Warum Profi-Karrieren immer länger dauern
Fußball
Warum Profi-Karrieren immer länger dauern
- Ob Lionel Messi, Manuel Neuer oder Christopher Trimmel: Immer häufiger spielen Fußball-Profis auch noch mit fast 40
- Grund dafür sind eine bessere Rundum-Betreuung von Anfang an
- Vor allem im regenerativen Bereich liegen aber noch weitere Potentiale
Sie sind überall: Fußballer, die auch im für Fußballer hohen Alter noch auf dem höchsten Level mitmischen. Mit Argentiniens Lionel Messi (39), Portugals Cristiano Ronaldo (41) und Kroatiens Luka Modric (41) sind die drei Spieler, die die Wahl zum Weltfußballer des Jahres unter sich ausgemacht haben zwischen 2008 und 2019, noch immer aktiv.
Aber auch in der Bundesliga gibt es sie, die alten Knochen, die noch mitmischen. Bayerns Manuel Neuer (40), Schalkes Edin Dzeko (40) oder Christopher Trimmel (39), Kapitän des 1. FC Union Berlin. Spieler um die 40 gab es auch früher schon. So wie Manfred Burgsmüller, der mit 39 Jahren lange Zeit den Rekord als ältester Bundesliga-Torschütze überhaupt hielt, ehe ihn Mirko Votova und später Claudio Pizarro ablöste (beide mit 40).
Die Häufung allerdings nimmt zu. Was die Frage aufwirft: Warum können Fußballer heute scheinbar immer länger auf höchstem Niveau mithalten?
Spieler sind früher "fertig"
Das durchschnittliche Alter der eingesetzten Profis im Profifußball bewegt sich zwar seit vielen, vielen Jahren zwischen 26 und 27 Jahren [football-observatory.com]. Allerdings liegt das auch daran, dass immer mehr ganz junge Spieler in die Ligen drängen. Spieler, die mit 16 debütieren, so wie Gladbachs Wael Mohya oder der Ex-Herthaner Kennet Eichhorn, der inzwischen bei Bayer Leverkusen unter Vertrag steht. Die gleichzeitigen Zuwächse an den Rändern sind dabei kein Zufall, sondern bedingen einander.
So bemerkt Hans-Georg Predel, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln, dass inzwischen eben schon die Kleinsten rundum betreut werden. Sobald sie in die Vereine kommen, werden sie "technisch, taktisch, physisch hochgetunt. Und das führt dazu, dass sie tatsächlich mit 18 oder 19 schon fast fertige Spieler sind."
Arsene Wenger, zwischen 1996 und 2018 Erfolgstrainer beim englischen Spitzenklub Arsenal London und heute für den Fußball-Weltverband Fifa als "Chief of Global Football Development" tätig, geht sogar noch weiter: "Mit 17 Jahren hat man alle Werkzeuge beisammen, die es braucht, um Profi zu werden."
Auch die Regeneration fällt im Alter schwerer
Doch welche Faktoren entscheiden darüber, wie lange Spieler ihre Karrieren verfolgen können? Ein eindeutig limitierender Faktor, so Predel, sei die abnehmende Geschwindigkeit, über die er sagt: "Da können sie kaum etwas machen." Auch die Reaktionszeiten, Ausdauer und Kraft nehmen sukzessive ab, so Predel. Vor allem aber die Regenerationsgeschwindigkeit leidet mit fortschreitendem Alter, "nach hochintensiven Belastungen und nach Verletzungen". Studien aus dem Fußball gibt es keine. Aus dem Ausdauersport aber etwa weiß man, dass die Unterschiede in der Regenerationszeit bei 60-Jährigen im Vergleich zu 30-Jährigen Tage betragen.
Womit man wieder bei Union Berlins Christopher Trimmel wäre, der all das bestens kennt. Seit 2014 steht der Österreicher beim Bundesligisten unter Vertrag. Woran er am meisten merkt, dass er inzwischen 39 und keine 29 mehr ist? "Also ganz ehrlich, in der Regenerationsphase merke ich am meisten, dass man natürlich jetzt schon ein bisschen länger braucht als früher." Er "schnappe" sich dafür inzwischen einen zusätzlichen Tag, "wo ich auf meinen Körper gucke. Da sollte man sich nicht übernehmen und mit falschem Ehrgeiz in ein hartes Training stürzen".
Auch Hormone und Probiotika kommen zum Einsatz
Für Hans-Georg Predel von der Sporthochschule Köln liegen in der Regeneration noch immer die größten, ungehobenen Schätze: "Ich glaube, die Stimulationsseite ist ziemlich ausgereizt. Aber im Bereich der Regeneration, also inklusive Schlaf, da gibt es wahrscheinlich noch die größten Leistungsreserven." Das regenerative Auslaufen oder die Eistonne nach dem Spiel sind hier beispielhaft. Hinzu kommen Flüssigkeitsmanagement, Auffüllen der Energiespeicher und mithin Ansätze, die es noch gar nicht so lange gibt im Fußball und die künftig weiterentwickelt werden.
Angesetzt wird dabei an vielen Punkten. Neben Kryobehandlungen wie mit der Eistonne, die für eine bessere Durchblutung sorgen und Immun- und Entzündungsreaktionen in den Muskeln reduzieren, neben der sofortigen Substitution von Mineralstoffen und Vitaminen sowie gezielter Physiotherapie spielt vor allem das Schlafmanagement eine große Rolle. Unterstützt zum Beispiel mit der Gabe von Melatonin, das als körpereigenes Hormon den Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen steuert. Oder mit Probiotika, die den Darm durch die Bildung beruhigender Botenstoffe dabei unterstützen, den Schlaf zu verbessern.
Wird das Training noch individueller?
Dass es auf der Regenerationsseite noch Leistungsreserven gibt, führt Predel auf eine zunehmende Personalisierung des Trainings zurück. Basierend auf Datensätzen von biochemischen Markern wie Laktat, von Kraftwerten und Herzfrequenz-Parametern, die mit künstlicher Intelligenz zukünftig einfach und besser ausgewertet werden können. "Dazu vielleicht genetische Analysen, Biohacking-Ansätze - das wird kommen."
Der ehemalige Weltklasse-Spieler Gareth Bale (37), fünffacher Champions League-Sieger mit Real Madrid, wunderte sich unlängst im englischen Podcast "The Overlap" [youtube.com] darüber, wie wenig individuell das Training auch heute noch ausfalle. "Als Innenverteidiger müsstest du nicht diese dummen Läufe machen im Training. Da reicht die Hälfte von dem, was ein Flügelstürmer oder Außenverteidiger braucht. Ich glaube, das wird sich in Zukunft noch ändern."
Davon wird Christopher Trimmel nicht mehr profitieren können. Aber es gibt auch gute Nachrichten für Spieler wie Unions ewigen Rechtsverteidiger. Denn was zunimmt im Alter, so Predel, "ist Antizipation, erfahrungsbasierte Spielintelligenz." Und die kann man immer gebrauchen. Überall.
Sendung: rbb|24, 15.09.2026, 08:38 Uhr
Audio: rbb|24, 15.09.2026, Ilja Behnisch
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