Shortseller: Neue Generation nutzt KI und neue Methoden für Marktanalysen

Geldanlage: Eine neue Generation von Shortsellern erobert die Märkte

Die alte Garde der Leerverkäufer hat aufgegeben. Doch eine neue Generation tritt auf den Plan. Wer sie sind – und wo sie auf fallende Aktienkurse setzen.

Skeptiker der Börse nennt man Bären – die Mutigsten unter ihnen wetten auf fallende Kurse. Foto: picture alliance / imageBROKER

Siegfried Eggert ist in Eile. Gerade ist er aus dem verspäteten Flieger gestiegen, nun sitzt er im Auto und telefoniert. Er nimmt sich trotz der Hektik Zeit für ein Gespräch. Weil ihm Transparenz wichtig sei, sagt Eggert: „Ich stehe gerne Rede und Antwort.“

Selbstverständlich ist das nicht, denn Eggert ist Leerverkäufer, auf Englisch: Shortseller. Er wettet an der Börse gegen Unternehmen, bei denen er Missstände wittert, und verdient, wenn deren Aktienkurse fallen. Die Branche gilt als verschwiegen, manche Shortseller treten in der Öffentlichkeit gar nicht mit Namen auf. Eggert schon.

Als aktivistischer Shortseller versucht Eggert, die Öffentlichkeit auf seine Seite zu ziehen. Zu den jüngsten Zielen seiner Firma Grizzly Research gehören der deutsche Prothesenhersteller Ottobock und der Schweizer Beteiligungsspezialist

Partners Group

. Ihre Aktienkurse brachen zwischenzeitlich ein (siehe Chart Seite 59). Zu Recht, findet Eggert. Der Markt habe nicht genau genug hingeschaut. Eine kritische Analyse aber sei an den Finanzmärkten wichtig – „weil sie so selten ist“.

Shortseller sind die Hyänen der Börse. Wittern sie Schwäche, verbeißen sie sich in ihr Opfer. Damit haben sie eine wichtige Funktion: Sie bereinigen den Markt. Shortseller haben Unternehmen wie Wirecard und Enron zu Fall gebracht, gegen Länder und Währungen gewettet und waren Stoff für Hollywood. Allen voran „The Big Short“ über Michael Burry, der die US-Immobilienkrise voraussah, oder „Betting on Zero“ über Bill Ackmans Attacke auf Herbalife.

Leerverkäufer Siegfried Eggert sieht trotz Bullenmarkt genug Short-Ziele Foto: Maria Spann

Der jahrelange Bullenmarkt, der selbst Aktien weniger guter Unternehmen mit nach oben zieht, hat das Geschäft der Shortseller erschwert. Wenn eine Aktie steigt, statt zu fallen, können sie theoretisch unbegrenzte Verluste erleiden. Viele Shortselling-Stars haben daher in den vergangenen Jahren aufgegeben.

Eine neue Generation nimmt nun ihren Platz ein. Die Dauer-Hausse schreckt sie nicht: Sie sind überzeugt, dort zu triumphieren, wo ihre Vorgänger gescheitert sind – und Unternehmen, deren Aktien zu Unrecht steigen, stürzen zu können. Im Jahr 2021 wetteten 15 Hedgefonds ausschließlich auf fallende Kurse.

Mittlerweile sind es nicht einmal mehr zehn, die Shortselling in Reinkultur betreiben. Zu den Leerverkäufern, die ihren Job quittiert haben, gehört Nate Anderson, der Mann hinter Hindenburg Research. Laut Branchenkennern hat er so viel verdient, dass er es sich leisten konnte, sich zurückzuziehen und nur für seine Familie da zu sein.

Oder Fahmi Quadir. In Deutschland wurde sie bekannt, weil sie gegen Wirecard wettete und damit Millionen machte. Anders als viele Hedgefondsmanager setzte sie nie zusätzlich auf steigende Kurse, um ihre Short-Wetten abzusichern. Nun hat Quadir ihren Fonds geschlossen – und tut, was sie zuvor nie getan hatte: Sie setzt auf steigende Kurse. In Südkorea.

Eine neue Generation

Shortselling ist allerdings kein aussterbender Beruf, vor allem nicht in seiner aktivistischen Variante, bei der Missstände in Firmen aufgedeckt werden. Zumal die neuen Akteure neue Werkzeuge und Waffen für ihre Attacken mitbringen.

So nutzen sie verstärkt Künstliche Intelligenz für die Analyse und verfassen mehr Berichte als ihre Vorgänger. Noch greifen sie damit vor allem kleinere Unternehmen an. Das dürfte sich ändern, sobald die Marktlage dreht und die Skepsis an der Börse wieder mehrheitsfähig wird.

Die Wirecard Jägerin Fahmi Quadir hat das Shortselling aufgegeben. Foto: GILI BENITA/The New York Times/Redux/Redux/laif

Shortselling erfinden sie dabei nicht neu, im Kern bleibt es dasselbe Spiel: Leerverkäufer leihen sich Aktien oder andere Papiere gegen eine Gebühr aus und verkaufen sie. Fällt der Kurs, kaufen sie die Papiere günstig zurück. Die Differenz zwischen Verkaufs- und Rückkaufpreis, abzüglich Leihgebühr, ist ihr Gewinn.

Leerverkäufer, vor allem aktivistische Angreifer, werden von Finanzaufsehern genau beobachtet. Mit ihren Trades schrammen sie teils hart am Insiderhandel vorbei. Sie müssen kenntlich machen, dass es sich bei ihren Berichten nicht um neutrale Analysen handelt, weil sie gegen die besprochenen Unternehmen wetten. Teils müssen sie auch offenlegen, mit wem sie zusammenarbeiten. Einige Leerverkäufer setzen eigenes Geld ein, andere kooperieren mit Hedgefonds. Diese stellen dann das Kapital für die Short-Wetten bereit.

Sam Koppelman, Mitgründer von Hunterbrook Media. Foto: Jonah Rosenberg/Redux/laif

In den vergangenen Jahren haben sich in der Branche neue Geschäftsmodelle etabliert. Ein prominentes Beispiel ist Hunterbrook, gegründet 2023 von dem Investor Nathaniel Brooks Horwitz und dem Journalisten Sam Koppelman.

Hunterbrook ist ein investigatives Nachrichtenportal mit angeschlossenem Hedgefonds. Hunterbrook Media beschäftigt Journalisten und veröffentlicht deren Recherchen. Hunterbrook Capital kann auf Basis dieser Recherchen Short-Positionen eingehen. Formal sind beide Einheiten getrennt. In einigen Hunterbrook- Artikeln steht aber der Hinweis, dass Hunterbrook Capital die Aktien des besprochenen Unternehmens leerverkauft hat. So war es zum Beispiel Anfang Juli, als Hunterbrook über Probleme beim Arbeitsvermittler Stepstone berichtete.

Raus aus Gummersbach

Eggert gehört mit Mitte 30 zu den jüngeren Leerverkäufern am Markt. Grizzly Research hat er erst 2020 gegründet – mit einem hehren Ziel. Eggert stammt aus Deutschland, früher war er mal Handballtrainer beim VfL Gummersbach. Während seines Studiums zog es ihn in die USA. Dort analysierte er einige Jahre lang Nebenwerte bei einem Analysehaus im US-Bundesstaat Pennsylvania. Dabei stellte er fest, dass Unternehmen gern beschönigen, teils sogar die Unwahrheit sagen.

„Ich war schockiert“, sagt Eggert. Nach dieser Erfahrung habe er „das Potenzial gesehen, mit kritischer Arbeit etwas beizutragen“. Das war die Geburtsstunde von Grizzly Research.

Heute sucht Eggert nach „Zahlen, die zu gut scheinen, um wahr zu sein“. Das klingt klassisch, aber dabei kommt auch moderne Technologie zum Einsatz. Eggert spürt seine Ziele etwa zum Teil mit Daten aus dem Weltall auf. „Wir nutzen auch Satellitendaten“, sagt er. Berichtet ein Unternehmen etwa von neuen, großen Produktionsstätten, überprüft Eggert per Satellitenbild, ob die Story stimmt.

An potenziellen Angriffszielen mangele es trotz Bullenmarkt nicht, sagt Eggert. „Es sind genug für alle da.“ Schlecht für Anleger – aber gut für mutige Shortseller. Eggert selbst nimmt vor allem größere Ziele ins Visier. „Wenn eine Aktie nur 20 000 Euro Handelsvolumen hat, reicht das nicht“, sagt er. Der mögliche Gewinn sei dann zu gering.

Neben Eggert arbeiten bei Grizzly fünf Personen: ein Privatdetektiv, ein Justiziar und drei Analysten. Den Rechtsbeistand hat Eggert nötig. Immer wieder gehen seine Opfer juristisch gegen ihn vor. Vor rund zwei Wochen wurde bekannt, dass die Partners Group Klage gegen Grizzly Research eingereicht hat. Eggert wirft den Schweizern unter anderem vor, mehrere Unternehmen, an denen Fonds der Partners Group beteiligt sind, nicht korrekt bewertet zu haben. Der Vermögensverwalter bezeichnet Eggerts Bericht als „haltlos“ und „irreführend“.

Bis zu 25 Jahre Gefängnis

Leerverkäufer bewegen sich auf juristisch heiklem Terrain. Das zeigte jüngst ein Urteil in den USA: Der Shortseller Andrew Left, der mit seinem Analysehaus Citron Research und Wetten gegen Tesla Bekanntheit erlangte, wurde Anfang Juni von einer Jury der Marktmanipulation für schuldig befunden. Er habe Positionen von Citron Research nicht transparent offengelegt und Beziehungen zu Hedgefonds versteckt. Left drohen nun bis zu 25 Jahre Haft. Das Strafmaß soll im Dezember bekannt gegeben werden.

„Als das Urteil verkündet wurde, war ich sehr nervös“, sagt Will Coz. „Ich dachte, das bringt die ganze Branche ins Wanken.“ Die meisten Shortseller hätten aber lediglich ihre Disclaimer angepasst und achteten jetzt erst recht darauf, ihre Positionen transparent zu machen.

Coz ist so etwas wie der Archivar der Shortseller. Wer wissen will, wie Leerverkäufer ticken, muss ihn in seinem Büro in Boston anrufen. Gestartet als Analyst, versuchte er sich zunächst selbst an ein paar Kurswetten. „Aber ich bin nicht der beste Trader“, räumt er ein. Er rief deshalb Activ8Insights ins Leben, eine Datenbank für aktivistische Shortseller, die Berichte analysiert und zusammenfasst.

Der Bedarf daran ist groß. Mittlerweile greifen auch Banken und institutionelle Investoren auf Coz’ Datenbank zu. Dort erfahren sie dann, dass Leerverkäufer im ersten Halbjahr 2026 beachtliche 140 Reports veröffentlicht haben, ein Drittel mehr als im Vorjahr. Die neuen technologischen Möglichkeiten veränderten auch das Geschäft der Shortseller, sagt Coz: „Durch künstliche Intelligenz können sie schneller recherchieren.“

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Mehr als 100 der Berichte aus dem ersten Halbjahr betreffen US-Konzerne – eine ungewöhnlich hohe Quote, sagt Coz. Ein Grund dafür dürften die hohen Bewertungen vieler US-Unternehmen sein. Shortseller müssen nicht unbedingt Betrug wittern, um ein Angriffsziel als lohnendes Opfer einzustufen: Es genügt, wenn die Lücke zwischen Börsenstory und harten Zahlen weit klafft. Anleger sollten das Interesse am US-Markt als Warnsignal verstehen und bei hoch bewerteten Aktien genau auf die wirtschaftliche Unternehmensrealität achten.

Durchschnittlich fallen die Kurse betroffener Unternehmen im ersten Monat nach einer Short-Attacke um 6,1 Prozent. Aber nicht alle Angriffe sind erfolgreich. Einige verfehlen ihr Ziel. So wie eine Attacke des Shortsellers Dan David und seines Analysehauses Wolfpack Research im April. David lancierte Vorwürfe gegen das kanadische Techunternehmen Poet. Aber statt zu fallen, verdoppelte sich dessen Aktienkurs binnen weniger Tage.

Wolfpack Research wurde 2019 gegründet, David selbst ist noch länger im Geschäft. Zu den jungen Wilden gehört er nicht mehr. Beim Kurznachrichtendienst X hat Wolfpack Research aber immerhin fast 50 000 Follower, trotz eher sporadischer Veröffentlichungen. „Viele Shortseller nutzen ihre Reichweite in den sozialen Netzwerken, um auf ihre Arbeit aufmerksam zu machen“, sagt Coz.

Aber es gibt auch noch die anderen. Die Verschwiegenen. Die Anonymen.

Angreifer ohne Gesicht

Der Kopf hinter Callisto Research will nicht einmal verraten, wo sich sein Arbeitsplatz befindet: Der sei „an einem unbekannten Ort“. Das ist selbst für einen Shortseller ungewöhnlich geheimniskrämerisch. Beim Nachrichtendienst Signal nennt sich der Schatten „Cal“. Zuerst in Erscheinung trat er 2025. Zuletzt fiel er mit Angriffen gegen das Schweizer Unternehmen Sportradar auf, das Wettplattformen und Kunden wie den Fußballverband Uefa mit Sportdaten versorgt.

Callisto Research wirft den Schweizern vor, mit unlizenzierten, illegalen Plattformen zusammenzuarbeiten. Sportradar bestreitet das. Doch Cals Vorwürfe haben Wirkung entfaltet: Die Sportradar- Aktie fiel nach der Veröffentlichung des Callisto-Reports um bis zu 30 Prozent.

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Carsten Koerl gründete den Wettanbieter Bwin. Heute verkauft er Daten von Sportevents. Ausgerechnet zur Fußball-WM greifen Shortseller sein Geschäftsmodell an. von Volker ter Haseborg

„Shortseller wollte ich schon als Jugendlicher werden“, erzählt Cal am Telefon. Allzu lange kann das noch nicht her sein, seine Stimme klingt jung. Insbesondere die deutschsprachigen Länder in Europa seien ein gutes Jagdrevier, sagt Cal. Er suche dort nach Unternehmen, die nicht so viel Wert auf eine gute Corporate Governance legten, nach Firmen mit fragwürdigem Geschäftsmodell und solchen, deren Erfolg stark von einzelnen Unternehmerpersönlichkeiten abhänge.

Nach allem, was man weiß – nämlich gar nichts –, könnte Cal theoretisch auch ein 17-Jähriger sein, der seine Berichte im Kinderzimmer verfasst. Ob er es irgendwann in dieselbe Liga schafft wie der Enron-Jäger Jim Chanos oder der Wirecard-Killer Fraser Perring, wird sich zeigen. Das gilt auch für andere junge Leerverkäufer mit noch sehr schmalem Leistungsnachweis, etwa Jack Patrick. Der Gründer von Pelican Way Research, laut Activ8Insights erst 20 Jahre alt, brach sein Studium ab, um 2025 ins Shortselling einzusteigen.

Strategie für Profis

Wer als Privatanleger die Wetten der Shorties imitieren will, kann das mit sogenannten Put-Optionen tun. Sinkt der Kurs der zugrunde liegenden Aktie, steigt der Wert eines solchen Derivats. In Datenbanken wie dem Bundesanzeiger finden Anleger Zahlen dazu, auf welche Unternehmen viele Leerverkäufer setzen (siehe Grafik links). Wer mehr als 0,5 Prozent der ausstehenden Aktien geshortet hat, muss seine Position dort offenlegen.

Puts sind riskant, das Verlustrisiko ist hoch. Für Anfänger sind die Instrumente nicht geeignet. Vereinzelt auf fallende Kurse zu setzen, könne jetzt für erfahrene Anleger aber zu Absicherungszwecken sinnvoll sein, sagt Marcus Storr. Der Betriebswirt leitet beim Bad Homburger Vermögensverwalter Feri den Bereich Alternative Investment. Mit seinem Team wählt er Hedgefonds für die Dachfonds und institutionellen Mandate von Feri aus. „Aktien-Long-Short-Strategien sind im Moment besonders erfolgreich“, sagt er.

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Bei solchen Strategien werden Wetten auf steigende (long) und fallende (short) Kurse kombiniert. Unterm Strich steht im besten Fall eine marktneutrale Rendite. Das aktuelle Umfeld, in dem es immer wieder starke Schwankungen an den Kapitalmärkten gibt, sei „von Vorteil für Aktien- Long-Short-Strategien“, sagt Storr.

Wer sich daran wagen will, kann Branchenpaare bilden. Rechnen Anleger mit fallenden Kursen bei Aktien deutscher Autokonzerne, können sie diese shorten und gleichzeitig auf steigende Kurse bei chinesischen Autobauern wetten. Auch das ist freilich nichts für Börsenneulinge.

Rund 99 Prozent aller Leerverkäufe werden laut Storr im Rahmen solcher klassischen Hedgefondsstrategien getätigt. „Leerverkäufe sind am Kapitalmarkt ein gewöhnlicher Prozess.“ Von Aufmerksamkeit halte das Gros der Hedgefondsmanager nichts: „Wenn sie eines nicht wollen, dann in der Öffentlichkeit zu stehen.“ Außer natürlich, die Story ihrer legendären Wetten wird irgendwann verfilmt.

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