(+) Wie ein Reporter Hamburgs vergessenes NS-Verbrechen aufdeckte
Hamburg
Grauenhafte Morde in der Schule: Er gab den Kindern ihre Namen zurück
20 jüdische Kinder wurden 1945 am Bullenhuser Damm ermordet. Jahrzehnte später machte „Stern“-Reporter Günther Schwarberg ihr Schicksal bekannt – und kämpfte dafür, dass Hamburg sie nicht vergisst.
Es ist der 20. April 1977. An diesem Tag steigt der „Stern“-Reporter Günther Schwarberg erstmals in den Keller der Schule am Bullenhuser Damm in Rothenburgsort. Dort haben sich einige wenige ehemalige KZ-Häftlinge und Widerstandskämpfer versammelt, um an ein Verbrechen zu erinnern, das in der Hamburger Öffentlichkeit zu jener Zeit fast vergessen ist: die Ermordung von 20 jüdischen Jungen und Mädchen.
Schwarbergs Frau, die Rechtsanwältin Barbara Hüsing, begleitet ihren Mann. Als sie den Ort sieht, an dem die Jungen und Mädchen ermordet wurden, läuft sie die Treppe hinauf und bricht in Tränen aus. Die Widerstandskämpferin Ille Wendt nimmt sie in den Arm. „Weinen alleine nützt nichts“, sagt sie.
Kinder vom Bullenhuser Damm: Medizinische Versuche im KZ Neuengamme
Für Schwarberg und seine Frau steht fest: Aus dem Schicksal der Kinder muss „eine ganz große Geschichte“ werden. Der Journalist will herausfinden, wer sie waren – und ob irgendwo noch Eltern oder Geschwister leben. Später schreibt er: „Wozu bist du Journalist, wenn du diese Geschichte nicht aufschreibst, so genau wie möglich?“
Schwarberg beginnt zu recherchieren, wühlt in Archiven, spricht mit Überlebenden. Die 20 Kinder waren im KZ Neuengamme für medizinische Versuche missbraucht worden. SS-Arzt Kurt Heißmeyer hatte sie mit Tuberkulose-Erregern infiziert und ihnen die Lymphdrüsen entfernen lassen.
Im Archiv der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes in Frankfurt stößt Schwarberg auf Fotos der Mädchen und Jungen. Weitere Aufnahmen, die ein SS-Fotograf während der Experimente gemacht hatte, kommen später hinzu. Außerdem erhält er den Bericht des dänischen Häftlingsarztes Henry Meyer, der die Namen der Kinder heimlich notiert hatte. Welcher Name zu welchem Gesicht gehört, weiß Schwarberg aber nicht. Noch nicht.
Günther Schwarberg: Wie er die Familien der ermordeten Kinder fand
Der Reporter lässt Suchplakate mit Fotos und Namen in mehreren Sprachen drucken und verschickt sie nach Polen, Frankreich, Italien, in die Niederlande, die Slowakei und nach Israel. Eines landet bei der Untersuchungsstelle für NS-Gewaltverbrechen in Tel Aviv. Dort öffnet Ella Kozlowski den Umschlag – und erkennt auf einem Foto ihre sechsjährige Cousine Riwka Herszberg.
Von da an führen immer neue Spuren zu Angehörigen. Ein Rechercheur durchsucht in Schwarbergs Auftrag Pariser Telefonbücher nach Familiennamen. Nach und nach gelingt es, Namen, Gesichter und Familiengeschichten zusammenzufügen. In Paris zeigt Schwarberg Rose Grumelin-Witonska die Fotografien. Zunächst erkennt sie ihren Sohn Roman. Dann sieht sie ein weiteres Bild. „Da ist ja auch meine Tochter“, sagt sie.
1979 veröffentlicht der „Stern“ Schwarbergs Artikelserie über den SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm. Damit rückt ein Verbrechen ins öffentliche Bewusstsein, an das nach dem Krieg lange kaum erinnert worden war. Man muss es sich vorstellen: Seit 1948 gehen am Bullenhuser Damm wieder Kinder zur Schule, lernen dort Mathe und Englisch – während die Geschichte der ermordeten Jungen und Mädchen lange kaum eine Rolle spielt.
Günther Schwarberg recherchierte zu NS-Verbrechen und Josef Mengele
Dass Schwarberg nicht lockerlässt und unbedingt das Schicksal der ermordeten Kinder ergründen will, hat mit seiner eigenen Biografie zu tun. Er wird 1926 in Bremen geboren. Sein Vater ist Lehrer und NS-Gegner. Schwarberg muss noch als Jugendlicher Soldat werden. Den 8. Mai 1945 bezeichnet er später als den glücklichsten Tag seines Lebens.
Noch im selben Jahr beginnt er, als Journalist zu arbeiten. Mehr als zwei Jahrzehnte schreibt er für den „Stern“. Die NS-Verbrechen werden zu einem seiner großen Themen. 1961 verfolgt Schwarberg in der Schweiz eine Spur des gesuchten Auschwitz-Arztes Josef Mengele und schaltet die Polizei ein. Ob der Mann, den Schwarberg dort beobachtet, tatsächlich Mengele war, bleibt allerdings ungeklärt.
Arnold Strippel: Warum der SS-Täter nie verurteilt wurde
Je tiefer Schwarberg in den Fall der Kinder vom Bullenhuser Damm eindringt, desto mehr beschäftigt ihn auch der Umgang der Nachkriegsjustiz mit den Tätern – etwa im Fall Arnold Strippel. Der frühere SS-Obersturmführer Arnold Strippel, als Stützpunktleiter Vorgesetzter der an den Morden beteiligten SS-Männer, wurde nie verurteilt. In der Begründung der Staatsanwaltschaft heißt es, den Kindern sei „über die Wegnahme ihres Lebens hinaus kein weiteres Übel zugefügt worden“.
Schwarbergs Frau Barbara Hüsing vertritt die Angehörigen als Anwältin und erreicht, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden. Das Verfahren zieht sich über Jahre hin. 1986 organisieren Schwarberg und Hüsing ein internationales Tribunal über das Versagen der bundesdeutschen Justiz bei der Verfolgung von NS-Verbrechen. 1987 wird das Verfahren gegen Strippel wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt. Zu einem Prozess kommt es nicht.
Bereits 1979 gründen Schwarberg und Hüsing gemeinsam mit Angehörigen der ermordeten Kinder und weiteren Unterstützern die Vereinigung „Kinder vom Bullenhuser Damm“. Ziel ist es, den Tatort zu bewahren und die Erinnerung an die Ermordeten wachzuhalten. Auch um die dauerhafte Nutzung der Kellerräume als Gedenkort muss die Vereinigung kämpfen.
Schließlich setzt sie sich durch: Im Keller entsteht eine Gedenkstätte. Hinter der Schule wird ein Rosengarten angelegt. Fast 20 Jahre lang betreibt der Verein die Gedenkstätte selbst, bevor sie 1999 Teil der KZ-Gedenkstätte Neuengamme wird.
Schwarberg und Hüsing halten Vorträge, besuchen Schulen und bleiben mit den Angehörigen in Kontakt. Aus vielen Begegnungen werden Freundschaften. Eines seiner Bücher nennt Schwarberg „Meine zwanzig Kinder“. Aus einer journalistischen Recherche ist längst eine Lebensaufgabe geworden.
Günther Schwarberg stirbt am 3. Dezember 2008 in Hamburg. Am 14. Oktober 2026 wäre er 100 Jahre alt geworden. Ohne seine Recherchen, seine Kontakte zu den Angehörigen und sein hartnäckiges Drängen gegenüber Öffentlichkeit und Behörden gäbe es die Gedenkstätte am Bullenhuser Damm in dieser Form nicht.
Bullenhuser Damm: Die Ermordung von 20 jüdischen Kindern 1945
Vor allem aber hat Schwarberg dafür gesorgt, dass bekannt wurde, was in jener Nacht geschah: Die Alliierten, die schon vor den Toren der Stadt stehen, sollen möglichst nichts von den medizinischen Versuchen erfahren. Die Mädchen und Jungen sind der lebende Beweis und werden am Abend des 20. April 1945 zum Bullenhuser Damm gebracht. SS-Arzt Alfred Trzebinski betäubt sie mit Morphium. Anschließend legt SS-Unterscharführer Johann Frahm ihnen Schlingen um den Hals und hängt sie auf „wie Bilder an die Wand“, so formuliert er es später im Verhör.
Doch die Kinder sind nicht die einzigen Opfer dieser Nacht. Auch vier Häftlingsärzte und -pfleger, die die Kinder betreut hatten, sowie mindestens 24 sowjetische Häftlinge werden in der Schule am Bullenhuser Damm ermordet.
Die Leichen werden anschließend im Krematorium des KZ Neuengamme verbrannt. Von diesen Menschen soll nichts bleiben. So, als hätte es sie nie gegeben.
Es ist Günther Schwarbergs Verdienst, dass die Rechnung der SS nicht aufging.
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