„Glücksgefühle“-Festival ohne Alphaville: Für immer dumm

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04.09.2026

Die drei Gründungsmitglieder von Alphaville auf einer Aufnahme von 1994

Alphavilles Debütalbum Forever Young erschien 1984

Foto: Fryderyk Gabowicz/United Archives/picture alliance

Manchen Songs tut die Geschichte Unrecht. Born in the U.S.A. von Bruce Springsteen zum Beispiel ist so ein Lied, das wohl auch wegen seines breitbeinigen Sounds gern als patriotisch-amerikanische Hymne missverstanden wird. Springsteen sprach sich schon 1984 gegen den Versuch des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan aus, seinen Song für dessen konservatives politisches Programm einspannen zu wollen. In den Jahrzehnten danach musste er es immer wieder tun.

1984 entstand noch ein Song, der später oft missverstanden werden sollte: Nachdem sich die Musiker Marian Gold, Frank Mertens und Bernhard Lloyd im Umfeld der Berliner Hausbesetzerszene kennengelernt hatten, gründeten sie die Band Alphaville. Schon ihre erste Studioaufnahme Big in Japan wurde ein Hit. Noch erfolgreicher war aber das kurz darauf veröffentlichte Forever Young, das bis heute vielfach gespielt und gecovert wird.

Organisiert wird „Glücksgefühle“ von Lukas Podolski und Musikmanager Markus Krampe

Dazu beigetragen haben dürfte seine vermeintlich eindeutige Botschaft: Die Sehnsucht nach ewiger Jugend ist ein Motiv, das universell funktioniert. Das dachten sich vermutlich auch die Veranstalter des „Glücksgefühle“-Festivals, das dieses Wochenende am Hockenheimring stattfindet. Organisiert wird es seit 2023 von Musikmanager Markus Krampe sowie Fußball-Profi Lukas Podolski, und es bezeichnet sich selbst als „größtes Musikfestival Deutschlands“. Zu den bekannteren Namen auf dem Lineup zählen neben Alphaville unter anderem der DJ David Guetta, Rapper Ski Aggu oder der „Volks-Rock’n’Roller“ Andreas Gabalier.

Um „Love, Beats & Happiness“ sollte es gehen, aber plötzlich zeigten sich die Veranstalter höchst unhappy in Bezug auf Alphaville: „Unsere Bühne ist keine Plattform für politische Äußerungen“, heißt es in einem Statement, das kurz vor dem Start des Festivals veröffentlicht wurde, „und das gilt unabhängig davon, in welche politische Richtung eine Äußerung geht“. Die Band wurde ausgeladen.

Alphaville legten sich mit der FPÖ und Trump an

Was genau den Anlass dazu gab, ist nicht ganz klar. Marian Golds politische Haltung zumindest ist kein Geheimnis. Seit längerem schon positioniert er sich auf der Bühne und auf seinen Social-Media-Kanälen unter anderem gegen Rechtsextremismus und Queerfeindlichkeit. Jüngst untersagte das Management der Band dem Radiosender Austria First der rechtspopulistischen Partei FPÖ, ihre Songs zu spielen. Im April dieses Jahres legte sich die Gruppe sogar mit dem US-Präsidenten an: Als Donald Trump ein KI-generiertes Video mit dem Song Forever Young unterlegte, ging die Gruppe dagegen vor.

Auch gegen die Ausladung vom „Glücksgefühle-Festival“ wehrte sich Gold: „Dass eine derartige Einschränkung der Meinungs-, Rede- und Kunstfreiheit nun auf einem der größten Popfestivals Deutschlands angekommen zu sein scheint, empfinden wir als absolut untragbar und erschütternd.“ Das Festival wiederum erklärte, man wolle „den Menschen ein Wochenende ermöglichen, an dem sie den Alltag hinter sich lassen, abschalten und eine gute Zeit haben können.“ Politische Äußerungen scheinen im Auge der Veranstalter nur die glückliche Stimmung zu trüben.

Nach einem gewissen medialen Aufruhr ruderte das Festival schließlich zurück und lud Alphaville wieder ein. Die lehnten nun allerdings ab. Die Veranstalter hätten „eine Atmosphäre geschaffen“, in der die Band nicht mehr auftreten wolle.

Was wirklich unglücklich gewesen wäre

Vielleicht hätte es Trump, der FPÖ und letztlich auch den Festival-Organisator*innen gutgetan, einen genaueren Blick in das Werk von Alphaville zu werfen. Denn: Nur auf den ersten Blick ist Forever Young eine unpolitische Ode an das Jungsein. „Wirst du die Bombe werfen oder nicht? Lass uns jung sterben oder für immer leben“, heißt es in dem Song. Gold und seine Band antizipierten, wie viele Künstler*innen in den 1980er-Jahren, nichts Geringeres als den Atomkrieg – und beschlossen, der eigenen Machtlosigkeit mit einem zweifelnden, traurigen Hedonismus auszuweichen. Zustände, die heute wieder resonieren.

So gesehen ist es vielleicht nur folgerichtig, dass ein derartiger Song nicht als Teil einer großen, unpolitischen Happiness-Performance neben Volksrock und Mallorca-Schlager aufgeführt wird. Das wäre auch sehr unglücklich gewesen.