Gültiges Ticket, kein Platz im Zug: Deutsche Bahn klärt über besondere Regelung für 2. Klasse auf

Stand: 01.08.2026, 13:51 Uhr

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Hunderte Fahrgäste blieben 2025 allein in einem Bundesland wegen Überfüllung am Bahnsteig stehen. Pro Bahn verlangt von den Verantwortlichen der Bahn mehr Verantwortung für Betroffene.

Schwerin – An heißen Wochenenden füllen sich viele Regionalzüge binnen Minuten bis auf den letzten Quadratmeter. Zugbegleiter bitten Wartende auf dem Bahnsteig, noch einmal zurückzutreten, weil kein Platz mehr bleibt, oder fordern bereits eingestiegene Reisende zum Aussteigen auf. Auf einzelnen Verbindungen, die zu Küsten, Seen oder anderen Ausflugszielen führen, gehört dieser Anblick in der Ferienzeit inzwischen fast zum festen Programm.

Fahrgäste der Deutschen Bahn

Bahn-Reisende werden wegen Überfüllungen immer häufiger zurückgelassen. © Peter Kneffel/picture alliance/dpa

Eine parlamentarische Anfrage der CDU-Landtagsabgeordneten Sabine Enseleit an das Wirtschaftsministerium von Mecklenburg-Vorpommern hat interne Angaben mehrerer Bahnunternehmen öffentlich gemacht. Die Daten zeigen, wie oft Fahrgäste tatsächlich zurückbleiben mussten und auf welchen Strecken sich die Vorfälle häufen. Der Fahrgastverband Pro Bahn übt Kritik an der Deutschen Bahn – die reagiert auf Anfrage des Münchner Merkur von Ippen.Media prompt.

Zahlen aus Mecklenburg-Vorpommern belegen: Überfüllte Züge sind ein strukturelles Problem

Allein die Deutsche Bahn, die in Mecklenburg-Vorpommern rund zwei Drittel des Regionalverkehrs abwickelt, registrierte 2025 insgesamt 432 Fälle, in denen Fahrgäste an Bahnsteigen zurückbleiben mussten oder Züge extrem überfüllt waren. Beim privaten Anbieter Odeg kamen 26 Fahrten hinzu, bei denen vor allem Radreisende keinen Platz mehr fanden. Die Beschwerdezahl bei Odeg verdreifachte sich nahezu, von 22 auf 67 Fälle im Jahresvergleich.

Am stärksten betroffen sind laut Ministerium die touristisch geprägten Linien: RE1 zwischen Rostock und Hamburg, RE3/30 zwischen Stralsund, Angermünde und Berlin, RE5/50/51 zwischen Stralsund über Neustrelitz nach Berlin, RE8 zwischen Wismar und Berlin sowie RE9 zwischen Rostock und Sassnitz/Binz. Als Reaktion hat das Land das Zugangebot um mehr als 1,6 Millionen Zugkilometer aufgestockt und auf der Verbindung Stralsund–Angermünde–Berlin einen Stundentakt eingeführt, der die dortige Kapazität annähernd verdoppelt. Die Deutsche Bahn, die zuletzt Gewinne verbuchen konnte, rät Reisenden, vor Fahrtantritt die Auslastungsanzeige im Buchungssystem zu prüfen und nach Möglichkeit auf schwächer frequentierte Verbindungen auszuweichen.

Deutschlandticket treibt Nachfrage – der Ausbau kommt beim Angebot nicht hinterher

Sowohl das Landesministerium als auch die Deutsche Bahn führen die Entwicklung maßgeblich auf das Deutschlandticket zurück: Seit dessen Einführung 2023 sei die Fahrgastzahl im Regionalverkehr um bis zu 40 Prozent gestiegen, teilt ein Bahnsprecher dem Münchner Merkur mit. Ingo Wortmann, Präsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), bewertet die Bilanz zwiespältig: Steigende Fahrgastzahlen seien zwar eine gute Nachricht, doch es wäre „mehr Wachstum möglich, wenn wir nicht durch den schlechter werdenden Zustand unserer Infrastrukturen, den Problemen bei der Beschaffung und Zulassung von Fahrzeugen sowie zu viel Bürokratie bei der Rekrutierung von neuem Personal an Qualität und Zuverlässigkeit verlieren würden“.

Zusätzlichen finanziellen Druck bringt laut schiene.de eine Erhöhung der sogenannten Trassenpreise: Nachdem die Bundesnetzagentur infolge eines EuGH-Urteils neue Gebühren für die Nutzung des Schienennetzes genehmigt hat, muss der Regionalverkehr 2026 rund 400 Millionen Euro mehr an den Netzbetreiber DB InfraGO zahlen als ursprünglich geplant. Geld, das an anderer Stelle für zusätzliche Kapazitäten fehlen könnte.

Fahrgastverband fordert die DB zum Handeln auf – die verweist auf Auswahlkriterien

Der Fahrgastverband Pro Bahn Berlin-Brandenburg verlangt von den Bahnunternehmen ein geordnetes und transparentes Vorgehen, wenn Züge aus Sicherheitsgründen nicht mehr alle Reisenden mitnehmen können. „Es muss klar kommuniziert werden, dass Fahrgäste nicht willkürlich ausgewählt werden“, erklärte ein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Als Kriterium schlägt der Verband die körperliche und psychische Zumutbarkeit vor: Wer zurückbleiben soll, müsse in der Lage sein, den nächsten Zug abzuwarten.

Der Bahnsprecher verweist auf die bisher gültigen Kriterien. Kundenbetreuer seien angewiesen, „zuerst in der 2. Klasse alle Sitzplätze von Taschen, Rucksäcken oder Koffern der Reisenden freiräumen zu lassen, um möglichst vielen Reisenden einen Sitzplatz anbieten zu können“. Bei starkem Andrang in den Fluchtwegen würden vorzugsweise mobilitätseingeschränkten oder älteren Reisenden sowie Personen mit kleinen Kindern Sitzplätze in der 1. Klasse zugewiesen.

Pro Bahn fordert zusätzlich, dass die DB sofort für eine Ausweichmöglichkeit sorgt, etwa durch einen bereitgestellten Ersatzbus oder einen Taxigutschein. Niemanden ohne Perspektive auf dem Bahnsteig stehen zu lassen, sei eine Frage des respektvollen Umgangs mit den Kunden. Von der Bahn heißt es hingegen: „Dank einer hohen Taktdichte steht allen Reisenden für den Fall einer hohen Auslastung bspw. auf hochfrequentierten touristischen Strecken in der Regel zeitnah eine alternative Verbindung zur Verfügung.“ Für den Regionalverkehr seien die Länder zuständig, man setze jedoch so weit wie möglich und „nach Bestellung und Bezahlung durch die Länder“ mehr Züge ein.

Bis zu 90 Fahrgäste des ICE verwiesen – Polizei musste intervenieren

Das Problem der Überfüllung ist nicht auf den Regionalverkehr beschränkt: Im April 2026 sorgte ein Vorfall am Hannoveraner Hauptbahnhof für bundesweite Aufmerksamkeit: Der ICE 641 auf dem Weg von Köln nach Berlin war so voll, dass die Bahn rund 80 bis 90 Menschen bitten musste, auszusteigen, berichtet reisereporter.de. Ausschlaggebend war ein Sicherheitsargument – überfüllte Gänge gelten als Risiko, weil sich Reisende dort im Ernstfall, etwa bei einer Vollbremsung, nirgends festhalten könnten. Ein Zug mit blockierten Durchgängen dürfe deshalb regulär nicht abfahren, erklärte die DB. Die Bundespolizei war zur Unterstützung vor Ort, betroffen waren fast ausschließlich Fahrgäste ohne reservierten Sitzplatz. (Quellen: dpa, Verband Deutscher Verkehrsunternehmen, schiene.de, reisereporter.de) (jaka)