Gehörlose wünschen sich zum Tag der Gebärdensprachen bessere Kommunikation
Stand: 23.09.2026, 06:30 Uhr
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In Rotenburg gibt es keine Gebärdensprachdolmetscher – Betroffene müssen Hilfe aus Bremen holen und selbst bezahlen. Wie Gehörlose ihren Alltag meistern, schildern sie zum Internationalen Tag der Gebärdensprachen.
Rotenburg – Sie wünschen sich Integration und Teilhabe in der Gesellschaft. Heute, zum Internationalen Tag der Gebärdensprachen, ist es den Mitgliedern des Gehörlosenvereins Rotenburg besonders wichtig, sich Sichtbarkeit zu verschaffen. Denn trotz der offiziellen Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache (DGS) 2002 blieben sie in Deutschland am Rande der Wahrnehmung, genauso in und um Rotenburg, kritisieren sie. „Für Gehörlose wird nur das Minimalste gegeben“, meinen die Betroffenen.
Kommunikation oft nicht möglich
Das Hauptproblem vor Ort seien fehlende Kommunikationsoptionen mit Mitmenschen, da nur wenige Gebärdensprache beherrschen und es deutlich zu wenige Dolmetscher gebe. „Um genau zu sein, keine. Wir müssen uns in Rotenburg Dolmetscher aus Bremen holen“, erklärt Saskia Blanke. Ihr Mann ist gehörlos, und sie übersetzt bei dem Treffen mit der Mediengruppe Kreiszeitung, denn der Dolmetscher hat abgesagt. In Bremen gebe es nur rund 40 Dolmetscher, welche die Hansestadt und gleichzeitig die Landkreise Rotenburg und Verden abdecken müssten.

„Auch im Krankenhaus gibt es das Problem, dass es dort keine Dolmetscher gibt. Müssen wir kurzfristig zum Arzt, ist das ein Problem“, gebärdet die Gehörlose Bärbel Müller, und ihr schwerhöriger Ehemann Klaus Müller übersetzt. Wenn sie etwas nicht verstehe, müsse der Arzt es aufschreiben. Doch dann würden oft komplizierte Worte genutzt, die Müller dann wieder nicht verstehe. „Ich wünsche mir mehr Aufklärung im medizinischen Bereich“, gebärdet sie.
Dass es perfektes Lippenlesen gibt, ist ein Mythos, betont Blanke, nur circa 30 bis 35 Prozent können damit tatsächlich erraten werden. „Und nur, wenn die Person ein gutes Mundbild hat“, betont sie. Ihre Tochter, Darina Blanke, ergänzt: „Ich verstehe nicht, warum wir Gebärdensprache nicht in der Schule lernen. Ich habe Französisch. Dabei gibt es sicher weniger Menschen in Deutschland, die sich nur auf Französisch verständigen können, als Gehörlose“, überlegt sie. Durch die digitale Welt gebe es für Gehörlose zwar bessere Verständigungsmöglichkeiten, doch diese ersetzen nicht den persönlichen Kontakt, sind sich die Vereinsmitglieder einig.
Gehörlose hören Alarmtag nicht
Es komme oft vor, dass Betroffene gar nicht wüssten, wofür sie eigentlich in verschiedenen Situationen unterschreiben, denn eine Nachfrage sei oftmals unmöglich und die Texte seien häufig zu lang sowie kompliziert. Renate Dorn ist sichtlich frustriert über die Situation, sie sei stark auf ihre Mitmenschen angewiesen. Doch nur wenige, wie ihre Tochter, können helfen. „Wenn ich einen Unfall habe oder einen gesundheitlichen Notfall, gibt es oft keinen, der Gebärdensprache kann“, gebärdet sie mit energischen Handbewegungen.
Mit der Polizei gebe es dasselbe Problem, genauso in den meisten Glaubensgemeinschaften. „Auch bei der Bahnfahrt stehen wir als Letzte am falschen Gleis, weil die ersten Informationen immer über Durchsagen kommen“, führt Dorn weiter aus. Der erst kürzlich durchgeführte Alarmtag sei für Gehörlose ebenfalls ein Flop, denn die schrillen Alarmtöne aus dem Smartphone können sie nicht hören. Bei der Arbeit fühlen sich die Gehörlosen häufig ausgegrenzt, denn ein kurzer Schnack mit den Kollegen ist nicht drin.
Kritik: Andere Länder sind weiter
Dabei könnte alles so anders sein, betont Klaus Müller. „Andere Länder zeigen, dass es auch anders geht. In den USA zum Beispiel gehört die Gebärdensprache als Amtssprache in der Gesellschaft dazu“, schwärmt er. Das ist in Deutschland nicht der Fall. „Es wird für Gehörlose unmöglich, Anträge oder Behördengänge zu meistern – also stellt sich immer die Frage, wo bekomme ich einen Dolmetscher her“, kritisiert Müller.
Die Dolmetscher müssen übrigens aus eigener Tasche bezahlt werden, rund 90 Euro sind das pro Stunde plus Fahrtkosten, fügt er an. Während es für Menschen mit Behinderung Töpfe für Sonderausgaben gebe, erhielten Gehörlose kein Geld für Dolmetscher. Das sei für viele ein Problem, so auch für Eltern mit hörenden Kindern, die an Elternabenden oder Veranstaltungen teilnehmen wollen.
Wir wollen doch nur aktiv Teil der Gesellschaft sein.
Außerdem sei der von der Stadt Rotenburg bereitgestellte Raum an der Wallbergstraße 9 für die Vereinstreffen mit bis zu 30 Personen unpassend. Denn dort gibt es Wände im Raum, sodass es nicht möglich ist, dass sich alle gegenseitig sehen können. „Wir benötigen einen auf unsere Bedürfnisse angepassten Raum mit ebenerdigem Eingang“, betont Blanke. Belastend sei überdies, dass es in der Kreisstadt keine Beratungsstelle für Gehörlose gebe, alle Hilfsangebote seien an gesprochene Sprache gebunden.
Dorn gebärdet, dass sie sich mehr Sichtbarkeit der Gebärdensprache im Stadtgebiet wünsche. Und dass wenigstens gelegentlich ein Gebärdensprachdolmetscher bei Veranstaltungen wie Stadtratssitzungen oder Konzerten vor Ort ist. „So können Gehörlose ganz einfach einbezogen werden. Und gleichzeitig können andere Leute so darauf aufmerksam gemacht werden“, betont die Rotenburgerin. Gebärdensprache sei ausdrucksstark und eine Bereicherung. „Wir fühlen uns ausgegrenzt und wollen doch nur aktiv Teil der Gesellschaft sein“, erklärt Dorn. Die Gehörlosen wünschen sich laut ihr eine Brücke zwischen Hörenden und Gehörlosen, doch Bemühungen seien bisher oft erfolglos geblieben.