Wenn sich Frauen die Wut von der Seele schreiben

"Female Rage" in der Literatur

Wenn sich Frauen die Wut von der Seele schreiben

Bücher zum Thema Female Rage stehen auf einem Tisch in einer Buchhandlung (Quelle: rbb)
Bücher zum Thema "Female Rage" stehen auf einem Tisch in einer Buchhandlung. (Quelle: rbb)

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Von

Kai Salander und Lukas Haas

Die Tische im koreanischen Restaurant füllen sich langsam zum "Read&Eat" - ein Event, bei dem gemeinsam gegessen und über Bücher diskutiert wird. Die Gäste sind auf Einladung des Buchclubs "Feminist Fiction Berlin" nach Berlin-Schöneberg gekommen, um sich über Literatur auszutauschen.

Auf dem Tisch liegt der Roman "Crying in H Mart" von Michelle Zauner, ein Buch über Trauer und die Verlusterfahrung einer Tochter, die ihre Mutter verliert und zwischen der amerikanischen und koreanischen Kultur nach der eigenen Identität sucht. Ein wichtiges Motiv im Buch neben der Trauer: Wut - darüber, dass ihr die koreanische Kultur der Mutter oft fremd geblieben ist.

"Female Rage" bekommt eigene Regale

Am Tisch überrascht das niemanden. Bücher, die Wut thematisieren, lesen sie hier häufig. "Wut gehört zum Alltag vieler Frauen. Wir erleben ständig Ungerechtigkeiten", sagt Sophie Pownall, Mitbegründerin des Buchclubs. Wut sei deshalb eine sehr normale Reaktion auf ungleiche Bezahlung im Vergleich zu Männern, ungleich verteilte Arbeit bei Erziehung und Pflege, sexuelle Übergriffe - und daher ein Thema vieler feministischer Bücher.

Inzwischen ist die Wut von Frauen ein populäres Thema in der Literatur geworden, das bis in die Bestsellerlisten reicht. Neuerscheinungen namhafter Autorinnen dazu werden oft zu Verkaufsschlagern, im Buchhandel finden sich eigene Regale dafür - unter dem Label "Female Rage".

Wut rückt Ungerechtigkeiten in den Blick

Im Kern der "Female-Rage"-Literatur steht die Wut von Frauen angesichts gesellschaftlicher Verhältnisse und leidvoller Erfahrungen. In den Büchern von Mareike Fallwickl etwa - einer der erfolgreichsten Autorinnen im deutschsprachigen Raum - richtet sich die Wut gegen die Last der Familienarbeit, die auf Frauen abgeladen wird; gegen Männer, die sich aus der Erziehung und Pflege der Kinder herausziehen und gegen sexualisierte Gewalt. Das kommt an, fast alle ihre Bücher landen weit oben in den Bestsellerlisten.

Auch die Bücher der Cottbuserin Ruth-Maria Thomas sind sehr erfolgreich und werden oft mit dem Etikett "Female Rage" versehen. Wut sei für sie ein wichtiges Motiv, etwa in ihrem neuen Buch 'Die zweitgrößte Liebe'.

"Ich habe über eine wütende Protagonistin geschrieben, die keine Lust hat, diese Wut zu verstecken, die keine Lust hat ihre Zornesfalte wegzubotoxen", sagt sie. Die Protagonistin, das Kind einer alleinerziehenden Mutter, stehe dazu, dass sie wütend sei, weil ihr das Leben und das Patriarchat häufig Steine in den Weg geworfen hätten.

"Wut ist was Lautes und Starkes und schafft es einfach, dass diese Ungerechtigkeiten ins Licht gerückt werden", sagt Ruth Maria Thomas. Wut sei ein Mittel, den Blick auf die Probleme von Frauen zu richten.

Weg von der leidenden Frau

Wie etabliert diese Bücher inzwischen sind, kann man daran sehen, dass der Buchhandel den Trend aufgreift. Auch im Kulturkaufhaus Dussmann in der Friedrichstraße hat man inzwischen Regale für Bücher zusammengestellt, die "Female Rage"-Bücher bündeln. Doch um ein eigenes Genre handele es sich nicht, sagt Vertriebsleiterin Diana Fröhlich. Vielmehr werde das Thema der weiblichen Wut in verschiedenen Genres – von Horror über Coming of Age bis hin zu Romance – aufgegriffen.

Was die Titel verbinde, seien die Hauptfiguren, meist Romanheldinnen. "Wir gehen weg von der passiven, leidenden Frauenfigur hin zu einer wütenden, die Gesellschaft nicht mehr akzeptierenden, die Unterdrückung, Sexismus, Patriarchat nicht mehr akzeptierenden Figur", sagt Diana Fröhlich.

Mehr verschiedene Stimmen als früher

Natürlich habe es weibliche Wut auch schon früher in der Literatur gegeben, sagt Literaturwissenschaftlerin Katerina Brausmann von der TU Braunschweig, die sich mit der "Female Rage"-Literatur beschäftigt - etwa in den Werken von Elfriede Jelinek oder sogar schon in der griechischen Tragödie Elektra.

Neu sei, dass viel mehr Frauen mit unterschiedlichen Stimmen zu Wort kämen - aus unterschiedlichen Klassen und Herkünften. Dadurch entstehe ein breites Spektrum, in dem die weibliche Wut Ausdruck findet.

Aufschwung nach der MeToo-Debatte

Für Brausmann hat die aktuelle Popularität der Bücher mehrere Gründe, die sich gegenseitig verstärken. Den Startpunkt sieht sie in der MeToo-Bewegung, die dazu geführt habe, dass Autorinnen sich neuerdings mit weiblicher Wut befasst haben - erst vor allem in Sachbüchern über Ungleichheit, später in der Belletristik.

Auch jüngste Ereignisse wie der Fall Pelicot oder die Enthüllungen um das Missbrauchs-Netzwerk des amerikanischen Milliardärs Jeffrey Epstein würden zur Popularität beitragen.

"Frauenrechte werden wieder infrage gestellt und 'Female Rage' ist eben auch eine Reaktion darauf, diese Rechte beizubehalten und für mehr Rechte zu kämpfen", sagt Brausmann.

Wut, die bestärkt

Zusätzlich befeuern die Sozialen Medien den "Female Rage"-Boom, etwa durch Buchbesprechungen auf Tiktok unter dem Hashtag Booktok. "Wenn man sich in einer entsprechenden Bubble befindet und sich für feministische Themen interessiert, dann landet man sehr schnell in diesem Bereich, in diesem Trend", sagt Diana Fröhlich. Die Leserschaft sei vorwiegend weiblich, oft auch jung.

Viele der Leserinnen empfinden die Lektüre der "Female Rage"-Literatur als bestärkend, weil sie einen neuen Umgang mit dem Gefühl finden - auch im Buchclub Feminist Fiction Berlin steht man zur eigenen Wut. "Dank der feministischen Literatur weiß ich jetzt, dass Wut keine schlechte Emotion ist", sagt Sophie Pownall. Es sei eine sehr normale Reaktion angesichts der Ungleichheiten, unter denen Frauen immer noch litten.

Sendung: radio3 vom rbb, 20.08.2026, 16:40 Uhr

Audio: radio3 vom rbb, 20.08.2026, Kai Salander

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