Gianni Infantino: Als Kind gehänselt, heute der Fußball-Imperator
Johnny hier, Gianni da. Verhandlungen mit Despoten, Diktatoren, Scheichs oder Donald Trump dort. Dazwischen Social Media, Privatjet und, wenn es ins Programm passt, sogar ein politisches Statement. Entweder im grünen Jogginganzug mit FIFA-Logo in der Hotellobby, im Ballsaal im feinsten Zwirn oder auf der Aufschlagseite des (heiligen) Panini-Albums: Gianni Infantino ist einfach überall. Dieser Fußballfunktionär überreicht ungeniert peinliche Friedenspreise, erhält selbst von Wladimir Putin Freundschaftsmedaillen und knüpft unaufhaltsam Verträge für den Weltfußball. Die Gewinnmaximierung im „System Infantino“ ist garantiert. Also muckt keiner in den internen Reihen auf, wenn ein Skandal das Image der FIFA zu versenken droht wie die „Rote-Karten-Affäre“ nach dem Trump-Anruf. Die Norwegerin Lise Klaveness ist die Einzige im Weltfußball, die ihre Stimme gegen ihn und seine Machenschaften erhoben hat.
Alle anderen schweigen und machen mit. Denn der Mann, der einst in der fünften Schweizer Liga für den FC Folgore spielte und als Kind italienischer Einwanderer im Schweizer Wallis gehänselt wurde für Auftreten und Sprache, ist seit dem Rückzug von Joseph Blatter und der Degradierung von Michel Platini der einzige Spielmacher im Weltfußball.
Einst Losfee, jetzt Präsident
Giovanni Vincenzo Infantino, 56, stammt aus dem knapp 6000 Einwohner starken Brig im Wallis. Er hat italienische, libanesische und Schweizer Wurzeln, ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Eloquenz ist die Grundvoraussetzung für „Global Player“ wie ihn, dass er Italienisch, Deutsch, Englisch, Französisch sowie Spanisch und Arabisch spricht, versteht sich fast von selbst. Daheim ist er in Zug, seit der WM 2022 sieht man ihn auch oft in Doha. Der Zweitwohnsitz soll ihm viele Stunden im Jet erspart haben.
Wer immer geglaubt hat, João Havelange (1974–1998) oder Sepp Blatter (1998–2015) hätten den in Zürich ansässigen und nach Schweizer Handelsrecht notierten Verein an die Spitze geführt, tut Infantino einfach Unrecht. Der ehemalige Generalsekretär der UEFA, der sogar Europacup-Auslosungen vornahm, wenn Not am Mann war, hat all ihre Vorarbeit seit 2016 regelrecht professionalisiert und industrialisiert. Er hat alles von Michel Platini gelernt, für den er eigentlich nur als „Ersatz“ eingesprungen war im FIFA-Rennen – und auch wieder Platz machen sollte, erzählt man sich, so dieser den Fängen der Ermittler entkommen sein sollte. Doch der Italo-Schweizer blieb. Weil er es auch wollte.
Mit Infantino an der Spitze wuchs der Weltverband endgültig zu einem Milliardenbusiness aus und weil er, geradezu mit Teflon beschichtet, zielstrebig seiner Wege geht, sprechen nur noch Zahlen für ihn und sind Skandale rund um Korruption (2015) oder verkaufte Weltmeisterschaften (2006) vergessen.
Midas der Moderne
Dreizehn Milliarden US-Dollar Umsatz erwartet man für den laufenden Zyklus 2023 bis 2026, das ist ein Plus von über 70 Prozent. Infantinos Ideen einer Klub-WM mit 32 Vereinen und einer XXL-WM mit 48 Nationen haben die Branche verändert, und nur noch die UEFA-Champions-League mit einem Jahresumsatz von fünf Milliarden Euro kann da halbwegs mithalten. Weil die FIFA, sie bezahlt in Zürich als gemeinnütziger Verein sehr wenig an Gewinnsteuern, auch jeden ihrer Wegbegleiter an Bord holt und pflegt, gibt es intern nur Geschlossenheit.
Diesen Tipp, munkeln Insider, habe er sich vor Amtsantritt samt dem Segen für die Machtübernahme von Blatter geholt: Jeder der 211 Mitgliedsverbände bekommt Geld. Ob für Nachwuchsförderung, den Bau von Sport- oder Fußballplätzen. Fünf bis acht Millionen Dollar pro Zyklus sind es. Zehn Millionen Dollar bekam jeder WM-Starter, 2,5 Millionen gab es extra für Hotelbuchungen. Der Weltmeister bekommt nächsten Sonntag 50 Millionen „on top“. Dass sich sein „Freund“ Donald Trump mit auf das Podest drängen wird und den WM-Pokal überreichen will, hat Infantino sicher einkalkuliert. Dass er ihn „Johnny“ nennt und anrief wegen einer Roten Karte, über die er nichts wusste und die trotzdem gelöscht werden sollte, fällt nur notorischen Nörglern noch ein. Mit der Transparenz einer Bürokratie-Hochburg, die sich mit Papierbergen und Formularen schützt, wurden alle Zweifel und Fragen zur Unsportlichkeit, Schiebung und „Freundschaftsdiensten“ beantwortet.
Auch besteht kein Zweifel daran, dass – so sehr sich sein ehemaliger Wegbegleiter und UEFA-Präsident Aleksander Ceferin dagegen wehrt – Infantino unbelastet noch länger im Amt bleiben wird. Durch das installierte System profitieren alle, ärmere Verbände aus Asien und Afrika umso mehr. Denn jede einzelne der 211 Stimmen aller FIFA-Mitglieder zählt. Und das Narrativ weist den aktuellen FIFA-Chef und versierten Juristen als „Retter“ aus. Also ist für 2027 nur eines zu erwarten: Der Autokrat bleibt per Akklamation, also zustimmendem Applaus ohne Gegenkandidaten, im Amt bis 2031. Ob es Kritikern oder NGO-Vertretern passt oder nicht. Infantino predigt: „Wo soll das Geld sonst hingehen? Zu korrupten Praktiken? Das Geld gehört den Verbänden, es wird geprüft und in Kinder investiert.“
Als Kind gehänselt
Er schart seine Gefolgsleute gekonnt um sich wie ein Fußballer mit der Rückennummer 10. Dazu erzählen sie sich die Lebensgeschichte ihres Präsidenten, den einst als Säugling nur eine Bluttransfusion und die Hilfe der Flugrettungswacht gerettet haben. Der Sohn italienischer Einwanderer sei gehänselt worden wegen roter Haare, Sommersprossen, seinem unorthodox klingenden „Schwyzerdütsch“. In Infantino haben sich diese Erinnerungen scheinbar manifestiert, Kritik und Häme lehnt er ab, blockt sie weg.
Er gibt keine Pressekonferenzen mehr, und wenn ein (kritisches) Medium ein Interview führen will, wird, wenn überhaupt, Wochen später per E-Mail von der zuständigen FIFA-Stelle kontaktiert und mit dem Verweis, man sei „auf der Liste“, auch Jahre später nicht mehr über mögliche Gesprächsmöglichkeiten informiert. Warum auch? Seit der WM in Katar 2022 weiß ohnehin jeder, wie er denkt, fühlt, arbeitet. Dort erklärte er pathetisch: „Heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich als Afrikaner, heute fühle ich mich schwul, heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Wanderarbeiter.“
Moral? Frag doch den VAR!
Freilich ließ das zu viele Fragen offen, also spricht er seit 2023 nicht mehr bei Pressekonferenzen. Muss er auch nicht, die Fußballwelt hält ihm ungeachtet aller Skandale, Fettnäpfchen und Vorstöße den Rücken frei. Und, Hand aufs Herz: Wer ärgert sich denn mit Schrebergärtnern, wenn Staatschefs anrufen?
Und doch, es verlangt auch vom größten Dirigenten, dem Demut, Bescheidenheit und Diplomatie vollkommen fremd sind, Einfühlungsvermögen, wenn es um Begehrlichkeiten in Bezug auf die WM-Austragung geht. In den USA muss sich Infantino, ob er will oder nicht, mit Trump arrangieren. Eventuell ist er darob so schnell eingeknickt in der „Rote-Karte-Causa“?
Sind Ermittlungen in New Jersey durch lokale Staatsanwälte weiter vorangeschritten als gedacht in der „Price Fixing“-Agenda? Sind Fragen zur Steuerbefreiung der WM-Veranstalter doch noch nicht ganz beantwortet? Werden Bedenken aus 2015 wach in der US-Justiz, als man den Weltverband FIFA unter den „Rico-Act“ subsumierte, um unbegrenzt gegen die Machenschaften ermitteln zu können? „Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act“, das ist ein US-Bundesgesetz und ermöglicht die Strafverfolgung von Personen, die Straftaten im Rahmen einer kriminellen Organisation (zum Beispiel: Mafia) oder eines Netzwerks in Auftrag geben oder koordinieren.
Die Grauzone ist sein Spielraum
Auch die Vergabe der nächsten Weltmeisterschaften lässt nachdenken. 2030 wird es auf drei Kontinenten gelingen, womöglich schon 64 Teams um den WM-Pokal spielen zu lassen. Anfangs in Südamerika, dann in Portugal und in Marokko. Weil auch „Königsmacher“ wie der saudische Kronprinz Mohammed Bin Salman bedacht sein müssen, findet die WM 2034 – ohne Gegenkandidat – in der Wüste statt. Politische Neutralität, Distanz, Lobbying, Business, Fußball: All das ist eine einzige FIFA-Grauzone, in der selbst der „Video Assistant Referee“ nicht durchblickt. Infantino, ein „Workaholic“, behält trotzdem die Kontrolle.
Der Preis für diese Rolle als „Imperator des Fußballs“ oder „Alleinherrscher“ mutet für viele Menschen extrem hoch an, ist für Infantino jedoch scheinbar schnell bezahlt. Er braucht Machthaber, die ihn stützen. Oder Geldgeber, etwa Saudi-Arabiens Staatsfonds, der die Extrakosten der Klub-WM, angeblich eine Milliarde Dollar, aus der Portokasse begleicht. Oder neue Sponsoren und TV-Partner, für die man bei dieser WM extra „Hydration-Breaks“ eingeführt hat, um noch mehr Werbezeiten herauszuschlagen. Pardon: Natürlich sind die Pausen nur zum Wohl der Spieler.
Gianni Infantino ist überall, seine Fußball-Familie lässt ihn nicht fallen. Und dafür wischt er jede Kritik beiseite. Er mimt den Clown, Entertainer, Business-Mann, Chef, Präsidenten, Machthaber, den Wegweiser. Wie es Spielmacher gemeinhin eben so machen.