250 Konzerte, Eintritt frei: Fratopia-Festival in der Alten Oper dauert noch bis Sonntag
Allein die gewundene Besucherschlange auf dem Opernplatz ist ein imposanter Anblick: Eine in Kleidung und Aussehen bunte Mischung von Menschen wartet geduldig auf den Einlass in die Alte Oper und spiegelt dabei die Vielfalt der Stadtgesellschaft, auffallend viele Menschen mit Migrationshintergrund sind darunter, Familien mit Kindern und sicher sehr viele, die zum ersten Mal in Frankfurts Konzerthaus sein werden. Insofern ist das Fratopia-Festival, das noch bis zum 27. September bei freiem Eintritt für alle ein volles Programm von 15 bis 24 Uhr in allen Sälen und Foyers bietet, in seiner vierten Ausgabe schon am ersten Abend ein voller Erfolg.
Das ist ganz im Sinne des Erfinders. Markus Fein, der Intendant und Geschäftsführer der Alten Oper, der mit dem „Festival der Entdeckungen“ ein breites Publikum und gerade auch Erstbesucher ansprechen möchte, nimmt am späten Nachmittag die Warteschlange in Augenschein und sagt: „Wenn alle Säle voll sind, können wir natürlich keine Leute mehr reinlassen.“ Die behördlich vorgegebene Obergrenze von etwa 3500 Menschen, die sich gleichzeitig im Konzerthaus aufhalten dürfen, wird aber meist unterschritten. Denn es ist ein ständiges Kommen und Gehen.
Viel Bewegung herrscht auch drinnen, aber kein Chaos. Alles ist sehr gut organisiert, viele Hostessen und Helfer stehen bereit, die Besucher verhalten sich diszipliniert. Besonders gefragt sind allerdings gerade die Angebote, zu denen in den kleineren Salons nur eine begrenzte Anzahl von Zuhörern zugelassen werden kann und für die man dann doch zuvor Eintrittskarten ergattert haben muss, wenn auch kostenfreie. Viele stehen so vergeblich an für die „Duftkonzerte“ im Schumann-Salon. Musiker wollen dort Klänge auf die von einem Parfümeur entwickelten Düfte abstimmen.
Parfüm soll zur Musik Wälder assoziieren lassen
„Altai“ heißt das würzige Parfüm, das Wälder und Bergseen der namensgebenden Region in Mittelasien assoziieren lassen soll und zu dem die fünf Streicher und der Schlagzeuger des Amsterdamer Crossover-Ensembles Fuse ihre Stücke spielen. Die im Halbrund um sie herum sitzenden und stehenden Zuhörer können dazu an Duftstreifen schnuppern und ihre Gedanken schweifen lassen. Impressionistisch angehauchte Klänge bieten dazu weiten Spielraum, Jazziges im Stil von Astor Piazzolla lässt aber auch an schweißtreibende, durchtanzte Nächte in Buenos Aires denken und ein Schlagzeugsolo auf kleinen Becken und Bongos eher an afrikanischen Regenwald.

Auch der finnische Komponist und Pianist Iiro Rantala regt mit den Streichern des Galatea Quartet die Phantasie vielfältig an, mitten im weitgehend von der Bestuhlung befreiten Großen Saal, umringt von Zuhörern jeglicher Couleur, die auf Sitzkissen, auf der treppenartig gestuften Bühne und den Seitenrängen sitzen. Schon vor dem Auftritt des originellen Kopfes, dessen Opera buffa „Sanatorio Express“ im Rossini-Stil die Kammeroper Frankfurt 2024 im Palmengarten spielte, herrscht angeregtes Geplauder, bunte Gruppen unterhalten sich auf Englisch. Das Festival der Entdeckungen regt zur Kommunikation an.
Rantala selbst ist ein großer Kommunikator. Seine eingängigen, stets tonal wohlklingenden Venedig-Stücke sollen, wie er sagt, etwa „Sibelius in Venice“ zeigen, in elegisch-romantischer Stimmung, oder Mozart und seinen Librettisten Lorenzo Da Ponte in der Lagunenstadt in Form eines klassischen Klavierkonzerts vorstellen. Kurzweilig und unterhaltsam ist das wie die meisten der halbstündigen Parallelkonzerte des Events.

Im Liszt-Salon findet sich unter Stuckdecke und Kronleuchtern, vor Spiegeln und Brokatvorhängen indes eine zwar ebenfalls illustre, aber doch erlesen kleine Zuhörerschaft ein. Es sind die Glücklichen, die sich Einlasskarten für den mit phantasievollen Blumengestecken reich geschmückten „Salon Floristique“ sichern konnten und vom jungen Alte-Musik-Ensemble BaroqueLAB Frankfurt zum „Sehnsuchtsort Arkadien“ geführt werden mit pastoralen kammermusikalischen Sätzen unter anderem von Tarquinio Merula und Johann Heinrich Schmelzer. Die Barockmusik fügt sich sehr gut in den Blumensalon und kommt im Kontext doch in der Gegenwart an.
Denn das äußerlich historische Konzerthaus präsentiert sich im Inneren mit seinen Videoscreens und den mit vielen Infos neu gestalteten Wandelgängen sehr modern. Und als verbunden mit vielen anderen Einrichtungen, wie der Stadtbibliothek, die im Clara-Schumann-Salon eine Leseecke passend mit Büchern über „Lieblingsorte in Frankfurt“ oder „Die Welt im Jahr 2050“ bestückt. Schließlich steckt im Festivalnamen das Wort „Utopie“. Das Fünf-Jahres-Programm für das „Zukunftshaus Alte Oper“ hat zur neuen Saison begonnen – mit Fratopia einladend und anregend.