Fraport-Chef zieht 100-Tage-Bilanz zu Terminal 3 – und nennt eine überraschende Erkenntnis
Stand: 03.08.2026, 21:00 Uhr
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Stefan Schulte zieht nach 100 Tagen eine positive Bilanz des neuen Terminal 3. Nur die Sky-Line-Bahn bereitet noch Probleme – sie fährt mit reduzierter Geschwindigkeit und sechs statt acht Wagen.
Am Samstag war die Eröffnung des Terminal 3 genau 100 Tage her. Fraport-Chef Dr. Stefan Schulte zieht im Interview mit Dieter Sattler eine erste Zwischenbilanz, bevor er am Donnerstag die Zahlen des zweiten Jahresquartals präsentieren wird.

Herr Dr. Schulte, wie fällt die 100-Tage-Bilanz von Terminal 3 aus?
Sehr gut. Das Terminal ist wirklich exzellent in Betrieb gegangen, wir haben von den Passagieren und den Airlines sehr positive Rückmeldungen. Die Technik funktioniert, die Prozesse laufen bis auf Kleinigkeiten.
Gab es wirklich keine Kinderkrankheiten?
Eine hatten wir schon, und zwar bei der Sky Line-Bahn, die Terminal 3 im Süden mit dem Norden verbindet. Das ist ein hochkomplexes System, weil die Bahn ja vollkommen autonom fährt. Es wird noch ein bisschen brauchen, bis sie richtig eingeschwungen ist, da ist Siemens Mobility mit Hochdruck dran. Das werden sie in den Griff kriegen, aber das wird noch etwas brauchen. Deshalb fahren wir im Moment mit reduzierter Geschwindigkeit und haben nur sechs Wagen statt acht Wagen im Einsatz. Wir haben auch längere Wartungsintervalle in der Nacht, was ein Busersatzverkehr kompensiert. Den werden wir in den nächsten Wochen auch als Back-up beibehalten für den Fall, dass die Bahn mal ausfällt.
Es war ja mutig, relativ kurz vor den Sommerferien mit dem neuen Terminal zu starten. Ist die Feuertaufe also bestanden?
Eindeutig. Wir haben jetzt schon rund zwei Millionen Passagiere im Terminal 3 begrüßt. Zu Stoßzeiten hatten wir annähernd 30.000 Passagiere dort pro Tag und das hat alles sehr reibungslos funktioniert. Wir haben übrigens die erfreuliche Erfahrung gemacht, dass die Abläufe in der Realität sogar besser geklappt haben als bei unseren Testläufen.
Als das Terminal 3 geplant wurde, gab es enorme Wachstumsprognosen. Dann kamen die Dämpfer durch Corona und die Wirtschaftskrise. Die Passagierzahlen von 2019 sind noch nicht wieder erreicht. Wären Sie in Kenntnis dieser Entwicklung das Projekt Terminal 3 auch angegangen?
Um es klar zu sagen: Die Entscheidung für Terminal 3 war richtig. Ich bin auch heute noch davon überzeugt, dass es für den Standort und auch für die Region enorm wichtig ist, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Das Passagieraufkommen wird in Europa weiter wachsen. Entsprechend sehen Sie, dass auch London ausbaut, dass Paris, Amsterdam und Madrid ihre Kapazität erweitern. Alle erwarten weiteres Wachstum. Um da mitzuhalten, müssen wir in Deutschland unsere Hausaufgaben machen und die Hemmnisse abbauen.
An welche Wachstumshürden denken Sie da?
Das sind zunächst die hohe Luftverkehrssteuer und die hohen Flugsicherungs- und Luftsicherheitsgebühren, also die staatlich regulierten Kosten. Nehmen Sie einen interkontinentalen Flug von Deutschland ab München oder ab Frankfurt nach New York. Da liegen wir bei regulierten Kosten von fast 17.000 Euro pro Flug, während Sie in Madrid bei nur 1000 Euro liegen, in Brüssel oder Zürich bei 4000 bis 5000 Euro. Wir haben also extrem hohe Standortkosten. Und das macht natürlich auch die Flugtickets ab Deutschland teurer. Damit wird unser Heimatmarkt für Airlines und Umsteigepassagiere unattraktiver.
Es gibt ja zuletzt Signale aus der Politik, die Luftfahrt zu entlasten?
Ja, ich bin sehr froh über die Initiativen aus dem Land Hessen aber auch der Bundesregierung, die erste Schritte zur Senkung der Luftverkehrsteuer vorgenommen haben. Da muss noch mehr kommen, aber wir bewegen uns in die richtige Richtung. Das gilt auch für den Bürokratieabbau. Wir haben in Deutschland den Drang, alles perfekt machen zu wollen, was kontraproduktiv sein kann.
Haben Sie da ein Beispiel?
Wir hatten in Deutschland eine Quote für die Beimischung von synthetisch erzeugtem Kerosin. Allerdings wird dieser sehr nachhaltige Treibstoff noch nicht ansatzweise in den geforderten Mengen produziert. Wenn diese Quote nicht aufgehoben worden wäre, hätten die Airlines über 100 Millionen Euro Strafe zahlen müssen. Keine Frage: Nachhaltige Kraftstoffe werden mittelfristig besser verfügbar und irgendwann serienmäßig hergestellt werden. Aber auch dann sollte es reichen, die EU-Normen zu erfüllen. Wir sollten in Deutschland nicht immer noch einen draufsetzen wollen. Unsere Branche ist bereits auf einem engagierten Weg grün und sauber zu werden. Wir in Frankfurt zum Beispiel werden in diesem Jahr unseren Strombezug auf 100 Prozent Grünstrom umstellen.
Eine ganz andere Frage: Mich stört das umständliche Auspacken an der Sicherheitskontrolle. Gibt es da eine Perspektive, dass das Verfahren etwa durch den Einsatz von KI vereinfacht wird?
Hier haben wir bereits große Fortschritte gemacht. An nahezu allen Sicherheitskontrollen, die Sie in Frankfurt als abreisender Passagier nutzen können, sind mittlerweile hochmoderne CT-Scanner im Einsatz. Dort müssen Sie keine technischen Geräte und Flüssigkeiten mehr auspacken. Das beschleunigt die Prozesse immens. Wartezeiten gibt es im Regelfall daher keine mehr.
Thema Fluglärm: In Städten wie Offenbach und Bad Vilbel oder Stadtteilen wie Nord-Sachsenhausen oder Oberrad ist er immer noch sehr stark. Was tun Sie, um die Bevölkerung dort zu entlasten?
Daran arbeiten wir permanent. Auch dieses Thema hat übrigens mit den Standortkosten zu tun. Je mehr Geld aus dem System genommen wird, desto weniger haben zum Beispiel die Airlines für neue Flugzeuge. Und die sind der mit Abstand größte aktive Hebel zur Lärmreduktion. Nehmen wir das Beispiel vom Generationenwechsel eines Airbus 340-600 mit vier Triebwerken zu einem modernen Airbus A350-900. Letzterer verursacht acht bis neun Dezibel weniger Lärm. Damit sinkt die wahrgenommene Lautstärke am Boden um rund 50 Prozent. Außerdem verbrauchen die modernen Maschinen deutlich weniger Kerosin. Da wird in den nächsten Jahren noch viel passieren.
Kann man diese künftige Lärmminderung in Prozente fassen, wenn man den Ist-Zustand mit 100 Prozent ansetzt?
Entscheidend ist und bleibt der Einsatz hochmoderner Flugzeuge, denn bei diesen können Sie im Durchschnitt mit 20 bis 30 Prozent weniger Lärmbelastung rechnen. In den Anflugverfahren wurde bereits viel optimiert, das Potenzial hier ist nahezu ausgeschöpft. Wir werden beim Thema Lärmminderung dranbleiben. Das bleibt unsere Verpflichtung.
Ich habe den Eindruck, dass nach Jahren der kritischen Begleitung die gesellschaftliche Akzeptanz des Flughafens in der Region zuletzt gestiegen ist. Empfinden Sie das ähnlich?
Definitiv. Die Akzeptanz des Flughafens ist weiter gestiegen. Ich glaube, dass dazu neben den Fortschritten bei der Lärmminderung auch die Zeit der Pandemie beigetragen hat. Weil man da gesehen hat, welche Bedeutung der Flughafen wirklich für die Region hat. Nehmen Sie allein schon die Versorgung mit Pharma-Artikeln, wo Frankfurt eine entscheidende Rolle zukam.
Wie wichtig sind für Fraport die internationalen Investitionen?
Ich freue mich sehr, dass wir das internationale Geschäft so stark ausbauen konnten. Wir sind heute an rund 30 internationalen Flughäfen aktiv. Insgesamt macht das zwischen 40 und 50 Prozent am operativen Ergebnis aus. Wir erzielen im Ausland eine Rendite, die im Verhältnis zum eingesetzten Kapital deutlich höher ist als hier in Frankfurt. Das internationale Geschäft gibt uns auch die finanzielle Kraft, um die Investitionen in Rhein-Main stemmen zu können.
Könnten Sie die zwei wichtigsten Investitionen im Ausland nennen?
Die wichtigste Investition mit den größten Fortschritten war sicherlich Griechenland. Wir haben dort wegen der von uns betriebenen 14 Regionalflughäfen eine sehr hohe Akzeptanz in Griechenland bei der Bevölkerung, weil man sieht, was Fraport in der Lage ist zu leisten. Auch Lima in Peru ist zu nennen. Wir haben den Flughafen dort 2001 mit vier Millionen Passagieren übernommen und liegen jetzt bei rund 26 Millionen.
Sie präsentieren in dieser Woche die Zahlen für das zweite Quartal. Können Sie schon etwas verraten?
Die aktuelle Wachstumsschwäche in Deutschland tangiert auch den Flughafen Frankfurt. Wir stehen noch verhältnismäßig gut da, mit einer Erholung zu Vor-Corona auf 90 Prozent. Aber wenn ich das ins internationale Geschäft übersetze, liegen wir an einzelnen Standorten inzwischen bei 110-120 Prozent. Durch die hohen regulierten Kosten wurden in den vergangenen Jahren 60 Flugzeuge aus Deutschland abgezogen. Deshalb sage ich in Richtung Bundesregierung: Jedes in Deutschland zusätzlich stationierte Flugzeug, schafft eine Wertschöpfung von 170 Arbeitsplätzen und 70 Millionen Euro pro Jahr. Das bedeutet: Wenn der Staat die Luftverkehrssteuer absenkt, dann kostet das kein Geld, sondern es finanziert sich selbst.
Und die Quartalszahlen?
Die veröffentlichen wir am 6. August. Da unsere Verkehrszahlen zum ersten Halbjahr bereits vorliegen, ist bekannt, dass wir an den meisten unserer internationalen Flughäfen wachsen konnten, während wir in Frankfurt leicht rückläufig waren aufgrund von Streiks und der geopolitischen Situation im Nahen Osten.
Zur Person
Fraport-Chef Dr. Stefan Schulte wurde 1960 in Wuppertal geboren. Seine Karriere begann der gelernte Bankkaufmann, der nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre zum Dr. rer. pol. an der Universität zu Köln promovierte, 1991 in der Abteilung für Konzernentwicklung der Deutschen Bank. Für Fraport ist er seit 2003 tätig. Als Finanzvorstand verantwortete er zunächst den kaufmännischen Bereich, die IT-Dienstleistungen und das Beteiligungsgeschäft. Im April 2007 wurde Herr Dr. Schulte zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Fraport AG ernannt, seit September 2009 ist Dr. Schulte Vorsitzender des Vorstands. Am 19. Juni 2025 wurde er zum Präsidenten des europäischen Flughafenverbandes Airports Council International (ACI) Europe gewählt.