Gery Seidl: „Wir können mit dem Scheitern nicht umgehen“

Zum Interview treffen wir Gery Seidl in einem Kinosaal. Das macht inzwischen Sinn. Der Kabarettist landete mit seinem ersten Kinofilm, der Weihnachtskomödie „Aufputzt is’“ auf Platz zwei der erfolgreichsten Austrofilme aller Zeiten. Jetzt ist er wieder auf der Leinwand – als Synchronstimme. In „Toy Story 5“ (ab 23.7.) sind Buzz Lightyear & Co mit dem Tablet Lilypad konfrontiert, das mittels neuester Technik das Kinderzimmer revolutioniert. Seidl spricht die Rolle des weinerlichen Dr. Nutcase. Die Frage ist: Können die alten Spielzeuge wieder das Herz von Kind Bonnie zurückerobern?

Kinostar in „Aufputzt is’“, Karel-Gott-Epigone im Kabarett und jetzt auch noch Synchronsprecher. Herr Seidl, was können Sie eigentlich noch alles?

Die richtige Frage wäre: Was kann er überhaupt? Das ist eben, was passiert, wenn man keinen Beruf gelernt hat. Ich bin ein Ausprobierer. Das bringt mit sich, dass ich keinen Anspruch auf Perfektion hege. Ich mach’s, wie ich es halt kann. Für die Sprechrolle in „Toy Story 5“ hat man mich für den Richtigen gehalten.

Warum hat man genau Sie für die Spielzeugfigur des Dr. Nutcase ausgewählt?

Nutcase ist eine winzige Figur, die ständig sudert. Ich bin vom Stadtrand Wiens, vielleicht wollte man für die deutsche Synchronisation einen Wiener, dem das Jammern keineswegs fremd ist. In Deutschland wird der österreichische Akzent wohlwollend aufgenommen. Wie unser Zugang zum Leben. Ich sag’ immer: Im schlimmsten Fall ist’s wurscht.

Ihre Filmfigur in drei Worten?

Ängstlich, verzweifelt und hilflos. Woher diese Zustände kommen: Nutcase gehört als Spielzeug zum alten Eisen und wurde ersetzt durch Tablets und Smartphones. Er hat Angst, im Kinderzimmer nicht mehr gebraucht zu werden. Was wir um uns herum beobachten, gibt ihm Recht.

Wir sind alle süchtig danach, auf unserem Handy-Screen zu scrollen und checken permanent, was sich tut.

Ich selbst bin dieser Sucht nicht verfallen, aber ich beobachte rundherum das Bedürfnis der Leute, ständig am Handy zu hängen. Ich sehe, wie sie beim Abendessen mit Freunden auf Facebook sind oder ihren Sprösslingen Tablets auf den Kinderwagen montieren, um sie im Urlaub ruhigzustellen. Das finde ich nicht zwingend positiv. Außer man will seinem Kind jegliche Kreativität austreiben. Dann ist das der beste Weg. Aber unsere Gesellschaft wird es nicht weiterbringen, auf diese Art Stimmvieh heranzuziehen.

Die meisten scheitern daran, wie widerstehen Sie der Sucht?

Ich komme schon jetzt kaum mit den 24 Stunden aus, die jeder Tag für mich bereithält. Mich interessiert vieles und ich mache auch vieles – weil ich mir die schönen Möglichkeiten nicht verwehren möchte. Eine Stunde am Handy zu verbringen und danach kaum zu wissen, was ich da eigentlich gesehen habe – das ist für mich tote Zeit. Wenn ich etwas erfahre, das ich vorher nicht wusste – ja. Aber zur Unterhaltung, weil mir fad ist – nein. Dafür ist es mir zu schade um die Zeit – ich handle also aus purem Egoismus.

Gery Seidl

Vom Bauleiter zum Schauspieler: „Ich bin nicht aus Groll gegangen“ 

©kurier/Barbara Nidetzky

Im Vorgespräch haben Sie mir verraten, dass Sie unter die Yogis gegangen sind ...

Wenn mir alles zu viel wird, ist mein Rücken der erste Körperteil, der mir das signalisiert. Ein lieber Freund hat mir daher fünf Übungen als Hausübung aufgetragen. Ich bin diesbezüglich leider nur sehr faul. Trotzdem ist mein Leid mit dem Kreuz besser geworden. Im fortgeschrittenen Alter beweglich zu bleiben, sprich: mit 50 plus, halte ich für extrem wichtig.

Alt ist man erst, wenn der Bürgermeister gratulieren kommt.

Mich damit abzufinden, dass es Teile an mir gibt, die mir aus Altersgründen weh tun – dagegen wehre ich mich mit Händen und Füßen. Yoga zu machen ist zwar nichts, das sich Männer als Erstes erzählen, wenn sie einander treffen. Aber es hilft. Das ist das Wichtigste.

Wenn wir schon übers Älterwerden sprechen: Wie hat sich Ihr Blick aufs Leben denn mit knackigen 50 verändert?

Als ich 50 geworden bin, war Corona, dadurch hat sich mein Blick verändert – er ist kritischer geworden. Körperlich bin ich fitter als mit 40. Meine Kondition mag nicht mehr so gut sein wie früher, aber dafür schenke ich meinem Körper mehr Zeit und Aufmerksamkeit. Auch mein Spiegelbild sieht nicht mehr aus wie mit 25, aber das ist mir egal. Ich freue mich darüber, denn jede Falte erzählt eine Geschichte. Ich kann sagen: Mein Leben heute ist so glücklich wie noch nie zuvor.

Woran liegt das?

Dass ich keine Sachen mehr mache, die mich nicht interessieren. Früher habe ich viel gemacht, von dem ich geglaubt habe, es tun zu müssen, um vielleicht irgendwo dazuzugehören. Oder weil das halt notwendig ist. Heute lasse ich alles Überflüssige weg. Und das macht mich sehr, sehr glücklich.

Gery Seidl

Gut eingespielt: Kurier-Redakteur Alexander Kern beim Interview mit Gery Seidl

©kurier/Barbara Nidetzky

Ist das die Gnade der Jahre?

Es ist vor allem ein Riesenglück, weil mir die meisten meiner Projekte gelingen. Ich kenne viele gute Kabarettisten, zu denen viel weniger Zuschauer kommen und man weiß nicht, warum. Ich kenne geniale Musiker, die nicht von der Musik leben können. Dass mir vieles gelingt, dafür bin ich unendlich dankbar. Den Erfolg verbuche ich auch nicht für mich alleine. Mir ist bewusst, dass ich ein Rädchen im Betrieb bin. Das weiß ich noch von meinem früheren Job als Bauleiter. 

Wie viele Witze muss man aushalten können am Bau, wenn man mit dem Nachnamen „Seidl“ heißt?

(lacht) Irgendwann haben sie es auf den Baustellen kapiert, dass ich diverse Pointen über meinen Namen nicht zum ersten Mal höre. Ich bin nach wie vor sehr glücklich darüber, Seidl zu heißen. Ich mag den Namen. Einen Künstlernamen anzunehmen war für mich nie ein Thema.

Wie war der Übergang vom Baugewerbe zum Kabarett für Sie?

Die Schauspielerei habe ich aus Spaß an der Freude ausgeübt – und parallel zum Job am Bau. Erst als die Termine überhandgenommen haben und es nicht mehr anders ging, habe ich gekündigt. Das macht man nicht leichten Herzens. Wenn die Engagements ausbleiben, ist die Gefahr groß, dass man auf der Straße landet. Aber ich wollte den Fokus unbedingt aufs Kabarett lenken, sonst wäre es ein Hobby geblieben. Das wollte ich nicht.

Ein mutiger Schritt ins Ungewisse und vom Angestellten zum Künstler.

Dieses Sicherheitsdenken ist dem Österreicher in die Wiege gelegt. Aber eines war mir immer klar: An etwas aus Angst festzuhalten, das nicht mein Weg ist, nötigt mir mehr Kraft ab, als es zu lassen und etwas Neues auszuprobieren. Wenn du eine Tür zumachst, öffnen sich zwei andere, das habe ich gelernt. Der Österreicher hat das nie erlernt, wir können mit dem Scheitern nicht umgehen. Unser Motto ist meistens: vorsichtig einatmen und ja nicht auffallen. Aber würde das Kabarett nicht so viel Spaß machen, wäre ich noch ein begeisterter Bauleiter. Ich bin nicht aus Groll gegangen.

Gery Seidl

Gery Seidl

Gery Seidl wurde 1975 in Wien geboren. Er maturierte an einer HTL im Hochbau und arbeitete als Bauleiter. Bei Herwig Seeböck nahm er Schauspielunterricht. 2008 feierte sein erstes Solo-Kabarett „Wegen Renovierung offen“ Premiere, im TV kennt man ihn u. a. aus „Was gibt es Neues?“ Die Weihnachtskomödie „Aufputzt is’“ war zuletzt ein Riesenerfolg. 
 

Die Weihnachtskomödie „Aufputzt is’“ war Ihr erster Kinofilm und gleich ein Riesenerfolg. Wie ist Ihr Blick darauf?

Wenn die richtigen Leute zusammenarbeiten und die Herzenergie stimmt, kann etwas gelingen. Zum Glück begegne ich immer wieder Menschen, die mich offenbar an der Hand nehmen und auf meinem eigenen Weg mitnehmen. Insofern bin ich getragen. (schmunzelt) Ob das beim neuen Film, an dem wir schreiben, auch so sein wird? Wer weiß. Das Problem wird sein, dass man den Erfolg von „Aufputzt is’“ als Maßstab heranziehen wird. Den Druck, der damit aufgebaut wird, versuche ich jetzt schon zu unterbinden. Das verkrampft nur. Auch deshalb wird der neue Film ganz anders als „Aufputzt is’“.

Nochmal zurück zu „Toy Story 5“: Was war Ihr Lieblingsspielzeug als Kind?

Unser Fuhrpark. Mein Vater war ein begeisterter Bastler und Schweißer, wir hatten 16 Fahrräder sowie Tandem, Rikscha oder Gokarts mit Pflug und Ketten zum Schneeräumen. Ein Riesenspaß! Für meine Mutter weniger, weil das ganze Zeugs den Garten zugestellt hat.

Als welches Spielzeug würde Gery Seidl im Kinderzimmer landen?

Von der Figurenpalette aus „Toy Story 5“ als VW Käfer. Mein Großvater hatte einen, wir Kinder haben viel Zeit in diesem Auto verbracht. Der Käfer wurde nämlich ausgeschlachtet und ist dann bei uns im Garten gestanden und hat als Spielfeld gedient.

Sind Sie am neuesten Stand der Technik?

Nein. Technik ist heute so mannigfaltig, dass dich dein Auto filmt und wenn du dreimal zwinkerst, fährt es rechts ran und ruft einen Arzt an, weil du offensichtlich müde bist. Das will ich nicht. Ich mag ein Technik-Saurier sein, aber dafür ein Bastler vor dem Herrn. Ich repariere im Haus möglichst viel selbst. Die Ästhetik mag darunter leiden, aber ich bin ein Freund der Funktion.

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schrieb für 110%, das Sport- und Lifestyle-Magazin von Die Presse. Seit 2020 Redakteur der KURIER Freizeit mit Reportagen, Kolumnen, Texten zu Kultur, Gesellschaft, Stil, Reise und mehr. Hunderte Interviews, von Beyoncé und Quentin Tarantino über Woody Allen und Hugh Grant bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio sowie in der deutschsprachigen Kulturszene. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Schreibt im KURIER jeden zweiten Dienstag die Kolumne „Alexanders Showtime“. Liebt Kino, Literatur und Haselnusseis.