Größe und Abgründigkeit: Gedenkveranstaltung zum 150. Geburtstag der Bayreuther Festspiele

Stand: 26.07.2026, 13:07 Uhr

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Michel Friedman und Katharina Wagner

„Meine Freundin“ nannte er sie in seiner Gedenkrede: Michel Friedman und Katharina Wagner. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele spielt die Musik eine Nebenrolle: Nike Wagner und Michel Friedman halten große Reden. Dazu gibt es Beethovens Neunte und ungewollte Komik.

Alles sind sie vereint. Links der lächelnde Adolf Hitler im Plausch mit Winifred Wagner, darunter Wilhelm Furtwängler und Arturo Toscanini, rechts Katharina Wagner, in der Mitte der Kini und „sein“ Komponist, Waltraud Meier liegt darunter. Eine feine Gesellschaft, 18 Personen. Zwei Stunden lang schaut man aufs Riesenbild im Bühnenhintergrund, dazwischen ins Programmheft, dort gibt es die Namensauflösung. Street-Art-Künstler Adam Heat hat alles geschaffen. Ist es Parodie? Gar ernst gemeint? Die Fragen wird man nicht los, ebenso während einer Festrede, es ist die von Ministerpräsident Markus Söder (CSU).

Wenn schon 150 Jahre Bayreuther Festspiele gefeiert werden, dann mit einem doppelten Festakt. Um den einen, die Gedenkstunde „Verstummte Stimmen“, gab es bekanntlich Zoff, vor allem viel falsche Berichterstattung um eine angebliche Absage und vermeintlichen Antisemitismus. Und nun ist Michel Friedman tatsächlich da, schon am Vorabend seiner Rede, bei der Festivaleröffnung. Da spricht er kein Wort, ist aber der Elefant im Raum. Alle betonen, wie schön es doch sei, dass man wieder zusammengefunden habe, dass vieles schiefgelaufen sei, dass Bayreuth für die Irritationen Verantwortung trage. Es ist eine Dauer-Rechtfertigung, die Festspiele, die unter Katharina Wagner so viel für die Aufarbeitung der braunen Historie getan haben, machen sich damit klein.

Beethovens Neunte unter Christian Thielemann

Die Chefin erntet aber auch die erste Trampel-Ovation. Das Festspielhaus sei „genau der richtige Ort, Nein zu sagen“ angesichts des wiedererstarkten Faschismus, wobei sie die blaue Partei keines Wortes würdigt. Friedrich Merz (CDU) kann sich bei seinem starken Redenschreiber bedanken. Hoch steigt er ein bei Thomas Mann und verlässt das Niveau nicht. Bayreuth stehe „beispielhaft für Größe und Abgründigkeit“ der deutschen Geschichte.

Ebenso das Musikstück des Abends übrigens, Beethovens Neunte, die nicht nur Adolf Hitler gern am Vorabend seines Geburtstages aufführen ließ – sie gilt als Festwerk der Deutschen schlechthin. Christian Thielemann dirigiert sie im passend großen Aufriss, mit (wie immer bei ihm) lustvoll ausgestellten Details. Ansonsten fliegen auch Späne. Es klingt wie eine Generalprobe, Chor und Festspielorchester, man hört es, haben in diesen Tagen viel zu tun.

Nike Wagner

Beim Festakt sprach Nike Wagner, Urenkelin des Komponisten. © Enrico Nawrath

Vor der Neunten glückt Nike Wagner die Quadratur des Kreises. Gute 20 Minuten historischer Abriss, Familiengeschichte und eigene Kindheitserlebnisse. Die Urenkelin Richard Wagners, Tochter Wieland Wagners und Cousine Katharina Wagners, zeichnet die „Geschichte des merkwürdigsten, absonderlichsten Festivals der Welt“ nach, wertet und ordnet ein, durchaus ironisch – um dann ernst zu werden: Wagner, und da betont sie dessen antisemitische Ideologie, könne sehr wohl etwas dafür, dass seine Werke später von den Braunen missbraucht wurden.

Bayreuth sei außerdem „ein Familientheater“. Nike Wagner plädiert für eine Fortsetzung des dynastischen Prinzips, kann sich gleichzeitig eine Staatstheaterlösung vorstellen. Um gleichzeitig ein Gedankenexperiment zu wagen: Ohne Festspielhaus wäre die Sache „weniger ideologieanfällig“ gewesen, für die Wagners „hätte sich alles besser gestaltet“. Bewegend dann die Umarmung mit Katharina Wagner, beide waren einst heftige Konkurrentinnen um die Festspielleitung.

Eine weitere, etwas angedeutete Bühnen-Umarmung gibt es rund 19 Stunden später, es ist die zwischen Katharina Wagner und Michel Friedman. „Ausdrücklich“ möchte er sagen, dass die Festspielleiterin die „Erinnerungskultur von Bayreuth verändert hat“. In seiner langen Gedenkrede befasst sich Friedman nicht nur mit der Bayreuther Geschichte. Von der Familie Wagner („Sie hat Hitler umarmt und ist mitverantwortlich dafür, dass dieser Ort zur musikalischen Propaganda des NS-Regimes wurde.“) reicht sein Themenspektrum bis zur bevorstehenden Wahl in Sachsen-Anhalt. Friedman spricht weitgehend frei. Es ist ihm bald anzumerken, dass er die Gunst der Stunde und des Ortes zum großen Rundumschlag nützen will: „Heute habe ich das letzte Wort, und der Antisemit Richard Wagner muss zuhören.“

Friedman warnt vor AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt

Friedman geißelt das Schweigen in Bayreuth, das symptomatisch sei für die Nachkriegsentwicklung. Auch jetzt habe er das Gefühl, dass an diesem Ort „irgendetwas nicht in Ordnung“ sei. Und dennoch: „Man kann Richard Wagner hören ohne schlechtes Gewissen, aber eben mit Wissen.“ Liebevoll werde noch immer vom „Grünen Hügel“ gesprochen mit einer Haltung, „dass man die braune Erde darunter nicht sieht“. Er sei aber sicher: „An diesem Wochenende beginnt es.“ Friedman meint damit die historische Aufarbeitungsarbeit in Bayreuth, erwähnte aber zugleich, dass seit dem Amtsantritt von Katharina Wagner schon viel getan werde.

„Nicht die, die sich an etwas erinnern sind das Problem, sondern die, die sich nicht erinnern wollen“, sagt Friedman und schlägt einen Bogen zum drohenden AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt. Er habe den Eindruck, es gebe „gelangweilte Demokraten“ in Deutschland. Menschen, die nicht dafür eintreten, dass sie mit dem Grundgesetz „das bessere Produkt“ besäßen. Er habe daher einen Rat an alle Nörgler: „Sie müssen demokratisch wählen, damit Sie morgen noch entspannt nörgeln können.“ Als seine Rede immer wieder von heftigem Applaus unterbrochen wird, empfiehlt Friedman, nicht nur zu klatschen – sondern wie er in den nächsten Wochen nach Sachsen-Anhalt zu gehen, um dort für die Demokratie zu kämpfen.