„Generation rechts?“ von Rüdiger Maas: Überschaubare Erkenntnisse
Lebensunfähig, arbeitsunfähig – und nun auch noch „rechts“? Die Diagnosen, die der Generationenforscher Rüdiger Maas den jungen Menschen in diesem Land stellt, sind mannigfaltig. Eines haben viele seiner Bücher indes gemeinsam: Sie greifen gewissenhaft jene Vorurteile und Fragen auf, die in der Öffentlichkeit über Jugendliche und junge Erwachsene gerade wabern. So holt er die Öffentlichkeit ab, könnte man sagen, und bietet Antworten auf große gesellschaftspolitische Fragen. Auch in seinem neusten Werk „Generation rechts? Zwischen Überbehütung und Existenzangst: Warum sich junge Menschen von der politischen Mitte abwenden“ sind alle wichtigen Schlagwörter enthalten.
In dem Buch erörtert Maas eine große Frage, die das Land nach jeder Wahl in Zeitungsartikeln, Talkshows und Meinungsspalten beschäftigt: Warum nur wählt die Jugend in Scharen die AfD? Der Augsburger Generationenforscher scheint die Antwort gefunden zu haben und er hat sie – das ist natürlich besonders charmant – den jungen Menschen offenbar selbst entlockt. Zwei Jahre lang haben er und sein Team „Hunderte von jungen Menschen auf der Straße, in Sportvereinen, Einkaufszentren, Fußgängerzonen, an Tankstellen und bei Dorfveranstaltungen in allen Bundesländern“ befragt, heißt es in einer Art Prolog zum Buch. Um es den Leserinnen und Lesern leichter zu machen, kumuliere er, so schreibt Maas, die Erkenntnisse dieser Feldforschung in „fiktiven Personen“. Sein Buch bezeichnet er deshalb als „eine Art ‚Faction‘“.
Arbeitsweise und Profession des Autors stehen im Zwielicht
Überschrieben ist dieser erklärende Prolog mit dem Wort „Triggerwarnung“ – ein Seitenhieb auf all jene, die ihm nun mangelnde Seriosität vorwerfen und sich von potenzieller Unwissenschaftlichkeit womöglich getriggert fühlen. Denn man kann Maas’ neues Buch nicht lesen, ohne die teils eklatanten Vorwürfe zu besprechen, die gegen den vielleicht bekanntesten Generationenforscher der Bundesrepublik im Raum stehen.
Mit Bezug auf Rüdiger Maas, der in den vergangenen Jahren häufig im Fernsehen zu Gast und gefragter Experte in Interviews (auch in dieser Zeitung) war, berichtete die Zeit in diesem Frühjahr über „Zweifel an seinen akademischen Qualifikationen“. Weder sei Maas Diplompsychologe, noch habe er in Psychologie promoviert. In Wirklichkeit sei er Rehabilitationspsychologe und habe seinen Doktortitel an einer kleinen privaten Hochschule in Bulgarien im Fach Informationswissenschaften erworben.
Inzwischen betreffen die Vorwürfe nicht nur die Person Rüdiger Maas selbst, sondern auch seine Arbeitsweise. So gebe es Zweifel an der Repräsentativität seiner Studien: Zuletzt berichtete die Zeit unter Berufung auf ehemalige, anonyme Mitarbeiter, die Zahl der Befragten sei mitunter geringer gewesen als von Maas angegeben. Maas weist diesen Vorwurf zurück. Das Renommee seines Instituts zur Erforschung von Generationenfragen ist dennoch angekratzt.

Rüdiger Maas: Generation rechts. Zwischen Überbehütung und Existenzangst: Warum sich junge Menschen von der politischen Mitte abwenden. Goldmann Verlag, München 2026. 288 Seiten, 24 Euro. E-Book: 20,99 Euro.
Penguin Random HouseAndere Forscher und auch das ZDF haben sich inzwischen von Maas distanziert, der wiederum eine rechte Kampagne gegen sich wittert. Schließlich wurden die ersten Vorwürfe tatsächlich in einschlägig rechten Medien und Kanälen publik. Der selbsternannte „Plagiatsjäger“ Stefan Weber hat ihn im Visier. Und nun also das neue Buch, das sich ausgerechnet damit befasst, wie es „den Rechten“ gelingt, „die Jungen“ für sich zu gewinnen.
Die Erzählweise des Buches ist wie stets bei Rüdiger Maas süffig und anspielungsreich. Da wird beispielsweise von „Marvin“ erzählt und dessen „Hinwendung zur Incel-Bewegung“, einer Weltsicht, die von Frauenhass geprägt ist. Marvin sehe sich „als jemand, der am Kelch der ‚Wahrheit‘ genippt“ hat, schreibt Maas. Und dass er und sein Team „sehr oft (…) Geschichten wie die von Marvin“ in ihren Interviews gehört hätten. Im Text wimmelt es von Gänsefüßchen, von denen nicht so recht klar ist, was sie sind: unbelegte Zitate, wortwörtliche Interview-Auszüge, Versuche der Distanzierung?
Natürlich bleibt jemand wie „Marvin“ im Gedächtnis. Aber wie repräsentativ ist seine Verwandlung in einen Frauenhasser wirklich? Die Erkenntnisse, die das Buch im Hinblick auf die Ausgangsfrage bereithält, sind vergleichsweise überschaubar: „Parteien der Extreme“ haben es demnach „leichter, sichtbar zu sein und ‚Hilfe‘ anzubieten, wie eine Art ‚Medikament‘ gegen die ‚politische Depression‘.“ Wirklich neu ist diese These nicht. Empirische Belege liefert Maas wenige. Aber sein Buch verspricht etwas anderes: Die Leser bei ihrem Gefühl abzuholen, „Faction“ eben.