Ferda Ataman: »Kämen Männer in die Wechseljahre, gäbe es mehr Fachärzte als McDonald’s-Filialen in Deutschland«

Rund elf Millionen Frauen in Deutschland sind derzeit in den Wechseljahren, doch passende Unterstützung bei Beschwerden ist für sie oft schwer zu finden. Ein von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes eingesetztes Gremium fordert deshalb in einem Handlungspapier  bessere medizinische Versorgung, mehr Hilfe am Arbeitsplatz und einen stärkeren Schutz vor Benachteiligung.

Offen über Beschwerden zu sprechen, falle vielen schwer. »Wer Bedürfnisse und Probleme am Arbeitsplatz anspricht, wird schnell als Belastung abgestempelt«, sagt die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Ferda Ataman. Dabei seien Frauen in diesem Alter für viele Branchen besonders wichtig. »Unsere Gesellschaft ist auf Leistungsträgerinnen in den Wechseljahren angewiesen.«

Hitzewallungen, Schlafstörungen oder Erschöpfung können die Wechseljahre begleiten. Allerdings erlebt nicht jede Frau diese Phase gleich. »Aus neuen Erhebungen wissen wir, dass etwa 85 Prozent Symptome fühlen«, sagt die Journalistin und Autorin Miriam Stein, die das interdisziplinäre Gremium »Wechseljahre und Diskriminierung« mitgeleitet hat.

Starke Belastungen für Frauen

Nach Angaben des Gremiums erleben Frauen in Deutschland den Beginn der Wechseljahre statistisch mit 51 bis 52 Jahren. Danach liegen im Durchschnitt noch mindestens 15 Jahre Erwerbsleben vor ihnen. Eine DAK-Auswertung, auf die sich die Handlungsempfehlungen stützen, zeigt zugleich: Jede dritte betroffene Frau berichtet von teils starken beruflichen Belastungen, etwa eingeschränkter Arbeitsfähigkeit, mehr Fehltagen oder Arbeitsausfällen.

Was helfen kann, hänge vom Arbeitsplatz ab. Ataman nennt flexible Arbeitszeiten, geeignete Raumtemperaturen, einen guten Zugang zu Toiletten und betriebsärztliche Beratung. Für Beschäftigte etwa in der Pflege oder Gastronomie, die nicht einfach ins Homeoffice wechseln könnten, brauche es andere Lösungen.

»Wir haben ein Versorgungsproblem«

Frauen mit Wechseljahresbeschwerden suchten zudem Anlaufstellen, fänden sie aber oft nicht. »Wir haben in diesem Land ein Versorgungsproblem«, sagt die Chefärztin für Gynäkologie am Vivantes Klinikum, Mandy Mangler. Ein Grund dafür sei auch, dass sich Medizin und Forschung lange stark am männlichen Körper orientiert hätten. Frauengesundheit sei dadurch in vielen Bereichen zu kurz gekommen.

Wie wenig Raum die Wechseljahre bis heute in der Ausbildung einnehmen, macht Mangler am Beispiel der Berliner Charité deutlich. Dort gibt es ihr zufolge zum Thema Menopause lediglich eine Vorlesung. Man könne Ärztin oder Arzt werden, ohne sich damit intensiver beschäftigt zu haben. Ataman meint: »Kämen Männer in die Wechseljahre, gäbe es mehr Fachärzte als McDonald’s-Filialen in Deutschland. Da bin ich mir sicher.«

Nach Ansicht des Gremiums soll das Thema nicht nur stärker in Studium und Facharztausbildung verankert werden. Es soll auch eine eigene Abrechnungsziffer für die Wechseljahresberatung geschaffen werden. Bisher gibt es diese nicht. Mangler zufolge ist eine ausführliche Beratung für Praxen bislang schwer abzurechnen.

Gremium will nationale Strategie für Wechseljahre

Über einzelne Verbesserungen hinaus fordert das Gremium eine nationale Wechseljahresstrategie. Sie soll Gesundheitsversorgung, Arbeitswelt, Forschung, Bildung und den Schutz vor Diskriminierung zusammenführen. Bislang fehle dafür eine übergreifende politische Koordination.

Betroffene sollen außerdem früher und besser über die Wechseljahre informiert und Forschungslücken geschlossen werden. Das Gremium schlägt etwa vor, eine bundesweite Aufklärungskampagne zu starten und leicht zugängliche Informationen schon vor Beginn der Wechseljahre bereitzustellen.

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Auch beim rechtlichen Schutz sieht das Gremium offene Fragen. Geprüft werden solle, ob Benachteiligungen wegen der Wechseljahre vom Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz bereits ausreichend erfasst seien.

Ataman fordert vor allem aber einen anderen Umgang mit dem Thema. »Die Wechseljahre müssen endlich raus aus der Tabuzone. Sie sind kein individuelles Problem, das jede Frau für sich allein bewältigen muss.«