FIS und IAT schlagen Alarm: „Das ist Sabotage am deutschen Spitzensport“

Deutsche Medaillenschmieden schlagen Alarm. Das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) und das Institut für Angewandte Trainingswissenschaften (IAT) erklären in einem Brief an Bundestagsabgeordnete, angesichts der Haushaltslage 2027 Mitarbeiter entlassen zu müssen.

Sie fordern in einem Schreiben aus der vergangenen Woche, das der F.A.Z. vorliegt, eine Erhöhung ihrer Förderung um 2,59 Millionen Euro für das Haushaltsjahr 2027 auf rund 25,8 Millionen Euro. „Sollte dieser Ausgleich im Bundeshaushalt 2027 nicht erfolgen, werden wir Personal abbauen müssen. Dies hätte unmittelbare Auswirkungen auf Forschung, Entwicklung und Betreuung im deutschen Spitzensport und würde die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nachhaltig beeinträchtigen“, heißt es in dem Schreiben.

Anteil an 88 Prozent der Medaillen

Laut eigener Darstellung haben FES und IAT bei den vergangenen Olympischen Winterspielen in Italien bei 88 Prozent der Medaillen  „maßgeblichen“ Anteil gehabt.  Allein 19 von 26 Medaillen gewann das deutsche Team im Bobfahren, Rennrodeln und Skeleton.

Die FES baut Zweier- und Vierbobs, Skeleton-Schlitten und Rennrodel, hilft bei der Verbesserung oder liefert Athleten Zubehör wie Kufen. Der Anteil von FES und ITA an Medaillen bei den Paralympics des Winters soll bei 65 Prozent gelegen haben. Unter anderem fuhr Anna-Lena Forster mit einem von der FES optimierten Monoski und einer FES-Sitzschale zu zwei Goldmedaillen.

Mit FES-Technik unterwegs zu Gold: Anna-Lena Forster bei den Paralympcis 2026
Mit FES-Technik unterwegs zu Gold: Anna-Lena Forster bei den Paralympcis 2026AP

Bei Sommerspielen kreist das Bahnradteam seit Jahrzehnten auf FES-Rädern; Trainer und Sportler stützen sich inzwischen auf die Messtechnik der FES, nicht nur beim Rudern. In den Kanu-Wettbewerben paddelte der Vierer-Kajak in Paris 2024 mit einem nagelneuen FES-Boot der Konkurrenz davon. Die FES betreut mit knapp 100 Mitarbeitern sechs Sommer-, sieben Winter und sechs Para-Sportarten.

Wegen des Medaillenschwundes vor allem bei Olympischen Spielen und inzwischen auch bei Paralympics hatten sich der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Bundesregierung auf ein „Sportfördergesetz“ geeinigt. Der Bundestag nahm es am 10. Juli an, im Oktober soll es in Kraft treten.

Das Gesetz ermöglicht unter anderem die Bildung einer Agentur für Spitzensport vor. Sie soll das Potential in Deutschland bündeln und mittelfristig die Rückkehr des Spitzensports in die Weltelite organisieren.  Regierung und DOSB sprechen von wenigstens Rang fünf bei Sommerspielen und Rang drei bei Winterspielen.

DSGVO Platzhalter

„IAT und FES sind zwei international hoch anerkannte Institutionen; deren Einfluss auf den Erfolg des deutschen Spitzensports ist so groß, dass er kaum überschätzt werden kann“, teilte Stephan Mayer, Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Sport und Ehrenamt, auf Anfrage mit: „Deshalb ist eine angemessene finanzielle Ausstattung dieser Institute auch für das Jahr 2027 unerlässlich.“

Mayers Ausschusskollegin von Bündnis90/Die Gründen, Tina Winklmann, wendet sich an das Kanzleramt: „Wenn die Bundesregierung das Ziel ausgibt, international wieder zur Spitze zu gehören“, schrieb sie der F.A.Z., „muss sie auch die Voraussetzungen dafür sichern. Dazu gehört, dass IAT und FES ihre Arbeit verlässlich fortsetzen können und nicht wegen einer über Jahre gewachsenen Finanzierungslücke Personal verlieren.“

Wer mehr Medaillen erwarte, dürfe bei Sportwissenschaft und technologischer Entwicklung nicht sparen. FES-Direktor Michael Nitsch verwies auf Nachfrage am Dienstag auch auf das Risiko, junge und „bestens ausgebildete“ Mitarbeiter für immer zu verlieren: „Wenn wir diese hochmotivierten Leute wegschicken müssen, dann kommen sie nie wieder.“

In Paris 2024 belegte die deutsche Olympiaauswahl Rang zehn im inoffiziellen Medaillenspiegel (Zwölf Gold-/dreizehn Silber, acht Bronzemedaillen). Im Februar sprang Platz fünf heraus (acht/zehn/acht) hinter Norwegen, den USA, den Niederlanden und Italien. Im Zuge der Spitzensportreform einigten sich Regierung und DOSB auch auf eine Bewerbung um Olympische Spiele und Paralympics für 2036, 2040 oder 2044. Am 26. September will der DOSB in Baden-Baden einen der drei verbliebenen deutschen Kandidaten (Berlin, München, Rhein-Ruhr mit Köln) auswählen.

Gegen alle Erwartungen ist im Regierungsentwurf für den Bundeshaushalt 2027 eine Steigerung des Spitzensportetats auf 361,7 Millionen Euro angekündigt worden. Das wäre eine Steigerung um zwei Millionen Euro und ein neuer Rekord. FES und IAT setzen auf die sogenannte Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses. Dabei werden letzte Änderungswünsche vor Abstimmung des Parlaments besprochen.  Der DOSB verwies auf die „allgegenwärtigen Kostensteigerungen“ und kündigte an, sich im parlamentarischen Verfahren für weitere Verbesserungen einzusetzen.

„Das ist nicht nur kurzsichtig“

Christian Görke, sportpolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke, nahm mit Blick auf diese Korrektur-Chance die Staatsführung in die Pflicht: „Es ist ein Unding, dass die Bundesregierung trotz eigener Tariftreuegesetzvorgaben es zulässt, dass eine tarifliche Entlohnung für das wissenschaftliche und technische Spitzensportpersonal nicht im Haushalt abgebildet ist.“

Gleichzeitig sei eine Unterstützung einer Olympiabewerbung mit sieben Millionen Euro erstaunlich, während die Bundesregierung nicht das Geld in die Hand nehmen wolle, um bei Olympischen und Paralympischen Spielen langfristig erfolgreich zu sein:  „Das ist nicht nur kurzsichtig“, schrieb Görke der F.A.Z., und behauptete: „Das ist aktive Sabotage am deutschen Spitzensport.“