Privat versichert und Gutverdiener? Ökonomen schlagen neuen Solidarbeitrag vor
Gutverdiener in der PKV sollen Solidarbeitrag zahlen – Ökonomen legen Modell vor
Stand: 27.09.2026, 22:51 Uhr
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Wer gut verdient und in die private Krankenversicherung wechselt, verlässt bislang einen Teil des GKV-Solidarausgleichs. Zwei Ökonomen wollen das ändern.
Berlin – Gutverdiener sollen nach einem Wechsel in die private Krankenversicherung nach Vorstellung zweier Ökonomen stärker an der solidarischen Finanzierung des Gesundheitssystems beteiligt werden. Jens Boysen-Hogrefe und Ulrich Schmidt vom Kiel Institut für Weltwirtschaft schlagen einen zusätzlichen Solidarbeitrag für einen Teil der Privatversicherten vor. Darüber berichtet das Handelsblatt. Die private Krankenversicherung soll dabei bestehen bleiben.

Der Vorschlag setzt an einem Grundprinzip der gesetzlichen Krankenversicherung an: Wer mehr verdient, zahlt bis zur Beitragsbemessungsgrenze höhere Beiträge, obwohl sich der Leistungsanspruch dadurch grundsätzlich nicht erhöht. Gutverdiener finanzieren damit einen Teil der Ausgaben für Versicherte mit niedrigeren Einkommen sowie beitragsfrei mitversicherte Familienangehörige mit. In der PKV richtet sich die Prämie dagegen unter anderem nach Eintrittsalter, individuellem Risiko und gewähltem Tarif.
Gutverdiener können ab 77.400 Euro in die PKV wechseln
Arbeitnehmer können 2026 bei einem regelmäßigen Jahresarbeitsentgelt von mehr als 77.400 Euro brutto beziehungsweise 6450 Euro brutto im Monat unter den gesetzlichen Voraussetzungen aus der Versicherungspflicht in der GKV fallen. Sie können anschließend freiwillig gesetzlich versichert bleiben oder in die private Krankenversicherung wechseln.
Genau hier sehen die Ökonomen eine Schieflage. Wer in die PKV wechselt, beteiligt sich anschließend nicht mehr in gleicher Weise am einkommensabhängigen Solidarausgleich der gesetzlichen Krankenversicherung. Besonders attraktiv kann der Wechsel für junge, gesunde Gutverdiener ohne beitragsfrei mitversicherte Angehörige sein.
IfW schlägt Solidarbeitrag für Privatversicherte vor
Boysen-Hogrefe und Schmidt wollen deshalb berechnen, welchen Solidarbeitrag ein vergleichbarer Gutverdiener innerhalb der GKV leisten würde. Vereinfacht gesagt soll ermittelt werden, wie weit dessen Beitrag über den statistisch zu erwartenden eigenen Gesundheitskosten liegt.
Dieser Betrag soll nach dem Modell auch nach einem Wechsel in die PKV zur solidarischen Finanzierung herangezogen werden. Es ginge also nicht um einen pauschalen Zusatzbeitrag für jeden Privatversicherten. Alter, Geschlecht und Familiensituation sollen berücksichtigt werden, weil sich die durchschnittlichen Gesundheitskosten zwischen den Gruppen unterscheiden.
Bis zu 623 Euro Solidarbeitrag im Monat
Wie hoch die Belastung ausfallen könnte, zeigen Modellrechnungen des Kiel Instituts. Für einen alleinstehenden Mann zwischen 25 und 45 Jahren ohne Kinder kommen die Ökonomen auf einen Solidaranteil von rund 623 Euro pro Monat. Für eine Frau derselben Altersgruppe sind es rund 543 Euro.
Bei angestellten Privatversicherten soll dieser Betrag allerdings nicht allein vom Arbeitnehmer getragen werden. Wie bei den GKV-Beiträgen soll er nach Vorstellung der Autoren zwischen Arbeitgeber und Beschäftigtem aufgeteilt werden. Beim Beispiel des jungen alleinstehenden Mannes wären damit jeweils rund 311 Euro auf Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite fällig.
| Modellfall | Monatlicher Solidarbeitrag |
| Single, männlich, 25–45 Jahre | 622,60 Euro |
| Single, weiblich, 25–45 Jahre | 542,50 Euro |
| Single mit 1 Kind, männlich | 444,50 Euro |
| Single mit 1 Kind, weiblich | 364,50 Euro |
| Single mit 2 Kindern, männlich | 266,40 Euro |
| Single mit 2 Kindern, weiblich | 186,40 Euro |
Familien würden deutlich weniger zahlen
Mit Kindern sinkt der errechnete Solidarbeitrag deutlich. Für einen alleinstehenden Mann zwischen 25 und 45 Jahren mit einem Kind errechnet das IfW rund 445 Euro, mit zwei Kindern noch rund 266 Euro. Bei Frauen derselben Altersgruppe sind es rund 365 beziehungsweise 186 Euro.
Der Grund: Kinder können in der GKV unter bestimmten Voraussetzungen beitragsfrei familienversichert werden. Wer Angehörige mitversichert, profitiert selbst stärker vom Solidarsystem und soll deshalb nach dem IfW-Modell einen geringeren zusätzlichen Beitrag leisten.
Bei älteren Versicherten kann sich die Rechnung sogar umkehren, weil ihre durchschnittlichen Gesundheitskosten höher sind. Die Autoren schlagen deshalb ausdrücklich keinen pauschalen Beitrag für sämtliche Privatversicherte vor.
Ältere Privatversicherte sollen geschützt werden
Sinnvoll wäre der Solidarbeitrag aus Sicht der Wissenschaftler vor allem für Privatversicherte mit eigenem Einkommen im Erwerbsalter. Für ältere Menschen halten sie Schutzmechanismen für nötig. Denkbar seien Bestandsschutz oder eine erleichterte Möglichkeit zur Rückkehr in die gesetzliche Krankenversicherung.
Damit wollen die Ökonomen vermeiden, dass Menschen nach jahrzehntelanger privater Versicherung plötzlich mit hohen Zusatzkosten konfrontiert werden, mit denen sie beim Systemwechsel nicht rechnen konnten.
74 Millionen Menschen sind gesetzlich versichert
Zum Jahresbeginn 2026 waren rund 74,2 Millionen Menschen gesetzlich krankenversichert, darunter etwa 15,6 Millionen beitragsfrei mitversicherte Angehörige. Kern der GKV ist das Solidarprinzip: Die Beiträge richten sich nach der finanziellen Leistungsfähigkeit, während der Anspruch auf medizinisch notwendige Leistungen grundsätzlich nicht davon abhängt, wie viel ein Versicherter einzahlt.
Die Kieler Ökonomen wollen dieses Prinzip teilweise auf Privatversicherte ausweiten, ohne die PKV abzuschaffen. Wer sich privat versichert, könnte weiterhin andere Tarife und Leistungsumfänge wählen. Der einkommensabhängige Solidarausgleich würde nach ihrer Vorstellung aber nicht mehr vollständig mit dem Wechsel aus der GKV enden.
Boysen-Hogrefe und Schmidt verstehen ihren Vorschlag als Mittelweg zwischen dem heutigen dualen System und einer Bürgerversicherung. Die private Krankenversicherung würde bestehen bleiben, zugleich würden gutverdienende Privatversicherte stärker an der solidarischen Finanzierung beteiligt. (Quellen: Handelsblatt, Kiel Institut für Weltwirtschaft) (mare)