Feuersturm vor den Toren von Bordeaux, nationaler Notstand in Spanien
Waldbrände
Feuersturm vor den Toren von Bordeaux, nationaler Notstand in Spanien
Die Waldbrände in Südwestfrankreich greifen um sich, Präsident Macron bietet die Armee auf. Auch in Spanien wüten unkontrollierbare Brände – drei davon haben sich mittlerweile fast zu einem zusammengetan
Stefan Brändle Reiner Wandler
Die Waldbrände an der französischen Atlantikküste haben sich am Wochenende ausgeweitet. 42.000 Hektar Wald, aber auch Wohnviertel und Zeltplätze sind bis am Sonntag abgebrannt. 220.000 Menschen mussten evakuiert und in Sport- und anderen Hallen untergebracht werden. Zwei Feuerwehrmänner sind ums Leben gekommen. Die Flammenfront erreichte am Sonntagnachmittag den Großraum der Metropole Bordeaux. Die Eisenbahnlinie Bordeaux – Biarritz musste am Sonntag gesperrt werden. Die Tour de France verkürzte ihre letzte Etappe. Andernorts in Frankreich, so etwa im Departement Var in der Provence, brennen ebenfalls Wälder.
Im Kampf gegen die Brände sind zwischen Bordeaux und Arcachon 2500 Feuerwehrleute im Einsatz. Präsident Emmanuel Macron, dem zuerst Passivität vorgeworfen wurde, hat die Europäer um Hilfe ersucht. Mehrere Länder haben Löschflugzeuge und Hubschrauber geliefert. 1500 Soldaten nehmen Zivildienstaufgaben wahr.
Feuerstürme und Zombiefeuer
Allerdings sind die Brände kaum zu stoppen. In Frankreich stellen die Wetterexperten erstmals in Europa ein Phänomen fest, das von den Megabränden in den USA und Kanada bekannt ist: die "Feuerstürme". Die gewaltige Hitze eines solchen "Pyrocumulonimbus" produziert Winde, die ständig die Richtung ändern und immer mehr Brände entfachen. Die Feuerwehrleute sind dagegen oft machtlos. Zudem bewirken die Feuer durch die steigende Heißluft plötzliche Gewitter, deren Blitze neue Brände auslösen. Der Regen verdampft, bevor er den Boden erreicht hat, wie der Meteorologe Eric Rigolot am Sonntag erklärte.
Auch die Klimakrise spielt eine Rolle. Die meisten Großfeuer werden zwar meist durch menschliche Unachtsamkeit oder Brandstiftung verursacht – bei Bordeaux soll ein Funkenschlag durch Schneidarbeiten an Leitungen schuld sein. Zwei Personen wurden wegen des Einsatzes von Feuerwerken festgenommen. Klimabedingt ist dagegen die Trockenheit der Wälder und des Buschwerks. Sie sorgt für die rasante Ausbreitung der Brände. Die extreme Hitze bewirkt neuartige Phänomene. In den Kieferwäldern der "Landes" südlich von Bordeaux explodieren Kiefernzapfen, was die Funken weiterträgt. Bei dem jüngsten Waldbrand in Fontainebleau bei Paris gab es so genannte "Zombiefeuer", die sich in Torfgebieten unterirdisch vorwärtsbewegten und mitten in der Nacht ausbrachen.
Und das, obwohl es im Winter und Frühjahr noch viel geregnet hatte. Dieser paradox wirkende Nebeneffekt der Klimaerwärmung führte zu einem starken Anstieg der Vegetation. In den drei Hitzewellen seit Juni trocknete sie aber aus – und wird nun zu einem gefundenen Fressen für die Flammen.
Gefährliche Trockenheit auch in Spanien
Auch in Spanien hatte es im Winter und Frühjahr viel geregnet – und auch dort ist es jetzt viel zu trocken. Ein Funke reicht, damit ein Brand entsteht, der schon kurz darauf völlig unkontrollierbar ist. So etwa am Oberlauf der Río Alberche, am beliebten Urlaubsort Burgohondo: Hier entstand einer der drei Hauptbrände, die sich mittlerweile fast zu einem zusammengetan haben. Trotz Verbot arbeitete ein mittlerweile inhaftierter Mann mit einer schweren Landmaschine und verursachte Funken. Das Tal stand blitzschnell in Flammen.
Eine Autostunde westlich der spanischen Hauptstadt liegt das Epizentrum der größten Brandkatastrophe, die die bewaldete, bergige Gegend zwischen den Provinzen Madrid, Avila und Toledo bisher gesehen hat. 90.000 Menschen wurden evakuiert. Über 40.000 Hektar sind verbrannt, die Hälfte davon Wald. Natur und Viehzucht sind einer schwarzen, staubigen Wüste gewichen. Das Feuer hat in den vergangenen Tagen Dutzende Kilometer zurückgelegt, an einer Stelle drei Kilometer in nur 40 Minuten. Sobald der Wind dreht, nimmt das Feuer Dörfer ins Visier, die bisher als sicher galten.
Mehr Menschen betroffen
In San Martín de Valdeiglesias in der Provinz Madrid geriet kurz vor dem Ortseingang ein Auto in Brand. Als Einsatzkräfte eintrafen, stand die Vegetation bereits meterhoch in Brand. Das Feuer breitete sich mit großer Geschwindigkeit aus. 20 Kilometer weiter südlich in Almorox, in der Provinz Toledo, brannte es da bereits und erste Wohngebiete, idyllisch im Wald gelegen, meist in Besitz von naturbegeisterten Hauptstädtern, mussten evakuiert werden. Die Polizei sucht noch nach der Brandursache.
Es ist flächenmäßig nicht die größte Brandkatastrophe, die Spanien bisher gesehen hat, aber es betrifft eine Gegend mit viel mehr Menschen als bei anderen Bränden. Es sind vor allem Häuser bedroht, die in den letzten Jahrzehnten in kleinen und größeren Siedlungen außerhalb der Ortschaften inmitten von Pinienhainen entstanden. Sie sind bei solchen Großbränden nur schwer zu schützen.
Die Rettungskräfte der drei betroffenen autonomen Regionen, Madrid, Castilla La Mancha und Castilla León sowie der paramilitärischen Polizei Guardia Civil, des Katastrophenschutzes und der Notfalleinheit der Armee UME arbeiten koordiniert durch die Zentralregierung, die den nationalen Notstand ausgerufen hat – zum ersten Mal bei einem Waldbrand. Ihr Ziel: Das Feuer endgültig an allen Flanken einzudämmen und vor allem zu verhindern, dass es sich zum einen weiter die Bergkette entlang ausbreitet – etwa in Richtung Weltkulturerbe El Escorial oder gar gen Südosten den Weg in die ersten Vororte Madrids findet. Zumindest das sei, so die Einsatzleitung, mittlerweile gelungen. (Stefan Brändle aus Paris, Reiner Wandler aus Madrid, 26.7.2026)
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