Bericht: EU-Kommissar ruft zum Gassparen auf und warnt vor "Preiskrise"

EU-Kommissar Dan JORGENSEN bei einer Pressekonferenz

(Bild: Alexandros Michailidis / Shutterstock.com)

Dan Jørgensen fordert weniger Heizen und Licht aus. Verbindliche Vorgaben gibt es nicht, doch der TTF-Gaspreis hat sich seit Februar fast verdoppelt.

Ein Brief aus Brüssel schürt kurz vor der Heizperiode die Nervosität: EU-Energiekommissar Dan Jørgensen bittet die Regierungen der Mitgliedstaaten, Maßnahmen zu prüfen oder fortzuführen, die den Verbrauch von Gas und Strom drosseln. Die Speicher seien außergewöhnlich niedrig gefüllt, die Märkte angespannt.

"Wir stehen vor einer Preiskrise, die mit einer Versorgungskrise zusammenhängt", zitiert ihn die Nachrichtenagentur Reuters.

Das Schreiben selbst ist nicht öffentlich. Reuters und Euronewshaben das Schreiben eingesehen und Auszüge veröffentlicht. Laut Reuters stammt es vom 25. September.

Direkt nachprüfbar ist eine andere Erklärung vom selben Tag: Nach einer Sitzung der Gas Coordination Group bezeichnete die EU-Kommission in einer Mitteilung die Versorgung trotz niedriger Speicher als stabil. Haushalte und wesentliche Dienste sichert das EU-Recht besonders ab.

Auch Jørgensen schreibt laut Euronews, unmittelbare Risiken für die Versorgung gebe es derzeit nicht.

Weniger heizen, Licht aus

Verbindliche Sparvorgaben kündigt der Kommissar bislang nicht an. Noch verweist er auf freiwillige Einsparungen, die sich schon in der Energiekrise 2022 bewährt hätten.

Als Beispiele nennt die Kommission:

  • weniger Strom in Spitzenzeiten zu verbrauchen,
  • den Stromverbrauch über intelligente Zähler und Tarife zu verlagern,
  • öffentliche Gebäude weniger zu heizen,
  • Heizstrahler im Freien zu begrenzen und
  • verzichtbare öffentliche Beleuchtung nachts abzuschalten.

Nationale Notfallpläne können über diese Maßnahmen hinausgehen, etwa mit unterbrechbaren Gaslieferverträgen oder Kraftwerken, die von Gas auf andere Brennstoffe umsteigen.

Beim Befüllen sollen die Staaten nicht in Hektik verfallen: Das Ziel bleibt bei 90 Prozent, muss aber seit 2025 nur irgendwann zwischen 1. Oktober und 1. Dezember erreicht werden. Bei schwierigen Marktbedingungen dürfen die Staaten um bis zu zehn Prozentpunkte darunter bleiben, also bei 80 Prozent landen. Bei anhaltend ungünstigen Marktbedingungen kann die Kommission diese Abweichung um bis zu fünf weitere Prozentpunkte erhöhen.

Gestreckte Einkäufe sollen Panikkäufe und weiteren Preisdruck verhindern.

Deutschland liegt zurück

Wie knapp es ist, zeigen die Daten der Plattform AGSI des Verbands Gas Infrastructure Europe (GIE): Am 27. September waren die EU-Speicher zu 70,84 Prozent gefüllt, rund zwölf Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr.

Deutschland kam auf 57,37 Prozent, Österreich auf 67,93, Frankreich auf 82,47 und Italien auf 86,40 Prozent.

Der EU-Mittelwert sagt daher wenig darüber, wie gut ein einzelnes Land durch den Winter kommt. Es zählt auch, wo das Gas lagert, wie schnell es sich entnehmen lässt und welche Leitungen und Terminals verfügbar sind.

Für Deutschland warnt die Initiative Energien Speichern (INES) bei extremer Kälte vor Engpässen im Januar von bis zu 25 Prozent an einzelnen Tagen; in einem Winter wie 2010 wären die Speicher schon im Februar leer.

Ob es tatsächlich so kommt, ist unklar, denn die INES-Prognosen sind reine Modellrechnungen. Sie gehen von einem Füllstand von 77 Prozent am 1. November aus; beim bisherigen Einspeichertempo erwartet INES allerdings nur 63 Prozent zum Winterbeginn.

Etwas entlastet wird die Situation durch weitere Gaslieferungen, die etwa per Pipeline aus Norwegen und über LNG-Terminals geliefert werden.

Der Weltmarkt bestimmt den Preis

Im Großhandel ist die Knappheit dennoch angekommen. Am niederländischen Handelspunkt TTF, der Preisreferenz für Europa, kostet die Megawattstunde rund 70,70 Euro – etwa 40 Euro mehr als vor den US-israelischen Angriffen auf Iran am 28. Februar. Seitdem ist die Straße von Hormus faktisch dicht, über die sonst rund ein Fünftel des weltweiten Öls und Flüssigerdgases (LNG) läuft.

Die EU importiert laut Eurostat knapp 88 Prozent ihres Gases und konkurriert mit Asien um LNG-Ladungen. Analysten wie Goldman Sachs halten bis Jahresende über 100 Euro für möglich, falls sich die LNG-Lieferungen vom Golf im Winter nicht erholen. Was das für einzelne Haushaltstarife heißt, lässt sich daraus nicht direkt ablesen.

Jørgensen sieht die EU dennoch besser gewappnet als vor dem russischen Angriff auf die Ukraine – dank mehr LNG-Kapazität, mehr erneuerbarer Energie und geringerer Nachfrage. Dabei ist aber zu bedenken: Der Verbrauch von Erdgas ist auch dadurch zurückgegangen, dass energieintensive Industrien ihre Produktion zurückgefahren haben.

Schon am 28. und 29. September beraten die EU-Energieminister bei einem informellen Treffen in Dublin. Am 8. Oktober will der Netzbetreiberverband ENTSOG seinen Bericht zur Wintervorbereitung vorlegen.