„Frauen müssen nicht einfach da durch“: Gynäkologe bricht Tabu rund um die Wechseljahre
Stand: 06.09.2026, 22:23 Uhr
Kommentare
Erste Beschwerden zeigen sich durch schlechteren Schlaf, Gereiztheit oder Wortfindungsstörungen. Viele Frauen bringen diese Symptome zunächst nicht mit hormonellen Veränderungen in Verbindung.
Kassel – Wechseljahre können früher beginnen, als viele Frauen denken – und die ersten Beschwerden sind nicht unbedingt Hitzewallungen. Der Kasseler Gynäkologe Konstantin Wagner hat sich mit einem Thema befasst, das sonst häufig noch ein Tabu ist. Über weibliche Hormone hat er jetzt ein Buch veröffentlicht. Darüber spricht er im Interview.
Herr Wagner, die Wechseljahre rücken zunehmend in den öffentlichen Fokus. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Vor einigen Jahren stand die Endometriose stark im öffentlichen Fokus. Heute gilt das zunehmend für die Wechseljahre. Das finde ich gut. Frauen sprechen offener über ihre Beschwerden und nehmen sie ernster. Das ist ein wichtiger Schritt, um den Druck zu erhöhen, damit Betroffene passende Hilfe finden.

Sie schreiben im Buch zu Beginn: „Du bildest dir das nicht ein.“ Welche Beschwerden werden bei Frauen besonders häufig unterschätzt oder vorschnell als Stress oder psychische Belastung abgetan?
Psychische Veränderungen gehören oft zu den ersten Anzeichen. Frauen schlafen schlechter, sind gereizter oder weniger belastbar. Manche leiden unter Wortfindungsstörungen oder sogenanntem Brain Fog (deutsch: Gehirnnebel). Plötzlich erleben sie sich anders als früher. Viele bringen diese Beschwerden zunächst nicht mit den Wechseljahren in Verbindung, sondern vermuten Stress oder andere Ursachen.
Wie belastend sind psychische Beschwerden für viele Frauen?
Psychische Beschwerden gehören oft zu den ersten Anzeichen – noch bevor Hitzewallungen, Schweißausbrüche oder vaginale Trockenheit auftreten. Diese typischen Beschwerden verbinden viele sofort mit den Wechseljahren. Panikattacken, Ängste oder Konzentrationsprobleme bringen dagegen viele Frauen nicht mit hormonellen Veränderungen in Verbindung.
Ab welchem Alter bemerken Frauen erste Beschwerden?
Bei manchen Frauen beginnen die ersten Veränderungen bereits Ende 30 oder Anfang 40. Sie fühlen sich weniger leistungsfähig als früher oder bemerken andere Veränderungen an ihrem Körper. Viele denken bei Wechseljahren trotzdem erst an die Mitte 50. Dabei können sich die Veränderungen über viele Jahre entwickeln. Entscheidend ist, die Signale richtig einzuordnen.
Was sind aus Ihrer Sicht Gründe, weshalb Hormone aus dem Gleichgewicht geraten können?
Frauen kommen mit einer bestimmten Eizellreserve zur Welt. Diese Reserve nimmt im Laufe des Lebens ab. Durch die vielen Aufgaben der Hormone im Körper spüren viele Veränderungen an sich. Das passiert nicht plötzlich, sondern schleichend. Wenn ich Patientinnen frage, seit wann sie Beschwerden haben, können viele den Beginn gar nicht genau benennen.
Sie beschreiben Hormone als hochsensibles System. Warum reicht es deshalb nicht, einzelne Hormonwerte isoliert zu betrachten?
Hormone beeinflussen sich gegenseitig. Eine Schilddrüsenunterfunktion kann zum Beispiel ähnliche Beschwerden verursachen wie die Wechseljahre – etwa Erschöpfung, Haarausfall oder ein verändertes Hitze- und Kälteempfinden. Deshalb reicht ein einzelner Laborwert nicht aus, um die Beschwerden einzuordnen.
Ihr Buch beschäftigt sich auch mit dem Menstruationszyklus. Welche Veränderungen können Hinweise auf die Gesundheit einer Frau geben?
Es hilft, den Zyklus über längere Zeit zu beobachten und Veränderungen zu dokumentieren. Dazu gehören Schmierblutungen, Schmerzen rund um den Eisprung, Müdigkeit oder Gereiztheit. Auch die Zykluslänge kann wichtige Hinweise liefern. Für die gynäkologische Beratung sind die letzten drei Zyklen besonders hilfreich. Eine einzelne Abweichung muss dabei nichts bedeuten. Erst wenn sich ein Muster über mehrere Monate wiederholt, wird es aussagekräftiger.
Wie trackt man seinen Zyklus am besten?
Eine App oder ein Kalender reichen dafür meist aus. Es gibt auch Geräte, die den Progesteronspiegel im Speichel messen. Sie sind jedoch deutlich aufwendiger und kostenintensiver. Die Basis bilden dabei drei Zeitpunkte: Wann beginnt die Periode? Wann findet ungefähr der Eisprung statt? Wie lange dauert die Zeit vom Eisprung bis zur nächsten Blutung? Mit diesen drei Punkten kann man gut ein Zeitintervall abstecken und notieren, wann weitere Beschwerden wie Müdigkeit, Schmerzen oder Gereiztheit auftreten.
Vielfach hört man, dass, um die Wechseljahresbeschwerden zu mindern, wieder die Pille genommen wird. Wie stehen Sie dem gegenüber?
Die Behandlung ist immer individuell. Manche Frauen möchten ihre Beschwerden mit einer hormonellen Therapie behandeln, andere möchten möglichst wenig in ihren Hormonhaushalt eingreifen und suchen nach anderen Möglichkeiten. Beide Wege können sinnvoll sein – entscheidend ist, was zur jeweiligen Frau und ihren Beschwerden passt. Wenn eine Frau zum Beispiel unter starken Regelschmerzen leidet und hormonelle Schwankungen mit einer Verhütungspille reduzieren möchte, kann das eine gute Lösung sein. Andere Frauen möchten nicht hormonell verhüten und bevorzugen einen anderen Ansatz. Wir entscheiden gemeinsam mit der Patientin. Wir besprechen die Möglichkeiten und sprechen Empfehlungen aus. Die Frau entscheidet mit, welcher Weg für sie der richtige ist.
Sie sagen, Stress, Schlafmangel, Blutzuckerschwankungen, das sind Faktoren, die das Hormonsystem beeinflussen. Welche Rolle würden Sie dem eigenen Lebensstil da zuweisen?
Der Lebensstil spielt eine große Rolle. Jede Frau muss dabei ihren eigenen Weg finden. Veränderungen brauchen allerdings Zeit. Ernährung, Bewegung und Schlaf wirken nicht über Nacht. Deshalb ist es wichtig, neue Gewohnheiten konsequent beizubehalten. Viele wünschen sich eine schnelle Lösung durch ein Medikament. Gleichzeitig können Veränderungen des Lebensstils schon nach einigen Wochen positive Effekte haben – körperlich und psychisch. Man kann die Wechseljahre nicht verhindern, aber manche Beschwerden und Veränderungen lassen sich beeinflussen. Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt von den individuellen Beschwerden und der jeweiligen Situation ab.
Wann würden Sie sagen, reichen diese Maßnahmen nicht mehr aus und Frauen sollten dann doch zum Arzt gehen?
Wenn die Beschwerden den Alltag weiterhin belasten, sollte man ärztliche Hilfe suchen. Das gilt zum Beispiel für starke Erschöpfung, Schlafstörungen, anhaltendes Übergewicht oder Gelenk- und Muskelschmerzen, die sich durch Veränderungen bei Ernährung und Bewegung nicht ausreichend bessern. Ich beschreibe das im Buch als Pyramide: Die Basis ist Lebensstil, Ernährung und Schlaf. Auf der nächsten Stufe stehen sinnvolle Nahrungsergänzungsmittel oder pflanzliche Arzneimittel. An der Spitze stehen dann Medikamente, also auch eine Hormonersatztherapie. Welche Behandlung sinnvoll ist, hängt von den Beschwerden und der individuellen Situation ab. Bei bestimmten Beschwerden kann eine Hormonersatztherapie besonders wirksam sein.
Was wünschen Sie sich, dass Frauen früher über die Wechseljahre wissen?
Ich würde mir wünschen, dass Frauen viel früher wissen, dass die Wechseljahre nicht erst mit der letzten Periode beginnen. Die frühe Prämenopause kann mindestens ein Jahrzehnt vorher starten und sich zunächst durch Dinge wie schlechteren Schlaf, stärkere Stimmungsschwankungen, Angst- und Panikstörungen, verstärktes Prämenstruelles Syndrom (PMS), also Beschwerden vor der Periode, oder Zyklusunregelmäßigkeiten bemerkbar machen. Und vor allem würde ich ihnen gerne die Angst davor nehmen. Die Wechseljahre sind keine Krankheit und schon gar nicht das Ende von Weiblichkeit oder Leistungsfähigkeit. Aber wenn Beschwerden entstehen, müssen Frauen „nicht einfach da durch, weil das eben dazu gehört“. Sie sollten niemals einfach etwas aushalten müssen. Wir haben heute sehr gute Möglichkeiten, diese Lebensphase ganzheitlich medizinisch zu begleiten.
Zur Person
Dr. Konstantin Wagner (39) ist Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe. Er ist in Immenhausen aufgewachsen und studierte Medizin in München. Seine Facharzt-Ausbildung hat er am Kasseler Klinikum gemacht. Vor fünf Jahren hat er die gynäkologische Praxis seines Vaters Karl-Heinz Wagner an der Wilhelmshöher Allee übernommen. Wagner hat zwei Töchter und lebt mit seiner Familie im Schwalm-Eder-Kreis.