Frankfurter fährt mit Anti-AfD-Lied durch die Stadt – Lautsprecher am Rad

Stand: 30.08.2026, 17:12 Uhr

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Nahaufnahme: Unterwegs mit WeichteileTV: Immer wenn „Weichi“ mit seinem rad durch Frankfurt fährt, spielt er den „Scheiß AfD“ Song ab.Die Reaktionen der Menschen auf der Straße fängt er mit einer 360-Grad-Kamera ein und lädt sie bei Instagram hoch.17.08.2026copyright boeckheler 2026

Braune Gestalt mit klarer Botschaft. © christoph boeckheler/Christoph Boeckheler

Ein 42-Jähriger beschallt Frankfurt mit einem Lied, das nur aus zwei Wörtern besteht: „Scheiß AfD". Eine 360-Grad-Kamera am Lenker filmt die Reaktionen der Passanten.

Man hört die Musik schon von weitem. Die mehrstimmige Melodie harmoniert mit dem Text, bestehend aus zwei Wörtern: „Scheiß AfD“ – simpel. In Dauerschleife abgespielt mit der Lautsprecherbox, die an einem Fahrrad hängt, das durch Frankfurt-Bornheim fährt. Das Rad kommt näher. Die Musik wird lauter. Jetzt wird der bärtige Fahrer des Rads sichtbar. Auf dem Kopf trägt er eine schwarze Kappe in Lederoptik, die Gläser seiner selbsttönenden Brille verdecken momentan seine Augen.

Nahaufnahme: Unterwegs mit WeichteileTV: Immer wenn „Weichi“ mit seinem rad durch Frankfurt fährt, spielt er den „Scheiß AfD“ Song ab.Die Reaktionen der Menschen auf der Straße fängt er mit einer 360-Grad-Kamera ein und lädt sie bei Instagram hoch.17.08.2026copyright boeckheler 2026

Nahaufnahme: Unterwegs mit WeichteileTV: Immer wenn „Weichi“ mit seinem rad durch Frankfurt fährt, spielt er den „Scheiß AfD“ Song ab.Die Reaktionen der Menschen auf der Straße fängt er mit einer 360-Grad-Kamera ein und lädt sie bei Instagram hoch.17.08.2026copyright boeckheler 2026 © christoph boeckheler/Christoph Boeckheler

Unübersehbar dagegen sein Fahrrad: das „Adenauer-SRP+ 2.0“. Ein modifizierter Silberpfeil, ein echtes Störgerät. Bereit, gegen den nächsten AfD-Stand zu intervenieren, wenn es Mitglieder der in Teilen rechtsextremen Partei vor der nächsten Wahl wieder einmal wagen sollten, sich auf die Straßen zu quälen, um auf Stimmenfang zu gehen. Neben der Box ist vorn am Lenker eine 360-Grad-Kamera befestigt. Das digitale Auge schneidet die Umgebung mit. Wie reagieren die Menschen auf das Lied? Winkt jemand, lacht jemand? Wer fühlt sich provoziert? Reaktionen postet der Fahrer auf Instagram. Sein Kanal trägt den etwas merkwürdig klingenden Namen „WeichteileTV“. Deshalb möchte er in diesem Text „Weichi“ genannt werden.

Die Serie

Nahaufnahme heißt die Serie der Frankfurter Rundschau, mit der wir einen tieferen Blick auf Frankfurt und die Region werfen wollen. In großen Reportagen zeigen wir auf, wie die Menschen im Rhein-Main-Gebiet leben und arbeiten.

Wir wollen wissen, was sie bewegt. Zu lesen sind die Texte immer im Lokalteil der FR.

„Die Aktion soll zum Nachmachen und Mitmachen anregen“, sagt Weichi, der regelmäßig zu gemeinsamen Radtouren aufruft. Ginge es nach ihm, würden alle so ihre Meinung zur AfD kundtun. Was in Frankfurt ohne Probleme möglich ist, würde Nachahmer:innen an anderen Orten der Republik weniger leichtfallen – sie möglicherweise sogar in Gefahr bringen. Bei der anstehenden Wahl in Sachsen-Anhalt prognostiziert die ARD eine Woche vor der Wahl ein Ergebnis von 42 Prozent der Stimmen für die AfD. In Mecklenburg-Vorpommern, Wahltermin 20. September, sind derzeit 36 Prozent vorhergesagt. Weichi fährt weiter entlang der Berger Straße, die an diesem Nachmittag bei gutem Wetter übrigens sehr belebt ist.

Das „Adenauer SRP+ 2.0“ fällt auf. Das silberne Elektrorad mit Design zwischen futuristisch und retro hatte Gustav schon vor dem Kanal. Hersteller ist ein französisches Start-up, das inzwischen pleitegegangen ist. Der Elektromotor funktioniert auch nicht mehr. Leicht gebogene Schutzbleche aus Sperrholz passen zum Gepäckträger, ebenfalls hölzern. Darauf ein QR-Code, der auf den Instagram-Kanal verlinkt. Am Lenker sitzt ein gehäkelter stilisierter Kackhaufen. Im Netz wird der Emoji häufig als Symbol dafür verwendet, wenn jemand ausdrücken will, dass er oder sie mit der Politik der AfD nicht einverstanden ist. Ein weiteres Häkel-Häufchen sitzt auf dem Gepäckträger und hält einen Sticker, auf dem steht: „FCK-AFD“.

Kreuzung Höhenstraße muss er kurz anhalten, weil die Ampel rot ist. Eine Gruppe Studierender steht in Hörweite. Sie bemerken die Musik, verstehen den Text, tuscheln miteinander. Dann lachen sie und winken rüber. Es sind Reaktionen wie diese, die Weichi mit seiner Kamera einfängt und dann veröffentlicht – manchmal auch ungefragt. Die Ampel springt auf Grün. Wenig später hält er vor einem Café, bestellt und setzt sich an einen der Tische, die Schatten auf die Bäume vor dem Café werfen. Er beginnt zu erzählen.

Inspiriert vom Zentrum für politische Schönheit

Die Idee mit dem Fahrrad kam ihm im November 2025 während des Protests in Gießen gegen die Neugründung der Jugendorganisation der AfD. „Adenauer SRP+ 2.0“. So hat Weichi das Rad genannt, mit dem er seitdem durch Frankfurt fährt. Das Rad ist angelehnt an den Bus des Zentrums für politische Schönheit, den „Adenauer SRP+“. Dieses motorisierte Protestgefährt ist ebenfalls mit Lautsprechern ausgestattet, die allerdings sehr viel lauter gedreht werden können, und regelmäßig auf Demos unterwegs. Die politische Gruppe hat damit das ARD-Sommerinterview 2025 mit Alice Weidel in Berlin gestört. Mit eben jenem Lied, das jetzt aus der kleinen Box am Lenker des „Adenauer SRP+ 2.0“ schallt.

Mit dem Namen spielt das Zentrum auf die erste Partei an, die in Deutschland verboten wurde: die 1949 gegründete Sozialistische Reichspartei (SRP). Sie sah sich in der Tradition der NSDAP und wurde 1952 unter Kanzler Konrad Adenauer verboten – Stichwort „wehrhafte Demokratie“.

Nahaufnahme: Unterwegs mit WeichteileTV: Immer wenn „Weichi“ mit seinem rad durch Frankfurt fährt, spielt er den „Scheiß AfD“ Song ab.Die Reaktionen der Menschen auf der Straße fängt er mit einer 360-Grad-Kamera ein und lädt sie bei Instagram hoch.17.08.2026copyright boeckheler 2026

Nahaufnahme: Unterwegs mit WeichteileTV: Immer wenn „Weichi“ mit seinem rad durch Frankfurt fährt, spielt er den „Scheiß AfD“ Song ab.Die Reaktionen der Menschen auf der Straße fängt er mit einer 360-Grad-Kamera ein und lädt sie bei Instagram hoch.17.08.2026copyright boeckheler 2026 © christoph boeckheler/Christoph Boeckheler

Sich vorzustellen, wer der Mensch, der hinter Weichi steckt, ist, ist ist nicht ganz einfach. Er müsse sich überlegen, welche Daten er preisgebe, denn sie könnten im Internet landen. „Doxing“ nennt man den Vorgang, wenn Klarnamen, Adresse und Arbeitsplatz im Internet geteilt werden. Oft verbunden mit dem Aufruf zur Gewalt, was einschüchtern soll. Immerhin so viel lässt sich ihm entlocken: Er ist 42 Jahre alt und gebürtiger Frankfurter. Gelernt hat er etwas Handwerkliches, ist dann aber in die Industrie gewechselt. Für seinen Instagram-Kanal spielt all das aber keine Rolle. Dort will er nicht mehr sein als „ein besorgter Bürger, der Fahrrad fährt“, wie er es ausdrückt.

Seinen politischen Einsatz habe er für etwa 15 Jahre pausiert, bemerkt Weichi. Geboren und aufgewachsen sei er im Frankfurter Westend. Der Freundeskreis sei sehr divers gewesen. Ursprünglich politisiert hat ihn – zumindest indirekt – der 11. September 2001. Denn sein Umfeld umfasste damals viele Menschen aus Afghanistan. Nach dem Anschlag mussten sie erleben, wie die Leute sie in einen Topf mit den Taliban schmissen. „Dabei sind sie doch vor den Taliban geflohen“, sagt Weichi. Aus diesem Anlass sei er auf die Straße gegangen, „viel und laut“. Aber mit der Zeit habe er gemerkt: „Dieser Einsatz zieht mich runter.“ Deshalb habe er damals beschlossen, sich zurückzuziehen und keine Nachrichten zu konsumieren. „Ich wollte einfach mein Leben führen und in Ruhe gelassen werden.“

Es war ein anderes Schockereignis, das Weichi Jahre später dazu bewegte, sich wieder politisch einzubringen. Die Bilder des 7. Oktober 2023. Sie konnten ihn nicht kaltlassen. Er erlebte ein Erstarken antisemitischer Narrative, auch im persönlichen Umkreis. Weichi fühlte die Verpflichtung, zu widersprechen. Er ging auf Trauerkundgebungen ebenso wie auf Propalästina-Demos.

Aber ihn begleitete das Gefühl, dass er seinem Freundeskreis auf die Nerven ging. Immer war er es, der von dem Thema zu reden anfing. So verlagerte er seine Meinungsäußerungen ins Internet und gründete den Instagram-Kanal. „Ich wollte Druck ablassen und gleichzeitig aufklären.“ Aus den anfangs 400 Onlinefreunden sind inzwischen 30.000 Menschen geworden, die ihm folgen. Den Hebel, den er dadurch hat, wolle er nutzen, um auf Kanäle aufmerksam zu machen, die er wichtig finde.

Für immer wolle er nicht auf Instagram bleiben, sagt der 42-Jährige. „Eigentlich sehe ich die Plattform sehr kritisch.“ Es sei undurchsichtig, wie Algorithmen funktionierten und welche Inhalte gefördert würden. Langfristig wolle er zu anderen Plattformen migrieren. Mastodon könne er sich vorstellen oder auch die lokale Plattform Poli-Social. Außerdem müsse man durch seine Onlinenutzung nicht „irgendwelche Tech-Bros unterstützen“, gibt er zu bedenken. Sie betrachte er als Feinde unserer Gesellschaft.

Weichi ist wieder auf das Rad gestiegen. Kurz vor dem Merianplatz muss er anhalten, weil Fußgänger:innen über den Zebrastreifen gehen. Der Lautsprecher tönt unverholen weiter. „Scheiß AfD, Scheiß AfD.“ Rechts sitzen zwei ältere Männer vor einem Kiosk und trinken Bier. Sie hören die Musik und amüsieren sich köstlich darüber, der eine lacht aus vollem Hals. Fast steigen ihm Tränen in seine blauen Augen, unter denen sich porzellanweiße Tränensäcke sanft raffen.

Reaktionen fallen nicht immer wohlwollend aus

Wenn Weichi auf rechten Demos unterwegs ist, spiele er das Lied nicht ab, sondern er beschränke sich aufs Beobachten. Anders neben Ständen, an denen die AfD Wahlwerbung macht, wie ein Video auf seinem Kanal zeigt. In solchen Fällen kläre er erst mit der Polizei, was er vorhabe. „Den AfDlern selbst bockt das überhaupt gar nicht.“

Wer so durch die Stadt fährt, provoziert. Anfeindungen gebe es vereinzelt. Sie kämen primär von älteren Männern, berichtet Weichi. Einige fühlten sich auch unabhängig vom Inhalt des Lieds durch die Musik gestört.

Zu einem Angriff sei es noch nie gekommen. Das Brenzligste sei gewesen, als ihn einmal ein breit gebauter Mann im Vorbeifahren beleidigt habe. Er habe dann angehalten und gefragt, was das denn solle. Nach einem kurzen Gespräch habe der andere sich entschuldigt und ihn sogar kumpelhaft umarmt. Grundsätzlich rede er erst einmal mit jedem.

Weichi biegt mit seinem Rad auf die Friedberger Anlage und fährt auf der Konrad-Adenauer-Straße Richtung Konsti. Der Radweg führt über die Straße, wieder eine Ampel, bremst die Fahrt aus. Neben ihm steht eine Frau mit grauem Kurzhaarschnitt, gestreiftem Oberteil und blau umrandeter Brille. Sie guckt nicht rüber, sie reagiert nicht auf die Musik.

Aber sie denkt sich ihren Teil. Auf die Frage, was sie von dem Ganzen halte, antwortet sie, sie habe sich noch kein abschließendes Urteil gebildet. Inhaltlich stimme sie jedenfalls vollkommen zu. Mutig finde sie es, weil er sich einer Gefahr aussetze. Und sie finde es gut, dass jemand anfange, laut etwas dagegen zu sagen. „Ich habe Angst vor der AfD, weil so etwas hatten wir schon mal.“ Wenn die an die Macht käme, „dann gute Nacht Deutschland, gute Nacht Freiheit, gute Nacht, Demokratie“. Lassen wir es nicht so weit kommen.