Kiew unter Beschuss: Russlands Jet-Drohnen fordern Flugabwehr heraus
Freiwillige auf dem Hügel: Wie vier Männer Kiew nachts vor Russlands neuen Jet-Drohnen schützen
Stand: 03.10.2026, 19:24 Uhr
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Freiwillige schützen Kiew mit Sowjet-MGs gegen Russlands neue Jet-Drohnen – doch die alten Waffen stoßen an ihre Grenzen
Kiew – Eine helle Mondnacht auf einem Hügel außerhalb von Kiew. Vier Männer öffnen die Plane über einem amerikanischen Pickup-Truck. Zum Vorschein kommt ein Drehgestell mit einem großen Doppel-Maschinengewehr. Die Lichter der Millionenstadt flimmern am Horizont. Der mobile Trupp gehört zur ukrainischen Flugabwehr. Er soll in dieser Nacht helfen, die Hauptstadt vor russischen Luftangriffen zu schützen.

In den vergangenen Wochen ist es fast unmöglich geworden, diesen Auftrag zu erfüllen. Die russische Armee beschießt Kiew nicht nur nachts mit ballistischen Raketen. Sie hat ihre Shahed-Drohnen, die ursprünglich iranischer Bauart waren, mit Düsenantrieb versehen. Frühere Typen wie Geran-3 hatten einen Propeller, waren langsam und flogen niedrig. Sie klangen wie ein Moped.
Freiwillige bewachen Kiews Luftraum, „bis zu unserem Sieg!“
„Als die Russen merkten, dass wir ihre Shahed gewöhnlich abschießen, haben sie neue entwickelt, die schneller und höher fliegen“, sagt der Truppführer. Der neueste Typ Geran-5 fliegt nach Angaben des Militärgeheimdienstes HUR der Ukraine 450 bis 600 Kilometer pro Stunde schnell und maximal 6.000 Meter hoch. Geran-4 ist etwas kleiner und langsamer. Sie klingen wie Düsenflugzeuge. Und sie schlagen zu jeder Tages- und Nachtzeit in Kiew ein. Es gibt Tote und Verletzte. „Für die Zivilbevölkerung ist das Leben sehr schwer geworden.“
Die vier Uniformierten sind keine Soldaten, sondern Freiwillige; sie haben Militärerfahrung. Von acht Uhr abends bis acht Uhr morgens dauert die Wache, sie opfern dafür ihre Freizeit. „Meine Projekte fressen viel Zeit. Deshalb mache ich das an meinen freien Tagen“, sagt ein Unternehmer. Einer arbeitet als Systemadministrator, einer ist Beamter. Der Vierte war schon Tierfilmer, Soldat und Tee-Importeur. Ihr Antrieb: „Es ist wichtig, dass wir unsere Frauen und Kinder schützen“, sagt der Truppführer. Uniformen, Ausrüstung, auch das Auto haben sie selbst beschafft. Die Armee stellt das Flugabwehrgeschütz mit Munition bereit. Wie lange werden sie durchhalten? „Bis zu unserem Sieg!“
Die schweren Maschinengewehre vom Typ Wladimirow mit Kaliber 14,5 Millimeter stammen noch aus Sowjetzeiten. „Vermutlich in den 70ern gebaut“, sagt der Truppführer. Gegen die alten Shahed war ihre Trefferquote gut, sagen die Männer am Geschütz. Auch niedrig fliegende russische Marschflugkörper können sie mit etwas Glück vom Himmel holen.
Alte Maschinengewehre gegen neue Drohnen
Doch für die neue Generation russischer Drohnen schießen die alten MGs nicht hoch genug. „Wir können sie treffen, wenn sie unter 1.500 Meter fliegen.“ Dafür müssen die feindlichen Flugkörper beim Zielanflug vor den Doppellauf geraten. Die mobilen Trupps agieren nicht allein, die Verteidigung des Himmels über Kiew ist gestaffelt. Es gibt die alten deutschen Flugabwehrpanzer Gepard, es gibt elektronische Abwehrmittel. Doch auch sie haben ihre Mühe mit den schnellen neuen Drohnen.
Die deutschen Flugabwehrsysteme Iris-T könnten die Geran-5 wohl abschießen. Doch ihre Abfangraketen sind teuer. Am erfolgreichsten gehen derzeit ukrainische Kampfjets auf Drohnenjagd. Manchmal nutzen sie Berichten zufolge ihre Bordkanone, auch wenn sie dicht an die Drohnen heranfliegen müssen. Schließlich schützen auch Systeme der Typen Patriot und Nasams die Hauptstadt, die aber zur Abwehr ballistischer Angriffe bestimmt sind. In der Nacht auf Dienstag seien ballistische Raketen abgeschossen worden, teilte Präsident Wolodymyr Selenskyj mit. Er dankte den USA und Norwegen für die Nasams mit Munition.
Tablet zeigt die feindlichen Drohnen
Hauptarbeitsgerät der Freiwilligen ist ein Tabletcomputer. Er zeigt auf einer Karte, wie die feindlichen Drohnen anfliegen. „Eine kommt über Wyschhorod rein. 4.700 Meter hoch“, sagt der Mann am Tablet an. „Dreht ab nach Browary.“ Das ist ein Vorort, in dem immer wieder Logistikzentren attackiert werden.
Warten, warten - so sieht die Wache auf dem Hügel aus. Zwei Männer fachsimpeln über ihre Motorräder. Dann auf einmal: Eine Drohne nähert sich von weitem dem möglichen Schussfeld der MGs. Der Mann im Schützensessel dreht das Gestell, kurbelt die Rohre hoch. „Nein, die geht doch nach Schuljawka.“ Diesmal wird nicht geschossen. Für sinnlos halten die Männer ihre Aufgabe trotzdem nicht: Irgendwann wird es auf sie ankommen. „Außerdem beobachten wir, sammeln Informationen und geben sie weiter“, sagt einer.
Fieberhafte Arbeit an neuen Abwehrmitteln
Doch die große Stadt Kiew kann nicht täglich mehrere schwere Treffer hinnehmen mit Toten und Verletzten, Bränden, zerstörter Infrastruktur, unbewohnbaren Häusern und kaputten Unternehmen. Die Zuspitzung der vergangenen Tage rief die Staatsführung auf den Plan. Eigene Abfangwaffen seien bereits im Gefecht getestet worden, sagte Selenskyj. Die Abfangrate sei zwar noch zu niedrig. „Doch jede Woche soll sich die Trefferquote erhöhen.“ Derzeit liegt sie nach verschiedenen Angaben bei etwa 60 Prozent.
Der neue Verteidigungsminister Jewhenij Chmara kündigte eine neue Taktik an. Die Jet-Drohnen dürften gar nicht erst in die Nähe der Hauptstadt kommen. Alle der Teile der Flugabwehr müssten ihre Arbeit an die neue Realität anpassen. Als eine Entlastung soll die Ukraine von Belgien bis Jahresende drei weitere Kampfjets des US-Typs F-16 bekommen.
Russland intensiviert Angriffe auf die Ukraine: Plant Putin die Winteroffensive
Zuletzt hatten nach Angaben des Netzbetreibers Ukrenerho russische Angriffe in mehreren ukrainischen Regionen Stromausfälle verursacht. Betroffen seien etwa die Region Charkiw im Osten, Tschernihiw und Sumy im Norden sowie Riwne im Nordwesten und Kirowohrad im Zentrum des Landes, erklärte der Betreiber. Wo die Sicherheitslage es zulasse, seien bereits Notfallreparaturen und Wiederherstellungsarbeiten im Gange. Ukrenerho forderte private Verbraucher auf, „energieintensive Nutzung“ auf die Tagesstunden zu verlegen. In einigen Gebieten sei am Abend ein sparsamer Verbrauch nötig.
Russland hatte am Mittwoch erklärt, es habe die ukrainische Energieinfrastruktur in der Hauptstadt Kiew und der umliegenden Region gezielt mit Drohnen und Raketen angegriffen. Die jüngste Zunahme russischer Angriffe hat Befürchtungen vor einem weiteren Winter mit wenig oder gar keiner Strom- und Heizversorgung geschürt. Im vergangenen Jahr hatte es bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad ebenfalls viele Angriffe gegeben.
Schule und Infrastruktur im Visier: Selenskyj warnt vor Putins Drohnen
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte derweil, die russischen Streitkräfte hätten zudem eine Schule in Kiew angegriffen. Kinder und Lehrer hätten sich in einem Schutzraum aufgehalten. Opfer wurden nicht gemeldet.
Russland hat im fünften Jahr des Krieges seine Drohnen- und Raketenangriffe auf die ukrainische Hauptstadt verstärkt. Selenskyj hat die Verbündeten der Ukraine wiederholt aufgefordert, seinem Land mehr militärische Unterstützung, insbesondere für die Luftabwehr, zu liefern. (kox/dpa/AFP)