Fünf Ansätze, die uns als Gesellschaft zufriedener machen
Glücksstreben
Fünf Ansätze, die uns als Gesellschaft zufriedener machen
Das Streben nach Glück wird meist als individueller Weg dargestellt. Doch auch die gesellschaftliche Komponente ist wesentlich, zeigt eine aktuelle Studie
Pia Kruckenhauser
Was macht uns glücklich? Wie erlangen wir mehr Zufriedenheit? Welche Voraussetzungen sind dafür nötig? Das hat die Glücksforschung in den vergangenen Jahrzehnten intensiv beschäftigt. Erkenntnisse der Grant Study of Adult Development an der US‑Harvard-University, die seit dem Jahr 1938 läuft – und wohl die bisher umfassendste Untersuchung zum Thema –, wurden im Jahr 2023 erstmals publiziert und zeigen: am wichtigsten sind gute zwischenmenschliche Beziehungen. Und zwar unabhängig von individuellen Unterschieden und Vorlieben, die die Menschen haben.
Das Streben nach Glück ist dabei in den meisten Untersuchungen eine individuelle Angelegenheit, auch in der Harvard-Studie. Was bislang eher nicht untersucht wurde, ist, wie Zufriedenheit auf gesamtgesellschaftlicher Ebene entsteht. Reicht es, wenn sich ein Staats- oder Gesellschaftswesen aus möglichst vielen glücklichen Individuen zusammensetzt? Oder sind weitere Voraussetzungen nötig, die einzelne Personen womöglich nicht erbringen oder beeinflussen können?
Genau diese Frage stellen Ewa Palikot und Kuba Kryś vom Institut für Psychologie an der Polnischen Akademie der Wissenschaften, Brian W. Haas von der US-amerikanischen University of Georgia und Kosuke Takemura von der japanischen Shiga University. Für ihre im Journal of Positive Psychology veröffentlichte Studie werteten sie Daten von 97.220 Menschen aus 66 Ländern aus. Sie untersuchten mehr als 200 mögliche Mechanismen und fanden 56 Faktoren, die statistisch mit Glück oder Lebenszufriedenheit zusammenhängen.
Dabei zeigte sich: Das kollektive Wohlbefinden einer Nation ist mehr als die Summe der Einzelwerte ihrer Bürger. Manche Voraussetzungen und Gegebenheiten nützen zwar dem Einzelnen, aber der Gesellschaft als Ganzes bringen sie nichts. Andere Bedingungen entfalten ihre breitere Wirkung erst, wenn viele Menschen sie teilen, etwa Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Um klarer zu zeigen, welche Ansätze relevant sind, bündelten die Autorinnen und Autoren die 56 identifizierten Faktoren in fünf größere Bereiche, die gesellschaftlich relevant sind:
1. Individuelle Emanzipation
Den ersten Bereich nannten die Forschenden "society allowing for individual emancipation" – eine Gesellschaft also, die individuelle Emanzipation ermöglicht. Dahinter stehen Faktoren wie die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensweisen, Gleichberechtigung, Offenheit gegenüber Minderheiten und Einwanderern sowie die Möglichkeit, das eigene Leben selbst zu gestalten.
Ein Beispiel ist die Einstellung zu Homosexualität. Die Bereitschaft eines einzelnen Menschen, einen homosexuellen Menschen als Nachbarn zu akzeptieren, macht diesen Menschen in den Daten nicht automatisch glücklicher, er wird für diese offene Haltung auch nicht in irgendeiner Weise "belohnt". Ist die Haltung aber in einer ganzen Gesellschaft verbreitet, hängt sie klar mit höherer Lebenszufriedenheit auf gesellschaftlicher Ebene zusammen, weil so eine Grundhaltung entsteht, in der sich Menschen sicher und anerkannt fühlen.
2. Aufklärung, Demokratie und funktionierende Institutionen
Der zweite Bereich klingt zunächst abstrakter: "fostering Enlightenment ideas and institutions". Dabei geht es um die Förderung von Ideen und Institutionen, die mit Aufklärung verbunden sind. Dazu zählen in der Untersuchung unter anderem politische Beteiligungsmöglichkeiten, demokratische Prinzipien, Menschenrechte und bestimmte Einstellungen zu Wissenschaft und Rationalität. Auch die Überzeugung, dass Wahlen echte Wahlmöglichkeiten bieten oder das politische System Bürgerinnen und Bürgern Einfluss ermöglicht, spielt eine Rolle.
Die Grundidee dahinter: Menschen brauchen nicht nur persönliche Freiheiten, sondern auch gesellschaftliche Strukturen, die diese Freiheiten ermöglichen. Demokratie ist in der Studie deshalb nicht bloß als Staatsform relevant, entscheidend ist auch, wie Menschen sie erleben: Haben sie das Gefühl, Einfluss nehmen zu können? Werden Menschenrechte respektiert? Können unterschiedliche Gruppen an der Gesellschaft teilhaben?
3. Erfüllte Grundbedürfnisse
Der dritte Bereich ist "satisfying basic human needs", die Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse. Dazu gehören materielle Sicherheit, gute Ernährung und medizinische Versorgung. Menschen, die angeben, nicht genügend Geld für Lebensmittel zu haben oder denen der Zugang zu notwendigen Medikamenten fehlt, haben deutlich niedrigere Werte bei Glück und Lebenszufriedenheit.
Zufriedenheit hängt dabei besonders stark mit der eigenen finanziellen Situation zusammen, danach kommt subjektiv wahrgenommene Gesundheit. Damit wird ein lange bekannter Zusammenhang bestätigt: Wer nicht genug Geld für das Notwendige hat, nicht ausreichend zu essen hat oder medizinisch nicht versorgt ist, hat schlechtere Voraussetzungen für Wohlbefinden. Das wiederum schlägt sich auf die Gesamtzufriedenheit einer Gesellschaft nieder. Solidarität und gesellschaftlicher Zusammenhalt reichen also nicht, dazu muss auch eine ausreichende ökonomische Unabhängigkeit der Individuen gegeben sein.
4. Sicherheit und verlässliche Institutionen
Der vierte Bereich lautet "providing effective governing and security institutions", funktionierende Regierungs- und Sicherheitsinstitutionen. Dazu gehören in der Untersuchung etwa Vertrauen in Polizei, Justiz, Regierung, Banken, Verwaltung und Parlament sowie das Gefühl, in der eigenen Umgebung sicher zu sein.
Für den Einzelnen ist die Logik unmittelbar nachvollziehbar: Wer darauf vertraut, dass Institutionen funktionieren, kann sein Leben mit einer gewissen Verlässlichkeit planen. Wer sich sicher fühlt, muss weniger Energie darauf verwenden, sich vor Bedrohungen zu schützen. Relevant ist aber, dass dieses Gefühl auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene etabliert ist und möglichst alle Gruppen durchdringt.
5. Enge Beziehungen
Der fünfte Bereich ist "favoring close in-group ties", die Förderung enger Bindungen innerhalb der eigenen sozialen Gruppe. Familie, Nachbarschaft, Heimatort und Region können etwa ein gutes Gefühl von Zugehörigkeit und Unterstützung bieten. Wer sich mit seinem unmittelbaren sozialen Umfeld verbunden fühlt, berichtet tendenziell höheres individuelles Wohlbefinden.
Genau das ist auch aus der Harvard-Studie bekannt. Dennoch besteht hier ein Paradox: Denn viele einzelne glückliche Individuen oder Gruppen bedeuten noch lange nicht, dass eine Gesellschaft als Ganzes zufrieden ist. Das individuelle "bonding", wie es die Forschenden nennen, also starke Verbindungen innerhalb einer Gruppe, muss auch von "bridging" begleitet sein: Verbindungen zwischen unterschiedlichen Gruppen. Sonst besteht die Gefahr, dass eine Grenze zwischen "uns" und "den anderen" gezogen wird, was wiederum die gesamtgesellschaftliche Zufriedenheit verringert.
Gemeinschaft statt Selbstoptimierung
Genau hier liegt der spannende Kern der Studie. Sie zeigt deutlich: Das Glück des Einzelnen kann man nicht gleichsetzen mit dem Glück der Gesellschaft. Das bedeutet nicht, dass individuelles Glück unwichtig wäre. Im Gegenteil, eine Gesellschaft braucht Menschen, deren Grundbedürfnisse erfüllt sind, die gesund und sicher leben können und die ihr eigenes Leben als selbstbestimmt erfahren.
Aber daraus entsteht nicht automatisch eine Gesellschaft, in der es allen gutgeht. Dafür sind auch Toleranz, Solidarität, Altruismus und die Berücksichtigung der Bedürfnisse anderer relevant. So kann es zum Beispiel für die persönliche Zufriedenheit gut sein, negative Gefühle auszuleben. Auf gesellschaftlicher Ebene kann das aber sogar die Grundstimmung drücken.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Was tun wir dafür, dass das Leben für alle besser wird? Welche Voraussetzungen finden wir vor, damit ein Streben nach Glück überhaupt möglich wird? Die oft propagierte Selbstoptimierung und das Streben nach individuellem Glück sind offensichtlich doch nur die halbe Wahrheit. (Pia Kruckenhauser, 1.10.2026)
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