Bundesratskandidatin Amaudruz: Kritik am Führungsstil der Genfer SVP-Politikerin
Genferin, Bankerin, Bundesrätin? Céline Amaudruz stammt aus einem schillernden Milieu und ist eine begnadete Lobbyistin in eigener Sache
Céline Amaudruz gilt als aussichtsreiche Kandidatin für die Nachfolge von Bundesrat Guy Parmelin. Doch ein Blick auf ihre Vita offenbart Angriffspunkte und Schwächen, etwa bei ihrem Führungsstil.
17.10.2026, 21.45 Uhr
6 Leseminuten
Sie sticht heraus: Die Genfer SVP-Nationalrätin und Vermögensverwalterin Céline Amaudruz will Bundesrätin werden.
NZZ, Getty; Bearbeitung NZZaS
Grosser Auftritt an einem wenig glamourösen Ort: Begleitet von zwei Kamerateams schreitet Céline Amaudruz im freiburgischen Bulle über das Gelände einer Sägerei. Nachdem sie am Donnerstag bekanntgegeben hat, Bundesrätin werden zu wollen, führt sie ihr erster öffentlicher Termin an eine Versammlung der SVP Schweiz. Bisous hier, bisous da, sie geniesst die Aufmerksamkeit. In der rustikalen Lagerhalle mit Betonboden fällt sie auf mit ihrem eleganten, königsblauen Kleid.
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Auch im Bundeshaus sticht die Genferin heraus. Sie gilt als eine der vermögendsten Parlamentarierinnen und Parlamentarier. Als Bankerin hat sie für die besten Häuser des Landes wie UBS und Julius Bär gearbeitet. Aufgewachsen ist sie in einer reichen Genfer Anwaltsfamilie, sie hat Privatschulen besucht und pflegt teure Hobbys wie Springreiten und Wasserskifahren.
Seit Amaudruz als Nachfolgerin von Bundesrat Guy Parmelin gehandelt wird, haben die Medien vor allem über ihre Abweichungen von der SVP-Linie geschrieben, etwa über ihr Ja zur Homo-Ehe oder zum Vaterschaftsurlaub. Recherchen der «NZZ am Sonntag» zeigen eine bisher wenig diskutierte Seite von Amaudruz. Sie zeichnen das Bild einer Politikerin, die intensiv in eigener Sache lobbyiert und der manchmal das politische Fingerspitzengefühl fehlt.
1. Ein schillerndes Umfeld
Der Genfer Autor Marc Guéniat hat soeben ein neues Buch über den Genfer Finanzplatz veröffentlicht. In «Genève confidentiel» beschreibt er, wie die Stadt zu einem globalen Handels- und Finanzzentrum aufgestiegen ist. Céline Amaudruz hat er ein ganzes Kapitel gewidmet. Guéniat sagt, sie sei politisch sehr geschickt und zielstrebig vorgegangen. Die SVP Genf sei ein Klub älterer Herren gewesen. Amaudruz habe es geschafft, die Partei zu modernisieren und sie bei der Elite der Stadt salonfähig zu machen. «Sie ist extrem gut vernetzt im Milieu der Genfer Anwälte und Vermögensberater», sagt Guéniat. Amaudruz sei Teil dieses für Genf so typischen Ökosystems, das sehr viel Geld aus aller Welt in die Stadt geholt habe und dieses nun verwalte. Es ist ein hochprofitables Businessmodell – das mit Risiken verbunden ist.
Bereits Amaudruz’ Eltern galten als prägende Figuren dieses Milieus. Dominique und Michel Amaudruz waren erfolgreiche Wirtschaftsanwälte. Als 2021 mit den «Pandora Papers» geheime Finanzdaten publik wurden, berichtete die «Tribune de Genève», dass sie an einem komplexen Finanzkonstrukt eines russischen Oligarchen beteiligt gewesen sein sollen und ihm geholfen hätten, den Besitz einer Villa an der Côte d’Azur zu verschleiern. Der mittlerweile verstorbene Michel Amaudruz beteuerte stets, sich an das Gesetz gehalten zu haben.

Im Scheinwerferlicht: Céline Amaudruz an der SVP-Delegiertenversammlung im freiburgischen Bulle.
Peter Schneider / Keystone
Wer sich mit Amaudruz’ Umfeld beschäftigt, stösst rasch auf weitere interessante Personalien. Da ist etwa der ehemalige Genfer LDP-Nationalrat Charles Poncet, der als Anwalt des libyschen Diktatorensohns Hannibal al-Ghadhafi bekannt wurde. Dieser klagte 2009 gegen seine Verhaftung in einem Genfer Hotel und löste damit eine Staatskrise aus. Obwohl Poncet in Genf eine umstrittene Figur ist, rekrutierte ihn Céline Amaudruz 2021 als SVP-Kandidaten für die kantonalen Wahlen und ermöglichte ihm so ein politisches Comeback.
Auch Christian Lüscher, ehemaliger FDP-Nationalrat, ist ein Vertrauter von Céline Amaudruz, und auch er machte als Anwalt mit umstrittenen Mandaten von sich reden. So vertrat er den Sohn des verstorbenen nigerianischen Diktators Sani Abacha bei einem Rechtsstreit um gesperrte Gelder auf Schweizer Bankkonten. Als Amaudruz 2016 bei einer Autofahrt mit 1,92 Promille erwischt wurde, war Lüscher ihr Anwalt.
2. Eine Bank wird zum Reputationsrisiko
Wie schon ihre Eltern kämpft Céline Amaudruz gegen strengere Regeln für Finanzdienstleister. Dabei lobbyiert sie durchaus auch im eigenen Interesse. 2022 steigt Amaudruz bei der kleinen Privatbank Reyl ein. Beim Geldhaus an bester Lage, direkt an der Rhone gelegen, steigt sie zur Managing Director auf. Dann folgt ein Knall.
Im Frühling 2025 berichten internationale Medien wie «Le Monde» und die Tamedia-Zeitungen von gravierenden Missständen. Reyl soll jahrelang «Mafia-, Autokraten- und Russengelder» angenommen haben. Die Finanzmarktaufsicht (Finma) soll die Bank mehrfach gerügt haben. Céline Amaudruz hat das Finanzinstitut nach den gravierenden Vorwürfen nicht verlassen. Bemerkenswert ist, was sie ein Jahr später als Politikerin tat.
Im Bundeshaus reichte Amaudruz, damals noch immer bei Reyl angestellt, eine Reihe von sechs kritischen Vorstössen gegen die Finma ein. Diese zielen darauf ab, jene Behörde zu schwächen, die ihrem Arbeitgeber massive Probleme bereitet haben soll. Ein Parlamentarier, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt, die Genferin «hasse» die Behörde und zeige das auch offen.
Sollte Amaudruz Bundesrätin werden, könnte ihr aufgrund von potenziellen Rochaden in der Regierung ausgerechnet das Justizdepartement zufallen. Doch wäre sie als ehemalige Mitarbeiterin der Bank Reyl eine glaubwürdige Hüterin über Recht und Unrecht? «Für den Fall, dass die Vorwürfe stimmen, wäre es problematisch, wenn eine ehemalige Angestellte dieser Bank Justizministerin werden würde», sagt Mark Pieth, Anwalt und Experte in der Bekämpfung von Korruption. Die Öffentlichkeit habe den Anspruch, sagt er, mehr über die Rolle von Frau Amaudruz bei der Bank Reyl zu erfahren. «Da besteht Erklärungsbedarf.»
Mittlerweile ist Amaudruz nicht mehr für Reyl tätig. Gegenüber der «NZZ am Sonntag» sagt sie, sie habe die Bank vor Parmelins Rücktrittsankündigung verlassen. Allerdings waren das nur wenige Tage. Sie stand noch bis Ende September auf der Lohnliste des Geldhauses. Amaudruz hat stets betont, nicht im betroffenen Bereich des Finanzinstituts gearbeitet zu haben. «Ich habe selber erst aus der Presse von gewissen Missständen erfahren», sagt Amaudruz. Ihre Vorstösse hätten nichts damit zu tun, dass die Finma gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber vorgegangen sei.
Doch auch bei Amaudruz’ derzeitigen beruflichen Verpflichtungen stellt sich die Frage, ob sie für ihre eigenen Interessen lobbyiert. Diesen Sommer entdeckte die Vermögensverwalterin plötzlich ihre politische Liebe für Hülsenfrüchte, Ackerbohnen und Eiweisserbsen. Mit einem Paket von drei Vorstössen forderte sie, deren Anbau mit 20 Millionen Franken zu fördern.
Dazu muss man wissen, dass ihr Vater nicht nur ein einflussreicher Wirtschaftsanwalt war, sondern auch Patron eines kleinen Mühlenimperiums. Er war die prägende Figur der Minoteries SA, der zweitgrössten Mühlengruppe der Schweiz. Dieses Lebenswerk hat er seiner Tochter übergeben, die seit 2023 Verwaltungsratspräsidentin ist. Die Firma würde direkt von den geforderten Subventionen profitieren.
Doch Amaudruz will auch in diesem Fall keine Interessenkonflikte erkennen. Ihr Engagement für Hülsenfrüchte gelte nicht einem einzelnen Unternehmen, sondern der Schweizer Lebensmittelsicherheit, betonte Amaudruz, als der «Blick» darüber berichtete.
Die Mühlen brachten Amaudruz bisher nicht nur Glück. Nach dem Tod ihres Vaters sind ihr bei der Übernahme administrative Fehler passiert. Die Vermögensverwalterin hat gewisse aktienrechtliche Meldefristen nicht eingehalten. Wie sie erstmals bestätigt, hat das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) deshalb zwei Bussen von je tausend Franken gegen sie verhängt.
3. Fragwürdiger Führungsstil
Ein Mangel an Amaudruz’ Kandidatur für den Bundesrat ist, dass sie nie in einer Exekutive gedient hat. Dafür kann sie auf Führungserfahrung in der Wirtschaft verweisen, zudem war sie elf Jahre lang Chefin der SVP des Kantons Genf. Doch dort kam es von 2019 an zu heftigen Spannungen und mehreren Entlassungen und Kündigungen auf dem Parteisekretariat. Involvierte von damals, mit denen die «NZZ am Sonntag» gesprochen hat, beschreiben das Klima als vergiftet. Mit Namen wollte sich niemand zu den damaligen Konflikten äussern.
Amaudruz habe als Chefin einen überaus dominanten, zuweilen «diktatorischen» Führungsstil gepflegt, heisst es. Sie habe eine zeitliche Verfügbarkeit ausserhalb der Arbeitszeiten erwartet und keine Fehler geduldet. Drei Angestellte erlitten ein Burnout. In einem Fall kam es zu einem Schlichtungsverfahren, wobei erst nach Amaudruz Amtszeit eine Einigung erzielt werden konnte. Die Beteiligten haben Stillschweigen vereinbart.
2022 bestätigte Amaudruz gegenüber der «Tribune de Genève», dass es innert vier Jahren zu fünf Abgängen gekommen sei. Heute teilt sie auf Anfrage mit, sie könne sich zwar an Spannungen erinnern, aber nicht daran, dass diese mit ihrem Führungsstil zu tun gehabt hätten. «Ich weise entschieden zurück, im Rahmen meiner Tätigkeit bei der Genfer SVP-Sektion die Persönlichkeit von irgendjemandem verletzt zu haben.»
Andere Gesprächspartner aus der Genfer SVP beschreiben ihren Führungsstil als sehr fordernd, was aber auch seine guten Seiten gehabt habe. Die SVP Genf sei unter Amaudruz’ Amtszeit stark gewachsen, wozu Amaudruz massgeblich beigetragen habe.
Lionel Durgerdil, der jetzige Präsident der Kantonalpartei, sagt, die SVP Genf stehe heute geschlossen hinter der Bundesratskandidatin. Er kenne Amaudruz sehr gut. «Sie ist ein Mensch, der hart arbeitet und wenig schläft», sagt er. Sie pflege sicher keinen «autoritären Führungsstil». Durgerdil verteidigt Amaudruz auch in Bezug auf ihre Tätigkeiten bei der Bank Reyl. «Man kann Frau Amaudruz nicht für die Fehler dieser Bank verantwortlich machen.»
Während der SVP-Versammlung in Bulle gibt Céline Amaudruz Interviews. «Ich spüre sehr viel Support für meine Kandidatur», sagt sie dem französischsprachigen Fernsehen. Doch gerade in der Deutschschweiz muss die Genferin noch Überzeugungsarbeit leisten. Immerhin: Lobbying in eigener Sache scheint eine ihrer Stärken zu sein.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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