die Daten würden ausschliesslich für dieses Informationsangebot verwendet und nicht weitergegeben, versichert die Gemeinde. Quellen: gemeindekandersteg.ch, naturgefahren.sites.be.ch, geotest.ch. (bk)