Förderung von Metallen: Freiberger Software zeigt, wie viel Grün dafür verschwindet
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Fernerkundung
Stand: 24.09.2026 07:05 Uhr
Auch die Energiewende hat ökologische Kosten. In jedem E-Auto, jedem Windrad und jeder Solarzelle stecken Metalle, und die kommen aus Minen. Wie viel Fläche, vor allem Grünfläche, solcher Abbau weltweit kostet, ist bis heute nur grob bekannt. Forscher aus Freiberg haben deshalb ein Verfahren gebaut, das aus Satellitenbildern abliest, wo rund um eine Mine Grün verschwunden ist und wo neues gewachsen ist. So sollen objektive Berechnungen möglich werden.
von MDR Wissen / RR
Ein Elektroauto braucht ungefähr viermal so viel Kupfer wie ein Verbrenner. In einem Windrad stecken große Mengen Stahl, Kupfer und Aluminium, in Solarzellen Silber und Silizium, in Akkus Lithium, Kobalt und Vanadium. Die Energiewende ist ein Materialprojekt, und ihr Material kommt aus Tagebauen, meist auf anderen Kontinenten. Nur: Wie viel Fläche das kostet, weiß niemand genau. "Der Flächenabdruck durch weltweite Bergbauaktivitäten ist heute nur unzureichend quantifiziert", sagt Richard Gloaguen, Leiter der Abteilung Erkundung am Helmholtz-Institut Freiberg für Ressourcentechnologie.
Das Institut gehört zum Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf, das an sechs Orten forscht: neben Dresden auch in Görlitz, Leipzig, Grenoble, bei Hamburg und eben in Freiberg, wo es um Rohstofftechnologie geht. Dort hat Gloaguens Arbeitsgruppe ein Verfahren gebaut, das die fehlende Rechnung möglich machen soll. Es heißt SHABA (Seasonal Harmonic Anomaly Break Analysis) und ist frei zugänglich.
Wann hat sich hier etwas verändert?
Die Grundidee ist einfach, die Umsetzung war deutlich komplizierter. Satelliten messen seit Jahrzehnten, wie grün ein Stück Erde ist. Daraus lässt sich ablesen, ob Wald gerodet oder eine Halde begrünt wurde. Das Problem: Vegetation schwankt ohnehin ständig, Laub fällt, Gras vertrocknet, Regenzeiten kommen und gehen.
SHABA rechnet diese wiederkehrenden Muster heraus und vergleicht zusätzlich mit den Trends der Vorjahre. "So können wir Veränderungen in der Vegetation sicher aufspüren und räumlich und zeitlich exakt zuordnen", sagt Vincent Nwazelibe, Erstautor der zugehörigen Studie und Doktorand in Freiberg. Wie genau das funktioniert, haben die Forscher an 36 Straßen geprüft, die zwischen 2011 und 2013 an einer Mine in Sambia gebaut wurden. Zwei Drittel davon datierte SHABA auf ein Jahr genau, ein etabliertes Konkurrenzverfahren schaffte nur ein Sechstel. Bemerkenswert ist das, weil die Straßen "nur" 20 Meter breit sind und ein Bildpunkt 250 Meter misst.
Der Schaden endet nicht am Zaun
Sechs Tagebaue haben die Freiberger vermessen, ausgewählt nach Rohstoff, Klimazone und Betriebsphase: Kohle in Kanada, Kupfer in Rumänien und Sambia, Eisen in Brasilien, Vanadium in Südafrika, Bauxit in Australien. Der auffälligste Befund stammt von der Kupfermine Trident in Sambia, die erst 2012 in Betrieb ging. Innerhalb des Minengeländes verschwanden bis 2025 gut 96 Quadratkilometer Vegetation. Außerhalb waren es aber sogar 177.
So ein Verhältnis wurde an mehreren Standorten beobachtet. In Australien standen 49 Quadratkilometern innerhalb der Mine 274 außerhalb gegenüber. Die Forscher vermuten dahinter das, was Bergbau überall auslöst: Menschen ziehen in die Gegend, Siedlungen wachsen, Felder entstehen, Straßen werden gebaut. So eine Zuordnung sei "schwierig, aber wichtig", schreiben die Freiberger Forscher, dafür brauche es aber zusätzliche Arbeit und lokales Wissen.
Eine Zahl, auf die sich alle berufen können
Mit SHABA lässt sich natürlich nicht der gesamte ökologische Fußabdruck des Bergbaus messen, sondern nur der sichtbare grüne Teil davon. Aber das Verfahren liefert etwas, das es so bisher nicht gab: eine Flächenbilanz, die für jeden Ort der Erde nach denselben Regeln entsteht und die niemand beeinflussen kann, weder Betreiber noch Kritiker. "Wir hoffen, dass SHABA künftig dabei helfen wird, den Flächenabdruck von Minen weltweit zu quantifizieren, so dass auf Basis neutral erhobener Fernerkundungsdaten ein verbesserter Dialog zwischen den Akteurinnen und Akteuren aus Bergbau und Umweltschutz stattfinden kann", sagt Richard Gloaguen.
Adressaten sind neben Behörden, Prüfern und den Bergbaufirmen selbst auch die Abnehmer der Metalle am Ende der Lieferkette. Also letztlich wir alle. Die Freiberger wollen nun sämtliche Minen der Welt durchrechnen und die Ergebnisse frei veröffentlichen. Dann ließe sich zum Beispiel beziffern, was die Energiewende bei uns an anderen Orten der Welt an Grünfläche kostet.