Früher Handarbeit, heute Maschine: Acht Tage Vollgas: So erntet das Weingut Karl Petgen seinen Wein in Rekordzeit
Früher Handarbeit, heute Maschine Acht Tage Vollgas: So erntet das Weingut Karl Petgen seinen Wein in Rekordzeit
Nennig · Für die Winzer im Weingut Karl Petgen läuft die Weinlese auf Hochtouren. Mithilfe einer Maschine lassen sich die Trauben schneller ernten. Außerdem sortiert sie Blätter sowie Ranken aus. Doch der Klimawandel macht es immer schwieriger, den richtigen Zeitpunkt zu bestimmen.
16.09.2026 , 14:31 Uhr
Handlese war gestern: Ein Vollernter ersetzt laut Winzer Philipp Petgen 100 bis 120 Erntehelfer.
Foto: Michelle Soulier
Gemächlich setzt sich der Vollernter in Bewegung. Langsam fährt er die Grauburgunder-Rebzeilen ab. Dabei werden die Reben in Schwingungen versetzt, sodass die reifen Beeren abfallen und ins Innere der Maschine gelangen. Philipp Petgen, Sohn des Weingutinhabers Peter Petgen, steht mit seinem Traktor und Anhänger am Rand der Parzelle. Nach etwa vier oder fünf Rebzeilen ist der Vollernter voll und kippt die geernteten Trauben in den bereitstehenden Anhänger.
Die Ernte beim Weingut Karl Petgen hat um halb fünf Uhr morgens begonnen. Während viele Menschen in Nennig vermutlich noch schliefen, standen Philipp und Peter Petgen bereits im Weinberg, um auf das Subunternehmen zu warten, dem die Maschine gehört. Drei Hektar Grauburgunder sollen über den Tag verteilt geerntet werden – möglichst kühl und ohne Verzögerung. Die Maschine ist allerdings den ganzen Tag im Einsatz, denn die Winzer in Nennig teilen sich einen Dienstleister, damit der Traubenvollernter vollständig ausgelastet ist.
Der Vollernter in Aktion: Er fährt über die Reben und rüttelt die Trauben von den Reben. Über ein Förderband werden sie ins Innere der Maschine transportiert, wo sie gesammelt werden.
Foto: Michelle Soulier
Ernten, bevor die Wärme die Gärung beschleunigt
Dass die Trauben möglichst kühl gelesen werden, ist kein Zufall. Am Tag vor der Ernte hatten sie laut Philipp Petgen bereits eine Temperatur von etwa 26 Grad Celsius. „Bei solchen Temperaturen setzt die Gärung sehr schnell ein“, sagt er. Wer früh am Morgen erntet, kann die Kühlung sparen und dadurch Kosten senken. Auch an Tagen, an denen die Temperaturen unter 20 Grad Celsius fallen, werde gelesen.
Der frühe Start hat in diesem Jahr einen zusätzlichen Grund: Die Trauben seien durch den heißen Sommer nahezu alle gleichzeitig reif, sagt Peter Petgen. Normalerweise haben die verschiedenen Rebsorten unterschiedlich lange Wachstumsphasen. Riesling-Trauben werden so deutlich später geerntet als Grauburgunder-Trauben. In diesem Jahr aber muss es schnell gehen.
Acht Tage Vollgas
„Planen kann man nicht, was wann geerntet werden muss. Das muss man jeden Tag kontrollieren – es ist eben Natur. Jetzt heißt es Vollgas“, sagt Peter Petgen. Mit dem Traubenvollernter könne er die Ernte voraussichtlich innerhalb von acht Tagen abschließen.
Inhaber Peter Petgen erinnert sich noch gut an die Handlese, die bis vor circa 15 Jahren noch praktiziert wurde. Dass mittlerweile selbstverständlich Maschinen eingesetzt werden, hat für ihn nur Vorteile - auch weil kaum mehr Personal für die Weinlese zu finden ist.
Foto: Michelle Soulier
Der richtige Zeitpunkt hänge dabei nicht nur vom Kalender ab. In den Beeren müsse sich genügend Zucker eingelagert haben, die Säure müsse abgebaut sein, und Aromen sowie Extrakt- und Mineralstoffe müssen sich entwickelt haben. Erst dann sei die sogenannte physiologische Reife erreicht, erklärt Peter Petgen.
Eine Maschine ersetzt hundert Helfer
Wie der Traubenvollernter arbeitet, erklärt Philipp Petgen. „Im Inneren sind Stäbe, die die ganze Rebe in Schwingungen versetzen.“ Dadurch fallen die reifen Beeren nach unten. Bänder nehmen sie auf und transportieren sie in die Behälter. Ein Gebläse bläst Blätter, Holz und Ranken heraus. Was übrig bleibt, sind die reinen Beeren. „Das ist ein Qualitätsmerkmal“, sagt Petgen. Blätter und Holzreste können Bitterstoffe in den Most bringen – genau das wollen sie für ihre Weine vermeiden. Der 25-Jährige ist Weinbautechniker und möchte das Weingut eines Tages gerne übernehmen.
Philipp Petgen ist mit dem Weinbau aufgewachsen. Er ist ausgebildeter Weinbautechniker und will das Weingut eines Tages von seinem Vater übernehmen.
Foto: Michelle Soulier
Die Maschine ersetzt nach Petgens Einschätzung die Arbeit von etwa 100 bis 120 Personen. Arbeitskräfte für die Weinlese zu finden, sei heute sehr schwierig bis kaum möglich. Für die Familie Petgen ist die maschinelle Ernte deshalb seit gut 15 Jahren selbstverständlich. „Maschinelles Ernten ist heute eigentlich Standard – überall da, wo es geht“, erklärt Philipp Petgen. Das sei mittlerweile sogar in manchen Steillagen möglich.
Was übrig bleibt, sind die reinen Weintrauben ohne ungewolltes Gehölz oder Blätter.
Foto: Michelle Soulier
Handlese für zwei bis drei Wochen bei Wind und Wetter
Philipp kennt noch die andere Art der Weinlese. Als Kind hat er bei der Handlese geholfen. „Das war hart“, erzählt sein Vater im Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung. Früher waren pro Hektar rund zwölf Personen etwa zwei Tage lang im Einsatz. Für die gesamte Weinlese zog sich die Handlese über zwei bis drei Wochen hin – bei Wind und Wetter.
Am Stock bleiben nur die Reben übrig. Anders als bei der Handlese werden die Beeren maschinell von den Reben gelöst. Das kann laut den Petgens unter anderem für eine bessere Qualität des Weins sorgen.
Foto: Michelle Soulier
„Das würde heute gar nicht mehr funktionieren“, sagt Peter Petgen. Bei den heutigen Temperaturen könnten die Trauben noch am Stock verderben. Für viele Betriebe gebe es ohne die Technik keine Chance, die gesamte Fläche rechtzeitig zu lesen.
Peter Petgen sieht den Traubenvollernter deshalb klar als Fortschritt. Die Maschine habe die Weinlese ähnlich grundlegend verändert wie der Mähdrescher die Getreideernte. „Verloren geht durch die Maschine aus meiner Sicht nichts Entscheidendes“, sagt er. Die Qualität könne ebenso gut oder sogar besser sein als bei der Handlese. Zwar könne es durch feuchte Blätter zu Saftverlusten kommen, insgesamt sei die maschinelle Ernte aber wirtschaftlicher und schlagkräftiger.
Jahrgang 2026: Hoher Alkoholgehalt, aber kleinere Menge
Mit dem bisherigen Verlauf des Jahrgangs 2026 ist Peter Petgen sehr zufrieden. Die Zuckerwerte seien außergewöhnlich, der zu erwartende Alkoholgehalt kräftig, die Säure eher niedrig. Die extreme Trockenheit habe allerdings die Menge geschmälert. „Ohne ausreichend Wasser haben die Beeren weniger Saft und bleiben kleiner“, erklärt er. Das wirke sich auf den Ertrag aus.
Die Qualität der Trauben beurteilt Petgen dennoch als sehr gut. Bis zum Wochenende hat er einen Wunsch: Er hofft, dass das Wetter noch einmal mitspielt. „Ab nächster Woche kann es regnen. Bis dahin hoffen wir, dass es trocken bleibt.“ (sara)