«Pregnancy Brain»: Was wirklich dahinter steckt

Forschende knacken Mechanismus «Pregnancy Brain»: Was wirklich dahinter steckt

Schlüssel verlegt, Termin vergessen: Viele Schwangere berichten von einem «Pregnancy Brain». Eine neue Studie zeigt nun, welche Rolle das Hormon Östrogen dabei spielen könnte.

21.09.2026, 13:30

Dinge verlegen, Termine vergessen, mitten im Satz den Faden verlieren: Das «Pregnancy Brain» gehört für viele quasi zum festen Vokabular einer Schwangerschaft. Dass dahinter mehr stecken könnte als Schlafmangel, Stress und ein hartnäckiges Klischee, dafür gibt es schon länger wissenschaftliche Hinweise.

Nur eine entscheidende Frage blieb bisher offen: Was passiert dabei eigentlich im Gehirn?

Eine neue Studie im Fachjournal «Science Bulletin» zeigt nun direkt zu Östrogen. Der Spiegel dieses Sexualhormons steigt während der Schwangerschaft massiv an. Hält er über längere Zeit dieses hohe Niveau, könnte das einen Signalweg im Gehirn verändern, der für das Gedächtnis wichtig ist.

Was war Östrogen nochmal?

Box aufklappen Box zuklappen

Östrogen ist eines der wichtigsten weiblichen Sexualhormone. Es steuert unter anderem den Menstruationszyklus und spielt während der Schwangerschaft eine zentrale Rolle. Dann steigt seine Konzentration im Körper massiv an.

Zunächst untersuchten das die Forschenden bei Mäusen. Fündig wurden sie im Hypothalamus, einer Hirnregion, die unter anderem hormonelle Prozesse reguliert. Dort reagiert eine Gruppe von Nervenzellen besonders empfindlich auf Östrogen.

Normalerweise wird die Aktivität dieser Zellen durch hemmende Signale gebremst. Bei hohen Östrogenspiegeln gerät dieses Gleichgewicht offenbar aus der Balance: Die Nervenzellen werden aktiver und senden verstärkt Signale an den Hippocampus – eine Region, die zentral für Lernen und Erinnern ist.

Dass diese Verbindung mehr ist als eine Begleiterscheinung, zeigen weitere Experimente. Blockierten die Forschenden den Signalweg zum Hippocampus, blieben die Gedächtnisprobleme aus. Aktivierten sie ihn dagegen künstlich, zeigten die Mäuse die Probleme selbst bei normalem Östrogenspiegel. Im Mausmodell lässt sich damit einen ursächlichen Zusammenhang herstellen.

Vom Mausmodell zum Menschen

Ob dieser Mechanismus auch das «Pregnancy Brain» beim Menschen erklären kann, ist damit allerdings noch nicht geklärt. Deshalb untersuchte das Team zusätzlich Schwangere.

Gegen Ende der Schwangerschaft schnitten die Frauen bei bestimmten Gedächtnisaufgaben schlechter ab. Diese Unterschiede standen mit ihrem Östrogenspiegel im Blut in Zusammenhang – auch nachdem andere mögliche Einflussfaktoren statistisch berücksichtigt worden waren.

Das fügt sich ein in das Bild aus den Tierversuchen, die Aussagekraft ist aber eine andere: Bei Mäusen liess sich der Signalweg gezielt manipulieren und damit ein kausaler Effekt zeigen. Bei den Schwangeren zeigt die Studie zunächst einen Zusammenhang. Ob Östrogen ihre Gedächtnisleistung aber tatsächlich beeinflusst – und ob dabei derselbe Signalweg im Gehirn beteiligt ist –, bleibt offen.

Keine «Schwangerschaftsdemenz»

Der Begriff «Schwangerschaftsdemenz» führt deshalb gleich doppelt in die Irre. Mit einer Demenz hat das Phänomen nichts zu tun. Und auch von einem allgemeinen Verlust geistiger Leistungsfähigkeit kann keine Rede sein: Die Unterschiede zeigten sich lediglich bei bestimmten Gedächtnisaufgaben.

Dazu kommt: Die Studienlage ist bis heute nicht eindeutig. Welche kognitiven Leistungen sich während einer Schwangerschaft verändern und wie stark, unterscheidet sich zwischen Untersuchungen. Auch erlebt längst nicht jede Schwangere eine auffällige Vergesslichkeit.

Das «Pregnancy Brain» bleibt damit komplexer als sein eingängiger Name. Klarer wird aber, wo die Forschung nach seiner biologischen Erklärung suchen muss: im Zusammenspiel von Hormonen und Gehirn.