Führt Putin längst Krieg gegen Deutschland?

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Meinung

Geheimoperation „Matrjoschka“: Putins unerklärter Krieg

Der russische Machthaber Wladimir Putin bei einem Gespräch im Kreml in Moskau.
Vyacheslav Prokofyev/Pool Sputnik Kremlin via AP/dpa

Bewaffnete Drohnen am Flughafen Halle/Leipzig: Mit Sabotage, Cyberattacken und Desinformation greift Moskau Europas Demokratien an – verdeckt und unterhalb der militärischen Schwelle

Eine mit Sprengstoff bestückte Drohne auf dem Gelände des Flughafens Leipzig/Halle. Ein Bundesinnenminister, der von professionellem Vorgehen und einer „neuen Gefahrenqualität“ spricht. Ermittler, die ein „hybrides Angriffsszenario“ prüfen. Angesichts solcher Nachrichten drängt sich eine beunruhigende Frage auf: Befindet sich Deutschland – befindet sich vielleicht sogar die NATO – nicht längst in einem Krieg?

Natürlich ist Zurückhaltung geboten. Die Urheberschaft der Drohne von Leipziger ist offiziell noch ungeklärt. Gleichzeitig wäre es naiv, den Vorfall so zu behandeln, als hätte er sich in einem politischen Vakuum ereignet. Leipzig/Halle ist nicht irgendein Provinzflughafen. Er ist ein bedeutendes europäisches Luftfrachtdrehkreuz und Standort ukrainischer Antonow-Maschinen, die regelmäßig Güter für die Ukraine transportieren. Und: Die mit Sprengstoff bestückte Drohne befand sich unmittelbar neben einem solchen ukrainischen Flugzeug.

Der verdächtige Fund von Leipzig/Halle

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Zudem ist der Flughafen nicht zum ersten Mal Schauplatz eines mysteriösen Vorfalls. Bereits 2024 brannte dort ein präpariertes Luftfrachtpaket. Litauische Ermittler führen diese und weitere Brandsendungen auf ein Netzwerk zurück, das von russischen Staatsbürgern mit Verbindungen zum Militärgeheimdienst organisiert wurde.

Polizist kniet neben Drohne auf dem Vorfeld am Flughafen Leipzig/Halle
Flughafen Halle/Leipzig: Ein Sprengstoffexperte kniet auf dem Vorfeld neben der Sprengstoff-Drohne.
IMAGO/EHL Media

Seit Russlands Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 erleben Deutschland und andere europäische Staaten eine wachsende Zahl von Cyberattacken, Sabotageakten, Spionagefällen, Brandsätzen und Drohnenflügen. Der Verfassungsschutz warnt ausdrücklich vor einer zunehmenden Bedrohung durch russische Nachrichtendienste und vor einer gestiegenen Bereitschaft zur Sabotage.

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Dabei setzt der Kreml nicht nur eigene Leuten ein. Für besonders riskante Operationen werden sogenannte Wegwerfagenten angeworben: Menschen, die gegen Geld Pakete verschicken, Feuer legen oder Infrastruktur auskundschaften. Sie sind billig, leicht ersetzbar und häufig nur lose mit ihren Auftraggebern verbunden.

Moskaus Armee der Wegwerfagenten

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Diese Methode hat für Moskau einen entscheidenden Vorteil: Der russische Staat kann jede Verantwortung abstreiten. Die einzelnen Täter wissen womöglich selbst nicht, für wen sie letztlich arbeiten. Die Befehlsketten bleiben verborgen, die Beweise bruchstückhaft, die Urheberschaft bestreitbar.

Die Bedrohung geht weit über Sabotage hinaus. Russische Akteure versuchen zugleich, die öffentliche Meinung in Deutschland zu beeinflussen und demokratische Prozesse zu untergraben. Im Vorfeld der Wahlen am 6. September in Sachsen-Anhalt sowie am 20. September in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern kursieren manipulierte Videos, die wie Beiträge etablierter deutscher Medien wirken sollen.

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Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes tragen sie die Handschrift der Geheimoperation „Matrjoschka“, einer russischen Desinformationskampagne. Sie soll Ressentiments zwischen Ost und West schüren, das Vertrauen in Medien, Parteien und demokratische Wahlen erschüttern und Politiker diskreditieren. Auffällig ist, dass Vertreter von AfD und BSW – den beiden dezidiert russlandnahen Parteien in Deutschland – von solchen Angriffen ausgenommen bleiben.

„Matrjoschka“ nimmt die Wahlen ins Visier

Natürlich erfindet Moskau die Probleme unserer Gesellschaft nicht. Die Entfremdung vieler Bürger von der Politik, das Misstrauen gegenüber Medien, soziale Abstiegsängste und ostdeutsche Kränkungen sind nicht aus Russland importiert. Sie sind hausgemacht. Aber ein Einbrecher ist nicht unschuldig, nur weil das Fenster schlecht gesichert war.

Russische Einflussoperationen setzen dort an, wo westliche Demokratien verwundbar sind. Sie suchen Risse, vergrößern sie und treiben Keile hinein. Sie schaffen die Unzufriedenheit nicht, aber sie verstärken sie. Sie erfinden das Misstrauen nicht, aber sie sorgen dafür, dass es sich ausbreitet.

Deutschland und Russland schießen aktuell nicht aufeinander. Andererseits: Krieg beginnt nicht erst in dem Moment, in dem Panzer eine Grenze überrollen. Krieg ist auch die organisierte Anwendung feindlicher Mittel, um den Willen, die Sicherheit und die Handlungsfähigkeit eines Gegners zu brechen.

Krieg unterhalb der militärischen Schwelle

Genau das geschieht. Russland muss Deutschland nicht besetzen. Es genügt, die öffentliche Meinung zu vergiften, Wahlen zu manipulieren und Millionen Menschen davon zu überzeugen, dass ohnehin niemandem mehr zu trauen ist.

Wer Drohnen, Brandsätze, Cyberangriffe und Desinformation nur als Einzelfälle betrachtet, verkennt die Strategie. Hybride Kriegsführung lebt davon, dass jeder Vorfall bestreitbar und die Schwelle zur offenen militärischen Reaktion unterschritten bleibt.  Unsicherheit ist die Waffe.

Völkerrechtlich ist Deutschland nicht im Krieg mit Russland. Aber politisch und strategisch führt Russland längst Krieg gegen uns – verdeckt und ohne Kriegserklärung.

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