Gotteslästerung kostete Grafinger Wirt 1711 den Kopf

Stand: 19.09.2026, 13:05 Uhr

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Mit dem Schwert enthauptet wurde der Grafinger Bierschenk Paulus Hueber im Jahr 1711 in Markt Schwaben. Bildlich überliefert ist die Hinrichtung nicht – die beispielhaft gezeigte Hinrichtungszene „Mancherlei Lebensstrafe“ stammt aus dem Jahr 1774 vom Berliner Künstler Daniel Chodowiecki.

Mit dem Schwert enthauptet wurde der Grafinger Bierschenk Paulus Hueber im Jahr 1711 in Markt Schwaben. Bildlich überliefert ist die Hinrichtung nicht – die beispielhaft gezeigte Hinrichtungszene „Mancherlei Lebensstrafe“ stammt aus dem Jahr 1774 vom Berliner Künstler Daniel Chodowiecki. © Gemeinfrei

Paulus Huber nannte die Muttergottes eine „falsche Hur" und zerschlug sein Kruzifix – dafür wurde er enthauptet. Die genauen Kosten der Hinrichtung sind bis heute belegt.

Grafing – Als Gotteslästerung in Bayern noch ein Kapitalverbrechen war, redete sich der Grafinger Gastwirt Paulus Huber um Kopf und Kragen. Das ist wörtlich zu verstehen: Seine Beschimpfungen gegen den Herrgott, die Muttergottes Maria und Jesus Christus brachten ihn in die Eisenfronfeste nach Markt Schwaben, wo ihm das damals für die Region zuständige Landgericht den Prozess machte. Das Todesurteil vollstreckte der Scharfrichter. Er enthauptete den damals 36-Jährigen mit dem Henkersschwert.

Die Kosten der Hinrichtung betrugen 69 Gulden, 47 Kreuzer und 6 Heller

Rekonstruiert hat jene „beschechene Hinrichtung Paulussen Huebers, gewesten Burger und Pierschnkhs allhier zu Gräfing“, der örtliche Geschichtsforscher Georg Weilnböck in einem Aufsatz für die Jahrbücher des Historischen Vereins im Landkreis Ebersberg. „Eigentlich ist es eine tragische Geschichte“, sagt der Historiker und ehemalige Grafinger Museumsleiter (74). „Er ist an seiner wirtschaftlichen Lage verzweifelt.“ Übrig geblieben ist vom Schicksal des glückslosen Bierschenks übrigens nicht einmal das Urteil, sehr wohl aber eine 16-seitige Rechnungslegung der Kosten für Gericht und Hinrichtung, aus der sich der Fall zusammenpuzzlen ließ.

Huber hatte demnach 1709 in den „Blasiwirt“ von Grafing eingeheiratet, als dieser längst in finanziellen Schwierigkeiten steckte: Unter Georg Reiter, dem 1708 mit 44 Jahren gestorbenen ersten Ehemann der Wirtsgattin Elisabeth Reiter, war das Familienvermögen einem Niedergang ausgesetzt. Zwar amtierte er als Bürgermeister, doch zerrannen Reiter Immobilien und Vermögen zwischen den Fingern, bis der Familie nur das Gasthaus an der heutigen Ecke Marktplatz/Münchener Straße blieb. Paulus Huber, nachgeborener Wirtssohn aus Pang bei Rosenheim, trat mit der Heirat nur ein Jahr später in die Verantwortung für die Witwe und die vier Kinder ein, wie es damals üblich war.

Serie

Die Ebersberger Zeitung hat Mordfälle im Landkreis Ebersberg aus 400 Jahren recherchiert. In einer losen Artikelserie berichteten wir über einige spektakuläre Verbrechen. Folge 16.

Doch hatte er kein glücklicheres Händchen als sein Vorgänger, weiß Historiker Weilnböck zu berichten. „Die aufwendige Hochzeit könnte ein Indiz dafür sein, dass fehlender Sparsinn und eine Neigung, den Mitmenschen zu zeigen, was man sich leisten kann, auch in der neuen Ehe stark ausgeprägt waren.“ So flossen beim „Stuhlfest“ 653 Liter Bier, bezeugt die stattliche Getränkerechnung. Schon ein halbes Jahr später wurden erste Zahlungsausfälle im Grafinger Rathaus aktenkundig; dazu kamen die Altschulden. Bis schließlich einem Gläubiger im Auftrag des Kurfürsten der Geduldsfaden riss, worauf die Sache gerichtsmassig wurde. „Ein im Verhältnis kleiner Betrag von zwei Gulden und 58 Kreuzern Steuerschulden führte letztendlich in die Katastrophe“, schreibt Weilböck.

Unter Bedrängnis seiner Gläubiger musste der Bierschenk vorübergehend in Arrest – zum finanziellen Drama kam also noch ein Ehrverlust hinzu. „Hubers seelische Stabilität war zerrüttet, seine Geduld am Ende“, diagnostiziert der Grafinger Chroniker. So ließ der Wirt sich dazu hinreißen „nach wildem Sacramentieren und Schmächung ober seine befreundete und Obrikheit, daß in seinem Haus ober dem Tisch gehangene Crucifix herab zu nehmen und zu maliten (...)“. Nicht nur verfluchte er also Freund und weltliche Obrigkeit, sondern zerschlug unter wilden Flüchen gegen den Herrgott sein Kruzifix auf dem Tisch, sodass es zerbrach. Über die kommenden Tage folgten weitere Ausraster, bei denen der verzweifelnde Wirt sich vor Zeugen über die malträtierte Jesusfigur lustig gemacht, den Herrgott einen „Knödelfresser“ und die Muttergottes eine „falsche Hur“ genannt habe, der er „das Pier samt dem Kruag in das Gesicht werffen“ wolle.

Was heute als psychischer Ausnahmezustand in ärztliche Behandlung und eine Schuldenberatung mündet, brachte den unglückseligen Paulus Huber am 27. November 1710 schließlich in die Fronfeste, das Kriminalgefängnis des Landgerichts Markt Schwaben. Weilböck: „Den Verantwortlichen war klar, dass die Kompetenz der niederen Gerichtsbarkeit in diesem Fall weit überschritten war.“ Nach mehr als 100 Tagen in Ketten, während das Gericht Zeugen vernahm, Rücksprache mit den kurfürstlichen Hofräten in München hielt und an einem Urteil feilte, brach mit dem 16. März 1711 der letzte Tag im Leben des Paulus Huber an. Wer sich so gegen Gott verging, stellte indirekt auch die Macht der absolutistischen Monarchen „von Gottes Gnaden“ infrage. Weder Trunkenheit noch Verzweiflung, noch geistige Verwirrung, ja nicht einmal die Schwangerschaft im neunten Monat seiner Ehefrau retteten ihn vor dem Richtschwert.

Für 32 Kreuzer brachte der Bader den Todgeweihten in einen vorzeigbaren Zustand. Fünf Mass Bier und Semmeln im Wert von sechs Kreuzern fielen für die Henkersmahlzeit an. Der Amtmann von Anzing bekam 34 Kreuzer und 2 Heller dafür, dass er den Hinrichtungskandidaten der Öffentlichkeit vorführte, bevor der Bannrichter den symbolischen Gerichtsstab über Paulus Huber brach (8 Kreuzer, 4 Heller). 14 Gulden und 55 Kreuzer bekamen die zwei Priester für die geistliche Begleitung, Unterkunft und Verpflegung, darunter zehn Mass Wein binnen dreier Tage. Zwölf Gulden erhielt der Scharfrichter. Die Schlussrechnung, für alle Amtshandlungen, Botengänge, betrug 69 Gulden, 47 Kreuzer und 6 Heller.

Die Familie blieb verrufen, verschuldet und gesellschaftlich verstoßen zurück, musste schließlich Haus und Hof verkaufen. Wer die Rechnung für die Hinrichtung schließlich bezahlte, ist unklar. Über den letzten Ruheort des Paulus Huber schweigen sich die Chroniken ebenfalls aus. Wenige Jahrzehnte später wurde die Todesstrafe für Gotteslästerung in Bayern abgeschafft. Zu spät für den Grafinger Bierschenk, dem anderthalb Massl Wein zur Betäubung eingeflößt wurden, bevor ihm bei verbundenen Augen und gefesselten Händen das Schwert des Henkers in den Nacken fuhr.