So gingen die alten Römer aufs Klo: 2000 Jahre alte Latrine in Frankfurt entdeckt

Hier saßen sie einst, vielleicht in aller Diskretion allein, vielleicht mit anderen ins Gespräch vertieft – und erledigten ihr Geschäft. Möglicherweise sprachen sie auch über kommerzielle Dinge. Aber in erster Linie ging es darum, sich körperlich zu erleichtern.

Im Höchster Bolongarogarten, neben dem großen Brunnen, der wegen der Erneuerung der gesamten Anlage derzeit ohne seinen steinernen Meeresgott Triton auskommen muss, kauert Rolf Skrypzak in einem schwarzen Loch. Die dunkle Färbung der Grube hebt sich wirkungsvoll gegen den hellen Lösslehm ab, der hier überall zu sehen ist – in hohen, von den Archäologen des Frankfurter Denkmalamts aufgehäuften Erdhügeln ebenso wie in rechtwinkligen Vertiefungen oder an sorgfältig geputzten Bodenprofilen. Das heißt, ganz schwarz sind die Grubenwände rund um den Grabungstechniker nicht. Überall zeigen sich grünliche Verfärbungen. „Harnstoff“, sagt Skrypzak gut gelaunt und senkt einen Spachtel in das feste Substrat zu seinen Füßen. In der 2000 Jahre alten Latrine hat sich kein übler Geruch erhalten. Aber eine Menge antiken Abfalls.

Wenig später ist eine Plastikkiste des Denkmalamts bis zum Rand gefüllt. Zur Hälfte erhaltene rötliche Tonbecher liegen neben Bruchstücken einer Schale mit Ausgießer; Reste sogenannter Gurtbecher mit Ritzverzierung neben einem schwärzlichen Gefäßboden. Auch ein Spielstein aus weißem Glas gehört zu den Funden. Gerade hat Skrypzak einen breiten gebogenen Knochen aus der Senkgrube geholt. Ein nächster folgt, dann fördert er weitere vier zutage. „Rinderrippen. Ganz gewöhnlicher Proviant für römische Militärs, natürlich damals mit Fleisch“, erklärt Andrea Hampel. Die Reste der Mahlzeit wurden in der Latrine entsorgt, was die Leiterin des Frankfurter Denkmalamts einen schon oft formulierten Satz wiederholen lässt: „Archäologie ist die Wissenschaft vom Müll.“

Das Römerlager war gut ausgestattet: Bruchstücke eines Gefäßes
Das Römerlager war gut ausgestattet: Bruchstücke eines GefäßesLando Hass

Doch die Römer haben an diesem strategisch günstigen Platz auf dem Hochufer des Mains nicht nur auf dem Klo gesessen oder Abfall umhergeworfen. Wie etwa Münzfunde und fein gearbeitete, extrem dünnwandige Keramikreste nahelegen, begannen sie im Jahr zehn vor Christus, hier ein Militärlager zu errichten. Diese Erkenntnis ist nicht neu; schon im 18. Jahrhundert war Höchst, das seit 1928 zu Frankfurt gehört, Hampel zufolge für seine römischen Funde bekannt. Wegen der dichten Bebauung hier waren lange nur kleinere Sondierungen möglich. Erst 2001 und dann noch einmal 2014 konnten größere Flächen untersucht werden. Seit 2019 haben die Fachleute des Denkmalamts immer wieder im Garten des Bolongaropalasts gegraben. Die grundlegende Sanierung der 1775 im Auftrag der Kaufleute und Tabakfabrikanten Joseph Maria Marcus und Jakob Philipp Bolongaro vollendeten Dreiflügelanlage samt Umfeld durch die Stadt Frankfurt ist ein Glücksfall für die Archäologie.

Die neben dem Brunnen entdeckte Latrine liegt in der 26. und wahrscheinlich erst einmal letzten vom Denkmalamt untersuchten Fläche mit römerzeitlichen Funden. Das dicke braune Abflussrohr allerdings, das sich mitten durch die mit römischen Artefakten angefüllte Grube zieht, ist erst vor etwa 30 Jahren hier verlegt worden – ohne dass das Denkmalamt über die mit der Zerstörung antiker Artefakte verbundenen Bauarbeiten informiert wurde, wie Hampel sagt. „Sie sehen hier“, so kommentiert Skrypzak den Fall, „2000 Jahre Fäkalgeschichte.“

Stinkt nicht, ist aber aufschlussreich: der Inhalt der römischen Latrine nebst modernem Abwasserrohr
Stinkt nicht, ist aber aufschlussreich: der Inhalt der römischen Latrine nebst modernem AbwasserrohrLando Hass

Nach dem Abschluss der aktuellen Grabungen gelte es, die gewonnenen Erkenntnisse wie ein Puzzle zusammenzusetzen, sagt die Leiterin der Bodendenkmalpflege im Denkmalamt, Elke Sichert. Doch schon jetzt sei klar, dass das Höchster Römerlager nicht, wie lange angenommen, nur kurzfristig als Anlege- und Stapelplatz oder als temporäres Marschlager genutzt worden sei. So fasst der Direktor des Archäologischen Museums Frankfurt, Wolfgang David, den aktuellen Stand im Vorwort einer demnächst in der Schriftenreihe seines Hauses erscheinenden Publikation zu den „Forschungen zum römischen Höchst“ zusammen.

Für die Römer ein strategisch wichtiger Ort

„Höchst“, sagt auch Andrea Hampel, „war kein unbedeutender Vorposten.  Alles spricht dafür, dass die Römer hier länger bleiben wollten.“ Von diesem Platz über der Niddamündung in der Nähe von nord- und ostwärts gerichteten Fluss- und Landwegen sollten schon vor dem Beginn christlicher Zeitrechnung, unter Kaiser Augustus, die Eroberung des freien Germaniens und der Ausbau einer großen rechtsrheinischen Provinz in Gang gesetzt werden. Dass die Besatzer dann, wie Funde belegen, diesen strategisch so wichtigen Ort um 15 nach Christus wieder verlassen haben – planvoll und vermutlich, ohne Chaos zu hinterlassen, wie das Fehlen von Brandspuren im Boden zeigt –, hatte wohl geopolitische Gründe: Nach dem Tod des römischen Feldherrn und Stiefsohns von Augustus, Drusus, nach einem Germanenfeldzug setzten die Römer ihre Eroberungspolitik für zwei Generationen aus.

Vielleicht, gibt Peter Fasold zu bedenken, habe dabei auch die Niederlage der Römer im Teutoburger Wald im Jahr neun nach Christus eine Rolle gespielt.„Die Varuskatastrophe ist historisch nicht zu unterschätzen“, sagt der frühere Römerzeit-Kustos des Archäologischen Museums, der mit Hampel als Herausgeber für die erwähnte Publikation verantwortlich ist. „Die römische Reichsgrenze“, schreibt er in seinem Buch „Die Römer in Frankfurt“, „wurde wieder an den Rhein verlegt. Die Anlage in Höchst gaben die Römer auf.“ Ihren Müll allerdings haben die Soldaten nicht mitgenommen – und damit die älteste derzeit bekannte römische Fundstelle auf Frankfurter Stadtgebiet geschaffen.

Der Geschichte auf den Grund gehen: Die Sanierung des Bolongaropalasts bietet Gelegenheit für archäologische Grabungen.
Der Geschichte auf den Grund gehen: Die Sanierung des Bolongaropalasts bietet Gelegenheit für archäologische Grabungen.Lando Hass

An einem der Bauzäune hinter dem Bolongaropalast hängt ein Stadtplan. Die darauf rot markierte, ellipsenförmige Fläche – vom Höchster Schlossplatz bis etwa zum östlichen Ende der Bolongarostraße – markiert das Römerlager. Auch wenn Hampel zufolge bisher nur zwei Prozent der gesamten Anlage untersucht werden konnten, sei von insgesamt neun Hektar auszugehen. Lange sei darüber diskutiert worden, ob es sich um zwei getrennte Anlagen handele. Inzwischen sei jedoch klar, dass man es mit einem einzigen riesigen Lager zu tun habe. Die hier stationierten Soldaten, „vielleicht eine ganze Legion mit 5000 Mann plus einem Tross aus Handwerkern, Köchen, Frauen und Kindern“, lebten in Zelten und Fachwerkhäusern. Darauf weisen Funde von metallenen römerzeitlichen Heringen sowie Lehmbrocken mit Einkerbungen hin: Reste der Verkleidung von Flechtwerk in hölzernen Gefachen antiker Hauswände.

Biberknochen zeugen von friedlicher Koexistenz

Gerade hat Skrypzak den Fuß einer Amphore geborgen. Das Gefäß, auf das diese Scherben schließen ließen, sagt der Grabungsleiter, sei in Nordafrika hergestellt worden – für den Transport der im ganzen Römischen Reich verbreiteten Fischsauce Garum. Keine Frage: In Höchst stand alles zur Verfügung, was die römische Kulturwelt zu bieten hatte; zu den Funden gehören Austernschalen und Weinamphoren, Gläser und feines Tafelgeschirr. Doch auch germanische Tonwaren wurden Hampel zufolge auf dem Gelände der Militäranlage geborgen, genauso wie Knochen von Bibern, die auf dem germanischen Speisezettel standen: ein Indiz für ein friedliches Zusammenleben von Einheimischen und Besatzern.

Mehrmals schüttet Skrypzak den krümeligen Inhalt aus Tonbechern und -schalen aus der Latrine in einen Plastikeimer. Das alles werde im Denkmalamt noch genauer untersucht; oft seien darin sehr kleine Knochen, etwa von Fischen, verborgen. Skrypzak deutet auf ein winziges Schulterblatt, das im Eimer neben kleinen Rippenknochen liegt: „Überreste eines Hundewelpen, der wohl in der Latrine ein unfreiwilliges Ende gefunden hat.“ Auch Pflanzenreste, etwa Getreidekörner, Kerne oder Pollen, hoffen die Archäologen noch in dem dunklen Substrat zu finden. „Es wäre toll“, sagt Sichert, „wenn wir der damaligen Ernährung noch besser auf die Spur kommen könnten.“

Sondierung: Rolf Skrypzak sucht mit einem Detektor nach metallischen Relikten.
Sondierung: Rolf Skrypzak sucht mit einem Detektor nach metallischen Relikten.Lando Hass

Doch die Fachleute vom Denkmalamt haben während der Sanierung des Bolongaropalasts nicht nur im Garten und in den beiden Innenhöfen gegraben. Auch als im Gebäude von 2016 an Dielen gehoben, zugemauerte Kamine geöffnet und Dachböden untersucht wurden, waren sie zur Stelle. „Besonders die Fehlböden sind wie eine Schatztruhe“, sagt Sichert über die mit Dämmmaterial vollgestopften Hohlräume unter den Dielen, aus denen – genauso wie aus den Zwickelfüllungen von Gewölbedecken – Hunderte Kilogramm an Funden zum Vorschein gekommen seien: Geschirr- und Glasteile, Knochen und Korbwaren, Scharniere und Wasserhähne, Textilien, Buchseiten, Zeitungen, aber auch Handschriftliches wie Rechnungen und ein Arznei-Etikett. Oder, passend zu den Herren des Hauses, eine Zigarettenschachtel mit der Aufschrift „Samoa“ und dem Bild einer dort beheimateten Frau. Das Gefundene, so Sichert, gewähre spannende und mitunter ganz private Einblicke in das Leben im Palast und im umliegenden Höchst während der vergangenen 240 Jahre.

Ein Teil dieser Objekte wird, wie Konstantin Lannert mitteilt, von Sommer 2027 an in einer Dauerausstellung im Bolongaropalast zu sehen sein. In Kooperation mit dem Archäologischen Museum seien dann hier auch römische Funde aus Höchst sowie aus Nied zu sehen, so der Kurator des künftigen Geschichtsmuseums, einer Dependance des Historischen Museums Frankfurt. „Der Archäologie wird ein ganzes Kapitel gewidmet.“ Falls nötig, schaffe man noch Platz für spektakuläre Neufunde. „Ich hoffe sehr, dass es dazu kommt.“