Fußball und Klimaschutz: Wie ein kleiner Verein zeigt, warum das ein echter Gewinn ist

Fußballspieler der Kickers JuS 03 in schwarz-roten Trikots jubeln in einer engen Gruppenumarmung auf dem Rasenplatz, im Hintergrund Bäume und ein Vereinsgebäude mit blauen Türen.

AUDIO: Klimaschutz: Was es braucht, damit er Spaß macht (4 Min)

Klimapsychologie

5:0 für Klimaschutz: Wie bekommen wir Bock?

Stand: 05.09.2026 20:28 Uhr

Ob beim Kampf gegen den Klimawandel jeder des Glückes Schmiedin ist, oder der Staat sich dann doch mal etwas überlegen müsste, ist schon lange zentraler Gegenstand der Klimaphilosophie. Aber weil zum Philosophieren wahrscheinlich keine Zeit bleibt, gehen ein paar Bürgerinnen und Bürger schon mal in Vorleistung und packen an. Nur, was treibt sie an? Und wie könnten es mehr werden? Und wäre der Staat fein raus? Aber nicht doch, liebe Bundesregierung.

von Florian Zinner

  • Klimaschutz ist nicht gerade etwas, das Lust und Laune versprüht
  • Für die Motivation braucht es aber nicht mal die Sehnsucht, die Erde zu retten, sondern etwas anderes
  • Und auch wenn alle an einem Strang ziehen sollten, muss der Staat die Voraussetzungen schaffen

Es ist weitestgehend offensichtlich, wer im Waldstadion in Stavenhagen am vergangenen Wochenende die Nase vorn hatte. Die Ü35-Herren der Kickers JuS 03 waren bei ihrem Heimspiel eigentlich schon die ganze Zeit überlegen, in der zweiten Halbzeit wird die Partie dann perfekt: 5 : 0. Die Freude über den Sieg dürften nicht mal die Aufräumarbeiten schmälern. Über den Spielfeldrand verteilte Einwegbecher sind eine Unsitte vergangener Tage, denn auch beim Umwelt- und Klimaschutz gibt es im Verein schon mindestens drei Volltreffer.

Dieser Text erschien zuerst im ARD Klima-Update #260

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Aber ganz langsam und der Reihe nach. "Häufig war es so, dass Spieler oder auch andere Unterstützer nach Spielen oder Veranstaltungen häufig diese Becher und den Müll wieder einsammeln mussten", erinnert sich Paul Elberg, 22 Jahre, Jugendvorstand, Nachwuchstrainer und selbst Spieler. Die Kickers JuS 03 haben kurzerhand ein Pfandbechersystem entwickelt, das nicht nur das mühselige Aufsammeln der Hinterlassenschaften erspart, sondern auch noch Klima und Umwelt schont.

Paul Elberg

Außerdem haben auf diese Weise alle Gästinnen und Gäste am Spielfeldrand quasi das aufgedruckte Vereinslogo in der Hand. Missmut und ein Hinterhertrauern der althergebrachten Tradition des Einwegbechers sucht man hingegen vergebens, resümiert Elberg: "Viele unserer Zuschauer kennen das auch von größeren Stadien, Rostock oder ähnlichen. Und dann haben auch einige gesagt, diese zwei Euro Pfand sollen wir dann halt in unsere Jugendkasse stecken."

Wenn Klimaschutz im Sportverein zur Kaskade wird

Als der Anfang gemacht war, hat sich der Verein im Herzen Mecklenburg-Vorpommerns in einem zweiten Schritt die alte Lichtanlage vorgenommen, die den Trainingsbetrieb gerade in den Wintermonaten sichert. Der Energieverbrauch ist nicht ohne, die Stromkosten sind es auch nicht. Aber auch ein zeitgenössisches LED-Flutlicht gibt’s nicht umsonst. Durch eine Förderung und Unterstützerinnen und Unterstützer, die die Fördersumme vorgestreckt haben, wird in Stavenhagen jetzt unter LED-Licht gespielt. Vielleicht mit Second-Hand-Trikots, denn das wäre der dann inzwischen dritte Streich von Paul Elberg und den anderen beim Kickers JuS 03:

"Ein weiterer Punkt war, dass wir viele alte, ehemalige Trikots und Trainingsanzüge im Vereinshaus hatten, die liegen da meistens rum, nehmen Platz weg." Dem Verein kam die Idee, die Sportkleidung an die nächste Generation weiterzugeben, zum Beispiel fürs Training oder Heimspiele. Die Weitergabe von Klamotten, das kennt man ja von älteren Geschwistern, mit dem Unterschied, dass die Nachwuchsmannschaften die Second Hand-Trikots mit Würde tragen. "Nachwuchsspieler, die dann mit dem eigenen Trikot, was ich persönlich mal anhatte, auf einmal trainieren und da total stolz sind – also das war irgendwie so ein Moment, das hat mich dann schon stolz gemacht", so Elberg.

Preiswürdig: Ein eigenes Pfandsystem und Second Hand-Trikots für den Nachwuchs

Zum Stolzsein gibt es jetzt noch einen weiteren Grund: Die Kickers JuS 03 sind Ende August mit einem Hauptpreis beim Förderwettbewerb "Gutes. Klima. Machen." in Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet worden. Was bei allen drei Nachhaltigkeitsprojekten des Vereins so auffällt: Die Initiativen tragen nicht nur ein klitzekleines bisschen dazu bei, das Überleben der Menschheit in der Klimakrise zu sichern und geben den Clubmitgliedern nicht nur das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, sondern machen praktischerweise auch das Vereinsleben besser: kein Müllaufsammeln mehr, geringere Stromkosten und dann auch noch glückseliger Nachwuchs.

Große Gruppe von Fußballspielern und weiteren Personen posiert gemeinsam auf Fußballplatz und hält ein rot-weißes Banner mit der Graffiti-Stil-Aufschrift „Gutes. Klima. Machen.“ hoch, umgeben von hohen Laubbäumen.

Kickers JuS 03 aus Stavenhagen

Dieses Muster ist nichts Verrücktes, sondern zieht sich durch die Gesellschaft, zeigen ganz frische Daten des "Sozialen Nachhaltigkeitsbarometers der Transformation". "Also die Menschen wägen zunehmend die Kosten und Nutzen der Transformation gegeneinander ab", erklärt Benita Ebersbach vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit in Potsdam und Autorin des Berichts. "Und daher wird Klimaschutz vor allem dann attraktiver, wenn er mit konkreten Vorteilen verbunden ist, also zum Beispiel niedrigeren Energiekosten oder eben mehr Energie- und Versorgungssicherheit."

Die Deutschen wollen beim Klimaschutz nicht alleine gelassen werden

Die Daten zeigen aber auch, dass die Menschen in Deutschland mit dieser Bereitschaft nicht alleingelassen werden wollen. "Also das sehen wir auch in dem Wunsch, dass eben entsprechende Infrastruktur notwendig ist, um auch klimafreundliches Handeln zu ermöglichen. Da geht es etwa um den leichteren Zugang zum ÖPNV oder eben klimafreundliche Energieversorgung, insbesondere im Gebäudebereich", erklärt Ebersbach. "Um klimafreundliche Investitionen zu erleichtern, sollten vor allem die hohen Anfangsinvestitionen unterstützt werden."

Grafik „Was Menschen für den Klimaschutz brauchen” laut Sozialem Nachhaltigkeitsbarometer der Transformation 2026 zeigt vier Aussagen mit Prozentwerten und passenden Emojis: 79 Prozent halten entsprechende Infrastruktur wie Verkehr und Energie für nötig, 62 Prozent wünschen sich klare Preissignale, 49 Prozent befürworten gesetzliche Vorschriften und Regeln (wobei ein weiteres Viertel hierzu unsicher ist), und 29 Prozent finden, Klimaschutz solle individuell überlassen werden. Die Werte basieren auf mehr als 6.500 Befragten, die einer Maßnahme voll und ganz oder eher zustimmen, Quelle ist Ebersbach, Huttarsch, Körfer et al. (2026).

Die Daten des Barometers illustrierten das vor allem im Bereich Wärme: Da reicht es meistens nicht, das Sparschwein zu metzgern, um nicht nach dem Kostenvoranschlag aufhören zu müssen, die Wärme zu wenden. Bei aller Liebe zur Technologieoffenheit kommt hinzu, dass sich die Deutschen, man sieht es ihnen nach, Verlässlichkeit wünschen, so Benita Ebersbach: "Wer also heute investiert, muss darauf vertrauen können, dass politische Rahmenbedingungen morgen auch noch gelten." Spätestens beim jüngsten Trubel um das Gebäudemodernisierungsgesetz oder der Debatte ums Aus vom Verbrenner-Aus dürfte dieses Vertrauen einen leichten Knacks bekommen haben.

Klimaschutz: Umdenken beim Denken über andere?

Klimaschutz hört aber nicht bei der Wärmepumpe auf, sondern ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Bisher ging man davon aus, dass es an genau dieser Einstellung hapert und die meisten Menschen vermuten, dass ihren Mitmenschen Klimaschutz ohnehin egal ist und sie deshalb auch selbst ihren Allerwertesten ruhig halten dürfen. Stimmt so nicht, zeigt eine aktuelle Studie der Uni Erfurt mit 5.000 Teilnehmenden aus Deutschland und den USA. Denn es ist natürlich viel komplizierter.

Eine große Mehrheit unterstützt demzufolge Klimaschutzmaßnahmen sehr wohl – eine Mehrheit, die von den Teilnehmenden selbst allerdings unterschätzt wurde. Überschätzt wurde hingegen, wie viele Menschen tatsächlich zu aktivem Klimaschutzverhalten bereit seien (die Studie bezieht sich hier auf das Spenden von Geld oder politisches Engagement).

Die Menschen wägen zunehmend die Kosten und Nutzen der Transformation gegeneinander ab Benita Ebersbach, RIFS Potsdam

Für die Klimakommunikation bedeutet das, den Mitbürgerinnen und Mitbürgern klarzumachen: Hey, du bist Teil einer starken Bewegung, aber beim Tun wirst du gebraucht, da ist noch Luft nach oben. Die Autorinnen und Autoren der Studie kommen zumindest zu dem Schluss, dass klimafreundliches Handeln leichter ermöglicht werden müsse und das Aufzeigen von wirksamen Lösungen der Schlüssel zum Erfolg sein könnte.

Porträtfoto einer lächelnden Frau mit langen braunen Haaren, hellblauer Bluse und Perlenkette vor neutralem grauem Hintergrund.

Benita Ebersbach

Das deckt sich praktischerweise mit den Befunden aus dem Nachhaltigkeitsbarometer. Der direkte Anreiz ist bekanntermaßen eben nicht, dass wir zur Mitte des Jahrhunderts noch halbwegs gut auf dem Planeten existieren können, sondern, als kleines, motivierendes Startguthaben, dass man unverzüglich geringere Energiekosten zahlt. Oder etwas zurückbekommt, wenn man seinen klimaschädlichen Fußabdruck im Verkehr reduziert. "Das Thema Klimageld wird ja immer mal wieder diskutiert, dass es da eben einen kleinen Anreiz gibt, auch klimafreundliches Verhalten im Alltag umzusetzen." Gut, dass es Benita Ebersbach anspricht – das Klimageld befindet sich schon derart lange in bundespolitischer Hab-Acht-Stellung, dass es derzeit völlig vergessen erscheint.

Der Fußballclub hört nicht auf

In Stavenhagen warten die Kickers JuS 03 erst gar nicht drauf. Die nächsten Projekte stehen sowieso schon in den Startlöchern, erzählt Paul Elberg, der übrigens in Neubrandenburg Naturschutz und Umweltplanung studiert, das Engagement kommt also nicht von ungefähr. Die alten Dieseltraktoren, die den Feldrasen mähen, sollen verschwinden. Stattdessen ist geplant, künftig einen Roboter das Gras auf Spielhöhe stutzen zu lassen. Auch da ist es wieder: Eine Entscheidung gegen den fossilen Antrieb heißt in diesem Fall weniger Arbeit bei der Rasenpflege.

"Und eine zweite Sache ist: Wir würden gerne unser Vereinsheim mit Photovoltaik und einer Wärmepumpe ausstatten", erklärt Elberg, dem allerdings klar ist, dass es sich dabei nicht gerade um ein kleines Unterfangen handelt, der Verein steht hier noch ganz am Anfang. Wenn alles klappt, winkt zumindest die befriedigende Fügung, dass der Mähroboter mit dem Strom aus der eigenen PV-Anlage betrieben werden soll. Und die Gewissheit, dass hier nicht nur die Ü35-Herren fünf Tore versenken, sondern auch ein kleiner Fußballclub im Nordosten seinen vierten und fünften Nachhaltigkeitstreffer perfekt gemacht hat.

Klima

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