Gen Z verliebt sich in Boomer-Hobby – und lernt dabei eine wichtige Fähigkeit

Stand: 25.07.2026, 13:21 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Immer mehr junge Menschen gehen Vögel beobachten. Was schon früher ein beliebtes Hobby war, ist mittlerweile für viele eine Pause von Bildschirm und Dauer-Input.

Frankfurt – Die Haustür knallt ins Schloss, die Ohren sind mit Kopfhörern verstöpselt. Beim Laufen haften Augen am Handybildschirm, während der Daumen die Songauswahl trifft und dann auf WhatsApp Chatnachrichten beantwortet. Kurz scannt der Blick die Straße. Kommt der Bus pünktlich? Ja. Der Tunnelblick geht zurück auf den Bildschirm. Zwei Songs skippen. Der ist gut. Das Handy vibriert. Push-Benachrichtigung von Instagram. Wegwischen. Einsteigen, hinsetzen. Wieder Nachrichten checken und abkapseln.

Dale ist 22. Wenn er das Haus verlässt, ist sein Handy häufig stummgeschaltet. Dann ist es frühmorgens, manchmal sogar vor fünf Uhr. Für das, was er tut, steht er gerne so früh auf, sagt er. Dann geht er raus, es ist noch kühl, die Sonne geht gerade auf. Keine Kopfhörer in den Ohren. Er wird ganz ruhig, beobachtet und horcht, wie die Umgebung langsam wach wird: „Wenn ich dann ein Rotkehlchen singen höre, geht mir das Herz auf“, sagt Dale. Für ihn ist es ein Spektakel, das jeden Tag direkt vor der Haustür passiert, das er genießt, wenn er einfach mal Zeit für sich braucht.

„Birding“ als Hobby: Gemeinsam Vögel beobachten

Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media spricht Dale immer wieder vom „Birden“ oder „Birding“. Gemeint ist damit das Vogelbeobachten. Dabei zieht man entweder alleine oder in einer Gruppe los und macht sich auf die Suche nach Vögeln. Meistens nimmt man sie zuerst über den Gesang wahr, manchmal auch an der Silhouette. Dabei spielt es keine Rolle, ob man auf einem Grünstreifen in der Stadt unterwegs ist oder im Naturschutzgebiet. Es geht auch nicht darum, ständig neue Vogelspezies zu entdecken. Man muss die Arten nicht mal erkennen, um mit dem Birding zu beginnen. Für die meisten Birdwatcher geht es vor allem um eins: das bewusste Rausgehen.

Mit sieben Jahren hat Dale das Hobby durch seine Eltern für sich entdeckt. Mittlerweile studiert er Geografie an der Universität Würzburg und organisiert dort zusammen mit der Hochschulgruppe des Landesbunds für Vogel- und Naturschutz in Bayern regelmäßig gemeinsame Spaziergänge durch die Natur – dabei geht es auch ums Vögelbeobachten. Beim „Take A Break“ sind die unterschiedlichsten Studiengänge vertreten: Biologie, Geografie, Psychologie oder auch mal jemand aus dem Bereich Game-Design. „Bei uns braucht niemand Vorkenntnisse“, sagt Dale. Es gehe darum, abzuschalten, sich auszutauschen und gemeinsam draußen zu sein.

Altbackenes Hobby? Bei der Gen Z wird das Beobachten von Vögeln immer beliebter

Auf viele mag das Hobby außergewöhnlich oder altbacken wirken. „Früher war Vogelbeobachtung oft ein Hobby für wohlhabendere, ältere Männer mit teuren Swarovski-Ferngläsern. Das bricht gerade komplett auf“, sagt Philipp Herrmann, auch bekannt als Vogelphilipp. Er ist studierter Naturschützer und seit Jahrzehnten passionierter Vogelbeobachter. In den 90ern hatte er gehofft, dass Birdwatching so „cool“ wird wie Skateboardfahren: „Und genau das passiert jetzt“, sagt er der Frankfurter Rundschau. Mittlerweile hat sich eine weltweite Szene geformt, die gemeinsam für das Hobby brennt. Treffen werden organisiert und Fotos ausgetauscht. Auf Instagram und TikTok sammeln Accounts übers Birding Hunderttausende von Followern.

Eine von der „Royal Society for the Protection of Birds“ veröffentlichte Umfrage zeigt, dass Birding in Großbritannien längst kein Nischenhobby mehr ist. Besonders unter der Generation Z (Jahrgang 1995 bis 2012) boomt es. Fast 750.000 Jugendliche und junge Erwachsene beobachten dort regelmäßig Vögel. Damit hat sich der Andrang seit 2018 mehr als verzehnfacht. Gerade bei jungen Menschen schafft das Birding die Distanz zur sonst durchdigitalisierten Welt und Internetkultur: „Man möchte sich wieder auf eine Sache konzentrieren können und nicht ständig von blinkenden Bildschirmen abgelenkt werden“, sagt Dale. Die Zeit in der Natur ist für Dale der beste Weg, um alles andere auszublenden. Es fühle sich fast schon wie eine Form der Meditation an.

Dass Birding der mentalen Gesundheit guttut, ist mehr als ein Gefühl. Eine Studie der North Carolina State University (2024) testete die Wirkung von wöchentlichen Vogelbeobachtungen bei 112 Studierenden. Das Experiment zeigte, dass fünf Wochen Birdwatching das Wohlbefinden steigerten und psychischen Stress reduzierten, stärker noch als einfache Spaziergänge in der Natur. Schon 30 Minuten Vogelbeobachtung pro Woche reichten aus.

Eine junge Frau in Outdoor-Kleidung

Vögelbeobachtung gewinnt an Beliebtheit: Besonders die Gen Z liebt das „Birding“. (Symbolfoto) © Canva Images/Imago Images

Als Naturschützer kann Herrmann die Sehnsucht nach dem Grünen gut verstehen. Er sieht im momentan wachsenden Interesse einen Kreislauf: „Genau das hatten wir schon um 1900 nach der ersten großen Industrialisierungswelle. Damals entstanden aus diesem Reflex heraus die ersten großen Naturschutzverbände.“ Auch er sieht das Birding als echte Gegenbewegung zur digitalen Dauerberieselung und parasozialen Vereinsamung, in die viele junge Menschen hineingeraten.

„Völlig neue Welt“: Was junge Menschen beim Birdwatching lernen können

Für junge Generationen wie die Gen Z bietet Birdwatching eine Rückbesinnung auf eine Fähigkeit, die im Alltag zwischen den Bildschirmen mittlerweile oft verloren geht: echte Wahrnehmung. „Sie lernen, wieder hinzuhören, zu lauschen und die eigene Umwelt bewusst zu erfassen. Das schult die Konzentration ungemein“, sagt Herrmann. Wer regelmäßig birdet, erlebe den Wandel der Jahreszeiten wieder hautnah und begreife, wie das ganze Ökosystem zusammenhängt. Gleichzeitig erfahren Birdwatcher ein starkes Gefühl der Selbstwirksamkeit, da das Beobachten und Melden von Vogelarten in Apps wie eBird oder Ornitho auch direkt zur Forschung beiträgt.

Die Einstiegshürde beim Birdwatching ist niedrig. Ein günstiges Fernglas reicht bereits aus, um loszulegen. Die Natur ist kostenlos und auch in den Städten gehen Menschen auf Vogelsuche. Mal alleine, mal in der Gruppe. Leistungsdruck gibt es keinen. Falsch machen kann man dabei auch nicht viel: „Es gibt kein kompetitives Denken. Es geht nicht darum, besser zu sein als andere“, sagt Dale. Auch in seiner Hochschulgruppe kommen immer mehr neue Leute dazu. Dafür müssen Kopfhörer und Handy nicht zuhause bleiben, aber vielleicht für ein, zwei Stunden in der Hosentasche. Wer das tut, findet laut Herrmann „eine völlig neue Welt.“ (Quelle: eigene Recherche, North Carolina State University, RSPB)