Filmfest Venedig: Frauenquote, Gaza-Debatte und Herzogs surreales Märchen
Filmfestspiele von Venedig: Maggie Gyllenhaal sucht Frauen, und Werner Herzog lässt Tunnel graben
Am Lido beginnt das Festival mit einer Geschlechterdebatte, Gaza bleibt als Schatten präsent – und Werner Herzog liefert mit «Bucking Fastard» ein schräges Märchen ab.
03.09.2026, 18.00 Uhr
5 Leseminuten

Joan (Kate Mara) und Joan (Rooney Mara) teilen wie siamesische Zwillinge alles im Leben.
PD
Von wegen eitel Sonnenschein unterm wolkenlosen Himmel über dem Lido. Bereits zur Eröffnung der Filmfestspiele von Venedig wurde die erste Breitseite abgefeuert: Die Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal («The Bride») kritisierte an der ersten Pressekonferenz den extrem geringen Anteil von Regisseurinnen im diesjährigen Wettbewerb.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Unter 21 Beiträgen findet sich lediglich einer, der allein von einer Frau gedreht wurde: May el-Toukhys «Woman Unknown». Dies sei ein systemisches Problem, befand Gyllenhaal. Filme von Frauen hätten es schwieriger, finanziert zu werden. Zudem würden weibliche Perspektiven und Erfahrungen selten als grosse Kunst ernst genommen. «Wer entscheidet darüber, was wertvoll ist?», fragte die Schauspielerin und Regisseurin.
Ein deutlicher Hinweis in Richtung des Festivaldirektors Alberto Barbera. Der hatte zuvor beteuert, die Anzahl habe allein an der Qualität der Auswahl gelegen. Das wäre dann aber der Massstab, an dem er auch sämtliche männlichen Kollegen messen müsste – und dass dieser in einem Jahrgang mit wenig richtig prominenten Namen, vielen Altmeistern des Autorenkinos und manchem Unbekannten durch die Bank durchgehalten wird, ist zu bezweifeln.

Der Festivaldirektor Alberto Barbera und die Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal an der Eröffnung des Festivals am 2. September.
Dave Bedrosian / Imago
Das Dauerthema Gaza
Zuvor war die Pressekonferenz der Jury abgesagt worden, ehe sie unauffällig wieder angesetzt wurde. Womöglich hatte die Biennale eine Wiederholung der Berlinale vermeiden wollen, bei der es in diesem Jahr vor den versammelten Journalisten plötzlich kaum mehr ums Kino ging, sondern vor allem um die Haltung der Filmschaffenden zu Gaza.
Mit dem Thema hat auch Venedig seine Erfahrungen gemacht: 2025 marschierte eine aufgekratzte Pro-Palästina-Demo am Festivalgelände vorbei, üblicherweise sieht man Fahnen, Sticker und Slogans an Hafenmauern, offene Protestbriefe kursieren inzwischen ohnehin so selbstverständlich wie Häppchen bei jedem Kulturanlass.
Bei der 83. Ausgabe ist vom Dauerkonflikt noch wenig zu spüren, doch das könnte sich ändern: In der Jury sitzt mit Kaouther Ben Hania jene Regisseurin, um deren Film «The Voice of Hind Rajab» es letztes Jahr dem Vernehmen nach bei der Wahl um den Goldenen Löwen einigen Zank gegeben hat. Schliesslich erhielt ihre einseitige und emotionalisierende Anklage gegen Israel den Grossen Preis der Jury. Den Hauptpreis hingegen gewann Jim Jarmusch.
Fast als nachgeschobene oder vorbeugende Entschuldigung kann man daher den Entscheid sehen, wenige Tage vor Beginn des Festivals einen weiteren Beitrag in den Wettbewerb zu schieben: «Naza», produziert unter anderem von der britischen Zeitung «The Guardian». Allerdings recht spät im Terminkalender platziert, so dass ein guter Teil der Presse nicht mehr anwesend sein wird.
Der Dokumentarfilm wurde über den Dächern von Tel Aviv gedreht und will die systematische und massenweise Tötung palästinensischer Zivilisten enthüllen. Regie führten mit Yuval Abraham und Rachel Szor zwei Macher des mit dem Oscar prämierten «No Other Land». Die politische Stossrichtung ist entsprechend eindeutig: volle Verantwortung für Israel. Immerhin kommt für den Wettbewerb damit ein halber Frauencredit dazu.

Dieses Jahr ist sie Jurypräsidentin, im Jahr 2021 hat Maggie Gyllenhaal in Venedig ihr Regiedebüt «The Lost Daughter» präsentiert.
Marco Barada / Imago
Man spricht Deutsch
Zwar erhielt gleich am ersten Abend mit George Clooney ein Stammgast am Lido den Goldenen Ehrenlöwen und brachte entsprechend Glamour für den roten Teppich mit. Doch die ganz grossen Hollywood-Produktionen fehlen, also muss man sich anderweitig umsehen. Auffällig: Man spricht Deutsch heuer, viel. Nicht nur in den Gassen Venedigs, wo ein babylonisches Sprachengewirr zu vernehmen ist, das sich fast ausschliesslich aus deutschen Dialekten zusammensetzt.
Auch am Filmfest laufen etliche Beiträge mit deutscher Beteiligung: «The Girl with the Leica» mit Emilia Schüle und den Schweizern Luna Wedler und Joel Basman. Wim Wenders Doku über den Architekten Peter Zumthor, die im Herbst in der Schweiz am ZFF zu sehen sein wird. Und, heiss erwartet: der neue Spielfilm des bayrischen Haudegens Werner Herzog.
Was wohl die Jurypräsidentin Gyllenhaal über «Bucking Fastard» und die Vorstellungen von Weiblichkeit darin denkt? Und ob der Film selbst den sogenannten Bechdel-Test bestehen würde, der untersucht, ob sich mehr als eine namentlich benannte Frau über mehr als nur Männer unterhält? Das könnte in diesem Fall eng werden.
Zwei Frauen stellen zwar die Hauptfiguren, Jean und Joan Holbrooke, gespielt von den Schwestern Kate und Rooney Mara. Sie sind eineiige Zwillinge, die die meisten Sätze wortgleich gemeinsam sprechen und auch sonst alles im Leben teilen. Selbst die Liebe zu ihrem Nachbarn Gareth Mulroney (Orlando Bloom), der betrunken Gottesdienste stört.
Doch leider heiratet der eine andere, und die zornigen Schwestern, die ihm weiterhin nachstellen, landen als Stalkerinnen vor Gericht. Von dort aus beginnt eine kleine Odyssee durchs ländliche Irland, an deren Ende Jean und Joan mit Hämmern einen Tunnel durch einen Berg schlagen. Immer auf der Suche nach einem Sehnsuchtsort, wo sie sein dürfen, wie sie sind – und der perfekte Mann auf sie wartet.
Sämtliche Lebensthemen in einem Film
Bereits 2002, in seiner Autobiografie «Jeder für sich und Gott gegen alle», hatte Werner Herzog den Film als sein nächstes Projekt angekündigt. Die Geschichte der Schwestern, die ihre Gesten synchron aufeinander abgestimmt haben und sich sogar mit vier Händen an einer Sardinenbüchse abmühen, basiert auf einem realen Fall: Greta und Freda Chaplin, die 1981 in der britischen Boulevardpresse auftauchten und die Herzog besuchte.
Gewidmet ist «Bucking Fastard» der im Januar 2025 gestorbenen Regielegende David Lynch. Doch dessen Messlatte hängt hoch: Trotz manch hübsch grotesken Momenten nutzt sich dieses spleenige Märchen irgendwann ab – und verliert völlig den Faden. Es wirkt, als hätte eine künstliche Intelligenz sämtliche Lebensthemen von Werner Herzog in einen Topf geschmissen und verfremdet wieder ausgespuckt: Natur, Wahnsinn, Sprache, Kaspar-Hauser-Sonderlinge, Digitalisierung, Höhlen.
Und immer wieder raunen klassische Herzog-Sätze durch den Film wie «Jeder sollte einmal einen Tunnel durch einen Berg graben» oder «Diese Bilder können nicht im Internet gelandet sein, wir haben kein Internet». Irgendwo in diesem pathetisch-widerspenstigen Plädoyer gegen die Zumutungen der Moderne steckt womöglich die Erfindung des Individuums – aber selbst Menschen mit viel Sinn für romantische Ironie kann dieser Film ratlos zurücklassen.
Sollte «Bucking Fastard» mit dem Goldenen Löwen prämiert werden, hätte Venedig erneut einen Gewinner, der zuvor für den Wettbewerb in Cannes abgelehnt wurde. Das Gleiche war Jim Jarmusch 2025 mit «Father Mother Sister Brother» passiert. Doch zum einen hat Herzog im vergangenen Jahr bereits den Ehrenlöwen erhalten. Und zum anderen ist fraglich, ob sich eine Jury unter Maggie Gyllenhaal wirklich einer schrulligen Männerphantasie hingibt.
Passend zum Artikel


