Hinrichtung in USA: Frau überlebt zwei Giftspritzen
Hinrichtung in USA
Bei der ersten geplanten Hinrichtung einer Frau im US-Bundesstaat Tennesee seit mehr als 200 Jahren ist es am Mittwochabend (Ortszeit) zu Komplikationen gekommen. Die wegen Mordes verurteilte Christa Pike lebte nach Verabreichung zweier Giftspritzen noch, wie es in einem Gerichtsdokument hieß. Zuvor wurde die Hinrichtung vorläufig ausgesetzt, weil es Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Verurteilung gab – das US-Höchstgericht lehnte einen Aufschub allerdings ab.
Online seit heute, 7.56 Uhr
„Um 20.26 Uhr berichteten Zeugen der Hinrichtung, dass die Vollstrecker beide Spritzen mit den tödlichen Chemikalien injiziert hätten und Pike noch am Leben sei und schnarche“, hieß es in dem Dokument.
Wenig später teilte Richter Kyle Hixson mit, in einer Telefonkonferenz mit den Anwälten aller Beteiligten habe der Staat das Gericht informiert, „dass Frau Pike nicht für tot erklärt wurde“. Die Justizvollzugsbehörde habe zudem die medizinische Notfallversorgung und den Transport von Pike in ein Krankenhaus angeordnet.
Gouverneur ordnet Untersuchung an
Der Gouverneur von Texas, der Republikaner Bill Lee, ordnete laut NBC News eine genaue Untersuchung an. Es werde „eine umfassende Untersuchung durch eine unabhängige Stelle“ geben, „um genau zu klären, was geschehen ist“, so Lee. Er sagte, dass die letzte für dieses Jahr noch ausstehende Hinrichtung nicht wie geplant vollstreckt werde.
Die Anwälte von Pike teilten am Mittwochabend mit, dass Pike in einem Krankenhaus behandelt werde. Über ihren Zustand ist jedoch nichts bekannt. Anfragen des US-Senders NBC zum Zustand der Frau wurden von der Strafvollzugsbehörde nicht direkt beantwort, es hieß lediglich, dass Pike in „eine externe medizinische Einrichtung gebracht“ worden sei.
Höchstgericht genehmigte Hinrichtung
Zuvor war die Hinrichtung der Frau von einem Bundesgericht kurzzeitig ausgesetzt worden. Die Verurteilte habe Zweifel an der Rechtmäßigkeit des vorigen Verfahrens dargelegt, die erst geprüft werden müssten, so das Berufungsgericht. Der Staat ging dagegen umgehend vor dem US-Höchstgericht vor, das dem Eilantrag am Mittwochabend stattgab und damit die Hinrichtung ermöglichte.
Die drei liberalen Richterinnen am Supreme Court kritisierten die Mehrheitsentscheidung des Gerichts. In ihrer abweichenden Meinung argumentierte Sonia Sotomayor, die Entscheidung ebne dem Bundesstaat den Weg, Pike hinzurichten, bevor die Zweifel an der Rechtmäßigkeit des vorherigen Verfahrens ordnungsgemäß geprüft werden konnten. Die Richterinnen Elena Kagan und Ketanji Brown Jackson schlossen sich dem an.
1996 zum Tode verurteilt
Die heute 50-jährige Pike wurde 1996 für den Mord an der damals 19-jährigen Klassenkameradin Colleen Slemmer zum Tode verurteilt. Pike war zum Tatzeitpunkt 18 Jahre alt. 1995 hatten drei Teenager das Opfer in einem abgelegenen Gebiet nahe der University of Tennessee in Knoxville gefoltert und getötet.
In dem Antrag des Staates Tennessee wurde Pike unter anderem eine bewusste Verzögerungstaktik in letzter Minute vorgeworfen, um die Vollstreckung zu verhindern. Zudem sahen die Kläger geringe Erfolgsaussichten für die Verurteilte: Die Grausamkeit und Schwere des Mordes wogen rechtlich so schwer, dass selbst das vor Gericht geltend gemachte Kindheitstrauma die Todesstrafe nicht verhindert hätte.
„Kurzer Aufschub“
Das Berufungsgericht sprach zuvor von einem „kurzen Aufschub“, bis alle Argumente für und gegen die Exekution geprüft seien. Zentraler Punkt dabei ist die gerichtliche Würdigung der Traumata, die Pike eigenen Angaben zufolge als Kind erlitt. Die Verurteilte machte vor Gericht geltend, der Bundesstaat Tennessee habe sie als Lügnerin abgetan und ihre Angaben zu erlittenem Missbrauch für erfunden gehalten. Dann habe der Bundesstaat den Missbrauch später jedoch doch als solchen anerkannt.
Pike zufolge stellt diese Änderung das Fundament des folgenden Gerichtsverfahrens infrage – und damit auch ihr Strafmaß. Ein Gnadengesuch an den Gouverneur war zuvor erfolglos geblieben, ebenso ein Antrag an das oberste Gericht in Tennessee.
Fall erregte landesweit Aufsehen
Pike wurde 1996 für den Mord an der damals 19-jährigen Slemmer zum Tode verurteilt. Der Fall erregte US-weites Aufsehen, weil Slemmers Leiche mit einem Pentagramm auf der Brust aufgefunden wurde, das als satanisches Zeichen gilt.
Nach Angaben der gemeinnützigen Organisation Death Penalty Information Center (DPI) ist Pike die Einzige der drei, die zum Tode verurteilt wurde. Ihr damaliger Freund war zum Zeitpunkt der Tat 17 Jahre alt, er erhielt eine lebenslange Haftstrafe. Eine weitere 18-Jährige wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
Rufe nach Stopp der Hinrichtung
Mehrere Kampagnen haben versucht, den geplanten Vollzug am 30. September aufzuhalten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International betonte, dass Pike während ihrer Kindheit Vergewaltigung, sexuelle und körperliche Gewalt sowie Misshandlung und Vernachlässigung erlitten hatte.
Auch Fachleute der Vereinten Nationen forderten einen Stopp der Hinrichtung. „Pikes Hinrichtung würde den Höhepunkt einer Entwicklung schwerer körperlicher und psychischer Leiden markieren, geprägt von Misshandlungen in der Kindheit und fast drei Jahrzehnten Isolationshaft im Todestrakt“, erklärten sie. „Ich finde nicht, dass jemand mich töten sollte, um mir beizubringen, dass es falsch ist, jemanden zu töten“, zitierte die „New York Times“ die verurteilte Pike.
Hinrichtungen von Frauen sehr selten
Pike wäre laut der Forschungseinrichtung Cornell Center on the Death Penalty Worldwide die erste Frau seit 1819, die in Tennessee hingerichtet wird. Die Todesstrafe ist in mehr als zwei Dutzend der 50 Bundesstaaten zugelassen, allerdings wird sie vielerorts de facto nicht mehr vollstreckt.
Laut DPI wurden in den USA im laufenden Jahr bis zum 24. September 28 Straftäter hingerichtet. Hinrichtungen von Frauen sind dabei sehr selten. Seit 1976 wurden 18 Frauen hingerichtet – etwa ein Prozent aller 1.683 Vollstreckungen.
Mehrheit der US-Bürger befürwortet Todesstrafe
Laut einer jüngst erschienenen repräsentativen Umfrage des Forschungsinstituts Pew Research Center befürworten zwei Drittel der Erwachsenen in den USA (66 Prozent) die Todesstrafe für Menschen, die wegen Mordes verurteilt wurden. Eine Mehrheit (59 Prozent) ist zugleich der Ansicht, dass die Todesstrafe keine abschreckende Wirkung auf schwere Straftaten habe.