"Google, go home": Proteste gegen Rechenzentrum bei Linz

Kronstorf

"Google, go home": Proteste gegen Rechenzentrum bei Linz

Mehr als 200 Menschen demonstrierten am Freitag gegen das Rechenzentrum in Kronstorf. Sie fürchten Wasser- und Energiemangel – Google und Lokalpolitik beschwichtigen

Reportage

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Philip Pramer

aus Kronstorf

Menge geht auf einer Straße demonstrieren.
Kritikerinnen und Kritiker stoßen sich vor allem am geplanten Wasser- und Energieverbrauch des Google-Rechenzentrums.

Fast nichts deutet auf der Baustelle im oberösterreichischen Kronstorf darauf hin, dass hier einer der größten Konzerne der Welt eine KI-Fabrik errichtet. Denn offiziell baut hier eine Firma mit dem gesichtslosen Namen Volo Zwei GmbH. Nur die Sicherheitstafeln an den Bauzäunen sind unverkennbar an die Farben des Mutterkonzers angelehnt: Rot, Gelb, Grün, Blau – die Farben des Google-Logos.

Kein Googlehupf

Auf der Straße davor ist der Name hingegen umso lauter zu hören. "Google, go home!", skandieren die rund 200 Menschen, die sich am Freitagnachmittag zur Demonstration vor der Großbaustelle versammelt haben. Sie strecken Kartonschilder mit "Googlehupf? Nein, danke" und "Not ok, Google" dem Nieselregen entgegen.

Die Polizei, die den Protestzug begleitet, ermahnt mehrmals, einen Fahrstreifen freizuhalten. "Ein paar FPÖ-Hanseln können in Wien den ganzen Ring blockieren, und hier können sie nicht einmal die Straße für eine Stunde sperren!", schnaubt eine Demonstrantin aufgebracht, während das nächste Baufahrzeug zur Google-Baustelle rollt.

Luftaufnahme einer Demonstration gegen ein im Bau befindliches Google Rechenzentrum. Stallbach, Kronstorf, Oberösterreich, Österreich. 2026-07-17.
Seit April baut Google am ersten Rechenzentrum im oberösterreichischen Kronstorf – und hat bereits um eine Erweiterung angesucht.

500 Megawattstunden Strom

Die Dimensionen des Projekts sind beachtlich. Schon in der aktuellen Ausbaustufe soll der Energiebedarf bei maximal 150 Megawatt liegen. Umgerechnet auf ein Jahr wären das rund 1,3 Terawattstunden – fast ein Zehntel dessen, was ganz Oberösterreich verbraucht. Inzwischen hat Google um eine Erweiterung angesucht. Insgesamt könnte die Anlage zweieinhalbmal größer werden als ursprünglich geplant und bis zu 500 Megawatt Strom fressen. Das Rechenzentrum in der oberösterreichischen Gemeinde würde dann, gemessen an heutigen Maßstäben, zu den größten in ganz Europa zählen.

Den Kritikerinnen und Kritikern bereitet nicht nur der Strom- sondern auch der Wasserverbrauch der Anlage Sorge. Laut dem wasserrechtlichen Bescheid darf Google pro Sekunde bis zu 202 Liter sogenanntes Uferfiltrat absaugen – also Wasser, das aus der Enns durch den Boden sickert und über Brunnen am Ufer gefördert wird. 99 Liter dürfen mit einer Maximaltemperatur von 30 Grad zurück in den Fluss geschleust werden. Ein Teil des Wassers verdampft in den Kühltürmen des Rechenzentrums.

Demonstrationsteilnehmende mit selbstgemalten Schildern. Eindrücke einer Demonstration gegen ein im Bau befindliches Google Rechenzentrum. Stallbach, Kronstorf, Oberösterreich, Österreich. 2026-07-17.
Bei der Demo mischt sich Kritik am Wasser- und Energieverbrauch mit grundsätzlichem Unbehagen gegenüber KI.

Pools nein, Google ja

"Heute hat die erste Gemeinde in der Steiermark beschlossen, dass nachts kein Wasser mehr fließt, private Pools dürfen nicht mehr befüllt werden", sagt Petra Wallentin, die aus Garsten bei Steyr angereist ist. "Und wir verschleudern hier Milliarden Liter an Google", ärgert sie sich. Viele Demonstrantinnen und Demonstranten fürchten Langzeitfolgen für das Gewässerökosystem der Enns, sollte über Jahre hinweg erwärmtes Wasser eingeleitet werden.

Google weist diese Sorge zurück. Auf STANDARD-Anfrage schreibt das Unternehmen, dass die Wassermenge und Temperatur im normalen Betrieb "deutlich unterschritten" würden. Die Auswirkungen auf die Enns seien gering, das würden amtliche Gutachten bestätigen. Schon beim nahen Wasserkraftwerk Mühlrading werde der Temperaturunterschied nicht mehr messbar sein. Zusätzlich will Google einen Fonds für die Enns unterstützen.

Besser als sie ungenutzt in die Enns abzuleiten, wäre die Abwärme des Rechenzentrums dennoch anderswo aufgehoben, etwa in einem Fernwärmenetz. Fast der gesamte Strombedarf der Server fällt am Ende als Wärme an. Auf STANDARD-Anfrage schreibt Google, man suche noch nach einem Abnehmer, die Wärme könne kostenlos übernommen werden. Ein konkretes Konzept gibt es bislang aber nicht.

Lachender Mann mit Megafon, im Hintergrund ein Betonmischer
Aufhalten lässt sich der Bau des Rechenzentrums wohl nicht mehr, die Betonmischer rollen längst.

Transparenz statt Stopp

Dass man das Projekt noch stoppen kann, glaubt auf der Demonstration kaum jemand. Der Beton fließt, Rohre sind verlegt, die Serverhalle steht bereits halb. Was bleibt, ist die Forderung nach Kontrolle. "Vollständige Dateneinsicht" fordert Harald Müllner von der Bürgerinitiative Rechenzentrum Kronstorf bei seiner Rede – und dazu ein unabhängiges Gutachten. Auch eine Umweltverträglichkeitsprüfung für das gesamte, nun deutlich größere Projekt steht auf seiner Liste. Die ist nämlich derzeit in Österreich für Rechenzentren nicht grundsätzlich vorgeschrieben.

Im Café Ingrid im Ortskern von Kronstorf sieht man das Ganze deutlich gelassener. An einem der Tische sitzen zwei Männer, die den Protest vor allem für verspätet halten. "16 Jahre lang wurde diskutiert, und jetzt fangen sie an zu demonstrieren?", sagt einer von ihnen kopfschüttelnd. Von einer breiten Ablehnung im Ort will er nichts wissen: "Ich kenne persönlich niemanden, der was dagegen hat." Von den Protestierenden kenne er vielleicht ein, zwei Gesichter, stimmt ihm der andere zu. Der große Rest komme von auswärts und habe mit Kronstorf gar nichts am Hut.

Ausbau "muss sein"

Ein paar Tische weiter sitzt Hannes Ömer, ÖVP-Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat. Letzterer hat alle Genehmigungen für Google in schwarz-rot-blau-grüner Einstimmigkeit beschlossen. Den Vorwurf, es fehle an Transparenz, lässt Ömer nicht gelten. Er fischt einen Zettel aus der dicken Mappe vor ihm: Fotos vom Google-Infostand auf dem Kronstorfer Genussmarkt, wo Vertreter des Unternehmens bereits zweimal persönlich Rede und Antwort gestanden sind. "Man kann Google sogar anrufen", sagt er und deutet auf eine Telefonnummer und E-Mail-Adresse auf der Zeitungsseite aus dem Gemeindeblatt. Google habe diese eigens für die Kronstorferinnen und Kronstorfer eingerichtet.

Hannes Ömer tippt mit einem Finger auf einen weißen Zettel
Gemeinderat Hannes Ömer (ÖVP) sieht kein Transparenzproblem bei der Genehmigung.

Dann holt er sein Smartphone, klappt die Lederhülle zurück und tippt dreimal energisch auf das Display. "Hast du eine E-Mail-Adresse, brauchst du ein Datencenter. Hast du Google Maps, brauchst du ein Datencenter", sagt er. Wenn man das alles nutze, seien Rechenzentren eben die Konsequenz daraus – "weil es sein muss".

Moratorium gefordert

Den Einwand, dass doch jeder KI nutze und der Ausbau unausweichlich sei, hört auch Thomas Fink von der Bürgerinitiative immer wieder, sagt er vor der Versammlung vor der Baustelle ins Mikrofon. Er ist überzeugt davon, dass ein Großteil der Rechenleistung "für ganz andere Zwecke benutzt werden wird, nämlich militärische und Überwachungszwecke".

Ein Vergleich, der an diesem Nachmittag mehrfach gezogen wird: New York hat vor wenigen Tagen ein Moratorium für neue Rechenzentren verhängt. Genau das fordert die Initiative auch für Österreich: Keine neuen Projekte, bis alle Fakten am Tisch liegen. An der Baustelle in Kronstorf wird das nichts mehr ändern. Zumindest nicht an der ersten Ausbaustufe, die ist fertig genehmigt. Den Kritikerinnen und Kritikern geht es um das nächste Projekt, das übernächste – den Aufbau einer Bewegung über Gemeinden- und Bundesländergrenzen hinaus. Wie in den USA, wo sich immer mehr Widerstand gegen riesige KI-Rechenzentren formiert.

Denn Kronstorf dürfte nicht das letzte Projekt dieser Art bleiben: Beim Übertragungsnetzbetreiber Austrian Power Grid (APG) liegen österreichweit bereits Anfragen für Rechenzentren mit einem Bedarf von rund 2500 Megawatt vor. (Philip Pramer, 17.7.2026)

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