El Niño: Welche Folgen drohen der globalen Landwirtschaft?

In diesem heißen Sommer vergeht kaum ein Tag, an dem nicht vor dem nächsten Klimaunglück gewarnt wird: Es drohe ein „Super-El-Niño“, heißt es in Schlagzeilen, ein „Godzilla-El-Niño“ oder gar die „Klimakatastrophe des Jahrhunderts“. Gemeint ist ein immer wieder auftretendes Klimaphänomen im Pazifik, das im Zusammenspiel von Wind und Wasser zu Dürren, Überschwemmungen und Ernteausfällen führen kann.

Seit Juni sind im Pazifik die Bedingungen für El Niño gegeben. Nach Einschätzung der amerikanischen Wetterbehörde NOAA besteht eine Wahrscheinlichkeit von 82 Prozent, dass das Klimaphänomen in diesem Jahr zu den stärksten seit Beginn der Aufzeichnungen 1950 zählen wird.

Es wachse das Risiko einer umfassenden Nahrungsmittelkrise, warnt Maximo Torero, der Chefökonom der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), wenn El Niño die angespannten Bedingungen in der Landwirtschaft weiter verschärfe. Schon jetzt belasten der Krieg in der Ukraine und der Konflikt mit Iran die Nahrungsmittelmärkte. Die Preise für Dünger und Energie sind hoch.

Besondere Aufmerksamkeit finden solche Warnungen, weil Europa derzeit selbst mit extremem Wetter kämpft. In Frankreich, Spanien und Griechenland brennen die Wälder, der Rhein führt zu wenig Wasser und hemmt die Schifffahrt.

Wetterextreme in Europa haben mit dem Klimaphänomen nichts zu tun

Da bringen nicht wenige die europäische Hitzewelle mit El Niño in Verbindung. Doch dieser Gedanke ist falsch: Die Wetterextreme in Europa haben mit dem Klimaphänomen im Pazifik nichts zu tun. Europa wird – wenn überhaupt – nur indirekt über steigende Nahrungsmittelpreise getroffen.

El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen, das im Pazifik auftritt. Alle paar Jahre verändert sich dort das Zusammenspiel von Meer und Luft. Normalerweise treiben regelmäßige Passatwinde warmes Wasser von Südamerika nach Asien. Mit El Niño werden diese Winde schwächer. Das warme Wasser bleibt näher an Südamerika, wo es häufiger stark regnet. In Australien, Indonesien und Teilen Südostasiens kommt dagegen weniger Regen an; dort können Hitze, Dürre und Waldbrände zunehmen.

Peruanische Fischer tauften das Phänomen El Niño, spanisch für „der Junge“ oder „das Christkind“, weil ihnen das warme Wasser oft um Weihnachten auffiel. La Niña, „das Mädchen“, ist die Gegenphase: Die Winde wehen stärker, und die Folgen sind in vielen Regionen umgekehrt. Beide Phasen können mehrere Monate andauern.

Wie stark die Phänomene sich auf das Wetter auswirken, ist sehr verschieden. Nicht jedes Unwetter und jede Dürre in der Region lassen sich El Niño zuschreiben. Ob der Klimawandel El-Niño-Ereignisse häufiger oder stärker macht, ist nicht abschließend geklärt. Forscher der Universität Hamburg warnen vor voreiligen Schlüssen. Die natürlichen Schwankungen seien zu groß, um einen eindeutigen Trend abzulesen, heißt es.

Indien hat den Zuckerexport vorsorglich ausgesetzt

In einigen Ländern Asiens zeigen sich schon jetzt erste Folgen des prognostizierten starken El Niño. Die australische Weizenernte fiel bislang rund 25 Prozent geringer aus als im Vorjahr. In Indien brachte der Monsun bis Ende Juli landesweit 16 Prozent weniger Regen als üblich, in Ost- und Nordostindien sowie auf der südlichen Halbinsel waren es rund 30 Prozent weniger.

Während der Monsunzeit, auf die etwa die Hälfte der indischen Getreideproduktion entfällt, bauten die Bauern mangels Wasser 23 Prozent weniger Getreide an als vor einem Jahr. Indien hat den Zuckerexport vorsorglich bis mindestens Ende September 2026 ausgesetzt, um im Fall von Knappheiten zunächst das eigene Land versorgen zu können.

Teile Südostasiens, Indiens und Australiens, wo höhere Temperaturen und weniger Niederschlag erwartet werden, sind für El Niño besonders anfällig. Diese Regionen liefern Reis, Getreide, Palmöl, Zucker, Kaffee und Kakao für die Weltmärkte.

Kein eindeutiges Muster für Ernteausfälle

Auf der anderen Seite des Pazifiks hat Peru schon Fangbeschränkungen für Sardellen erlassen, um die Bestände der Fische zu schützen, die mit dem wärmeren Wasser Schaden nehmen. Die Preise für peruanische Sardellen stiegen im Jahresvergleich um mehr als 75 Prozent.

Die Schreckensszenarien, die sich mit dem diesjährigen El Niño verbinden, halten Beobachter an den Finanzmärkten dennoch für übertrieben. Schlagzeilen vom „stärksten El Niño aller Zeiten“ seien irreführend, sagt Carlos Mera, ein Rohstoffanalyst der niederländischen Rabobank.

Der derzeitige El Niño dürfte den Prognosen zufolge zwar sehr stark ausfallen, müsse aber nicht zwangsläufig ein Rekordereignis werden. El-Niño-Ereignisse seien in den vergangenen Jahrzehnten oft überschätzt worden, sagt Dietmar Dommenget, ein Klimaforscher der australischen Monash University. So riefen Meteorologen 2014 einen „Super-El-Niño“ aus, der tatsächlich aber erst 2015/2016 kam.

Die Profiteure von El Niño: Brasilien, Uruguay und Argentinien

Pauschale Warnungen vor Ernteausfällen und steigenden Lebensmittelpreisen durch El Niño seien „Panikmache“, sagt Warren Patterson, der für die Bank ING in Singapur die Nahrungsmittelmärkte beobachtet. „Die Auswirkungen auf die globale Agrarproduktion waren bei früheren El-Niño-Ereignissen meist begrenzt“, sagt Patterson.

Während des starken El Niño in den Jahren 2015 und 2016 seien die Erträge einzelner Rohstoffe zwar zurückgegangen, die von Zucker und Kakao zum Beispiel um fünf bis sieben Prozent. Die globale Lebensmittelversorgung war jedoch nicht gefährdet.

Ein eindeutiges Muster für Ernteausfälle lässt sich für das Klimaphänomen nicht ableiten, lediglich Tendenzen. El Niño wirkt sich von Region zu Region unterschiedlich aus: Manche Länder müssen mit schlechteren Ernten rechnen, während das Wetterphänomen anderen mehr Regen und damit bessere Erträge bescheren kann.

Zu den Profiteuren von El Niño zählen wichtige Agrarproduzenten wie Brasilien, Uruguay und Argentinien. Dort fallen die Mais- und Sojaernten in El-Niño-Jahren häufig überdurchschnittlich gut aus. Klimaforscher Dommenget erwartet zudem zusätzliche Niederschläge in Kalifornien, Ecuador, Peru, im südlichen Südamerika und in Zentraläquatorialafrika. Dort könnten die Landwirte mehr ernten.

Von solchen Entwicklungen dürften auch andere Regionen profitieren. Größere Ernten können die globalen Preise für Agrarrohstoffe zumindest stabil halten oder sogar sinken lassen. Europäische Bauern, die wegen der derzeitigen Dürre weniger ernten, könnten dadurch günstigeres Futter aus Südamerika importieren.

Doch sind solche Effekte nicht garantiert. In früheren El-Niño-Phasen stiegen die globalen Sojaerträge zwar mehrfach um bis zu 20 Prozent; in anderen El-Niño-Jahren gingen sie jedoch zurück. Für keine Nutzpflanze lässt sich verlässlich vorhersagen, ob die Ernte unter El Niño besser oder schlechter ausfallen wird.

Weniger Hurrikane im Atlantik, mildere Winter in Nordamerika

Die möglichen positiven Effekte des Klimaphänomens reichen über die Landwirtschaft hinaus. Im Atlantik werde es in diesem Jahr durch El Niño voraussichtlich weniger Hurrikane geben, sagt Dommenget von der Monash University. Teile Asiens und Nordamerikas dürften einen deutlich milderen Winter als normal erleben.

Wie stark Trockenheit oder Starkregen sich in anderen Regionen auf die Versorgungslage auswirken, hängt auch davon ab, wie gut die Landwirtschaft solche Schocks abfedern kann. Der Agrarsektor ist in den vergangenen Jahrzehnten widerstandsfähiger gegen Wetterextreme geworden.

Seit 1980 hat der Anteil bewässerter Anbauflächen sich nach FAO-Statistiken global von elf auf 22 Prozent verdoppelt. Auch moderne Saatgutsorten kommen vielerorts besser mit Trockenheit zurecht. Besonders gefährdet bleibt jedoch der Asien-Pazifik-Raum, auch weil der Zugang zu solchen Technologien nicht überall gewährleistet ist.

Dank günstiger Bedingungen wurde im vergangenen Jahr global so viel Getreide geerntet wie nie zuvor. Für 2026 erwartet die FAO trotz El Niño die zweitgrößte Ernte der Geschichte. Bisher sind die Vorräte der allermeisten Rohstoffe groß genug, um Versorgungsrisiken und Angebotsengpässe auszugleichen.

Höheres Preisniveau für Lebensmittel wegen El Niño ist nicht ausgemacht

An den Märkten ist von dieser vergleichsweise entspannten Lage wenig zu spüren. Rohstoffpreise steigen dort oft schon, sobald mögliche Ernteausfälle auch nur denkbar sind. Allein die Ankündigung eines „Super-El-Niño“ habe die Kakaopreise im Frühsommer um sechs Prozent steigen lassen, sagt Renato Mettler, ein Spezialist für Agrarrohstoffe des Schweizer Vermögensverwalters Vontobel.

Spekulanten rechneten mit möglichen Engpässen infolge von Trockenheit. Mettler erwartet, dass Preissprünge am ehesten bei unbearbeiteten Agrarprodukten wie Zucker, Kakao und Kaffee wahrscheinlich sind. Für diese Rohstoffe gebe es weniger Puffer in den Angebotsketten als für andere Agrarprodukte.

Einen größeren Einfluss als im Wetter sieht Mettler in politischen Entscheidungen, vor allem in Exportrestriktionen. Wenn Staaten Agrargüter horten und sie vom Weltmarkt fernhalten, um das eigene Land zu versorgen, könne das die Preise zusätzlich steigen lassen. El Niño sei nur einer von mehreren Einflussfaktoren.

Ein höheres Preisniveau für Lebensmittel wegen El Niño ist nicht ausgemacht. Die vorhandenen Vorräte könnten Engpässe zunächst abfedern, konstatiert die FAO. Trotz geopolitischer Spannungen liegen die Lebensmittelpreise derzeit noch knapp 20 Prozent unter dem Höchststand von 2022, als der Ukrainekrieg begann. Die Weltbank erwartet für dieses Jahr einen Anstieg der globalen Nahrungsmittelpreise um 2,5 Prozent oder mehr. Es gibt auch konservativere Schätzungen.

Frühere El-Niño-Ereignisse zeigen kein klares Muster, ob das Klimaphänomen die Preise in die Höhe treibt oder nicht. „Teilweise sanken die Lebensmittelpreise sogar“, sagt Patterson von ING. Im El-Niño-Jahr 2015 fiel der globale FAO-Lebensmittelpreisindex um rund 19 Prozent, vor allem wegen guter Ernten, einer geringen Nachfrage und eines starken Dollars. In den El-Niño-Jahren 2009 und 2010 stiegen die globalen Lebensmittelpreise dagegen besonders stark. Fachleute führen das vor allem auf chinesische Konjunkturprogramme und die Folgen der globalen Finanzkrise zurück, weniger auf die Winde im Pazifik.

„Der Handel mit Nahrungsmitteln, Dünger und Energie muss offen bleiben“

Auch wenn El Niño die Weltmärkte kaum treffen mag, können die Folgen für arme Regionen schwerwiegend sein. Ein einzelner Ernteausfall kann für die Menschen dort zu viel sein. Die Zahl der Menschen, die Hunger leiden, sank zuletzt zwar das dritte Jahr nacheinander – und das trotz des starken El Niño in den Jahren 2023/2024 und trotz des Kriegs in der Ukraine. Zugleich verschärfte El Niño in Teilen des südlichen Afrikas, in Südasien und am Horn von Afrika aber Dürren, Überschwemmungen und Ernteausfälle.

In 18 Ländern trug das gemäß einem Bericht der FAO und anderer Organisationen zu akuten Ernährungskrisen bei; betroffen waren mehr als 96 Millionen Menschen.

Besonders hart traf es das südliche Afrika: Mehr als 20 Millionen Menschen verloren durch ausbleibende Regenfälle ihre Ernährungssicherheit. Neben El Niño werden als Gründe für die damaligen Ernährungskrisen auch Konflikte, Armut, hohe Lebensmittelpreise und schwache Versorgungssysteme genannt.

Während des El Niño 2023/2024 passierten wegen der Dürre ein Drittel weniger Schiffe den Panamakanal, sagt FAO-Chefökonom Torero. Ähnliche Folgen seien auch diesmal möglich. „Der Handel mit Nahrungsmitteln, Dünger und Energie muss offen bleiben“, sagt Torero.  Handelsbeschränkungen lösten die Engpässe nicht, sondern verlagerten sie in die ärmsten Länder und ließen die Preise stärker schwanken.

Patterson von ING rät Agrarunternehmen, sich so weit wie möglich gegen Risiken zu schützen, zum Beispiel mit Bewässerung, Wasser- und Futtermittelvorräten oder Brandschutz. Auch der Umstieg auf andere Pflanzen könne helfen, die Folgen extremer Wetterlagen zu begrenzen.

„Es ist ratsam, die Risiken im Zusammenhang mit Angebot und Preisen im Auge zu behalten, insbesondere angesichts der Prognosen für einen sehr starken El Niño in diesem Jahr“, sagt Patterson. „Wir raten jedoch davon ab, die globalen Aussichten als düster einzuschätzen.“