"Diese Zeit ist vorbei": Wie sich Kanada im Handelskrieg gegen die USA wehrt
Handelsstreit mit Kanada
Beißt sich Trump an diesem Mann die Zähne aus?
09.09.2026 - 20:30 UhrLesedauer: 6 Min.
Der US-Präsident hat mit Einfuhrverboten auf Produkte aus Kanada den Handelsstreit mit dem Land weiter verschärft. Doch der nördliche Nachbarstaat denkt nicht daran, einzuknicken.
David Schafbuch berichtet aus New York
Ans Zurückweichen denkt Mark Carney nicht. "Wir sind auf dem richtigen Weg in eine bessere Zukunft", sagte der kanadische Premierminister am Dienstag in einer Videobotschaft. Es sei nicht das erste Mal, dass die USA versucht hätten, Kanada mit Zöllen zu brechen. Aber das Land sei langfristig immer stärker daraus hervorgegangen, "und wir haben gerade erst angefangen".
Wenige Stunden später reagierte die US-Regierung mit neuen Maßnahmen: Zu den jüngst verhängten Zöllen sprach das Weiße Haus weitere Einfuhrverbote gegen kanadische Produkte aus. Ab dem 29. September können unter anderem verschiedene alkoholische Getränke, Motorräder oder Milchprodukte nicht mehr aus Kanada in die USA importiert werden, teilte das Weiße Haus am Dienstagabend (Ortszeit) mit.
Mit den verhängten Einfuhrverboten hat die US-Regierung von Präsident Donald Trump den Handelskrieg gegen Kanada weiter verschärft. Wirtschaftlich ist bereits klar, dass beide Nationen durch die Eskalationsspirale vorerst nicht gewinnen können. Doch im Gegensatz zu Trump hat der kanadische Regierungschef einen Vorteil: Die Zeit scheint eher für Carney als für Trump zu arbeiten.
Der Konflikt zwischen den beiden Nachbarländern hatte nach geplatzten Verhandlungen über ein neues Handelsabkommen an Fahrt aufgenommen. Ende August hatten Vertreter beider Länder über ein Abkommen beraten, um US-Zölle in Höhe von 50 Prozent für verschiedene kanadische Produkte zu verhindern.
Doch die Verhandlungen scheiterten: Carney nannte die Bedingungen der US-Seite unfair. Der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer warf der kanadischen Seite dagegen vor, sie habe Teile eines Abkommens abgelehnt, dass eigentlich schon fertig verhandelt worden sei.
Kommen weitere Zölle?
Als Konsequenz traten US-Zölle in Kraft, deren Höhe auf 20 Milliarden Dollar beziffert wurden. Die Abgaben betreffen unter anderem Honig, Möbel oder Hockeyschläger. Kanada reagiert seinerseits mit Gegenzöllen in der gleichen Höhe.
Die neu angekündigten US-Einfuhrverbote wurden jetzt auf Produkte wie alkoholische Getränke, Motorräder oder Milchprodukte verhängt. Zusätzlich wurden weitere 50-Prozent-Zölle auf Käse, Papier Aluminium oder Möbel vom Weißen Haus ausgesprochen. Gelten sollen die Maßnahmen ab dem 29. September.
Die US-Regierung droht zudem weiterhin ab dem kommenden Jahr mit weiteren 50-Prozent-Zöllen auf in Kanada produzierte Autos. Die dortige Industrie würde das hart treffen: 2024 wurden 85 Prozent aller in Kanada gefertigten Autos in die USA exportiert.
Experte: Schlecht für beide Seiten
Rein wirtschaftlich betrachtet dürfte der Streit vorerst keinen Gewinner hervorbringen. So sieht es zumindest Brad Wood von der Interessenvertretung "National Foreign Trade Council". "Diese Vergeltungsmaßnahmen sind schlecht für kanadische Unternehmen und Verbraucher sowie schlecht für amerikanische Unternehmen und Verbraucher", sagte Wood der "New York Times". Jede Eskalation stelle letztlich eine Hürde dar, die man in künftigen Verhandlungen wieder überwinden müsse.
Grundsätzlich verbindet beide Staaten nicht nur eine fast 9.000 Kilometer lange Grenze, sondern auch enge Handelsbeziehungen. Für Kanada sind die USA sowohl bei Importen als auch bei Exporten das mit Abstand wichtigste Partnerland. Für die USA liegt Kanada in beiden Bereichen hinter Mexiko auf Rang zwei.
An Entspannung denken beide Seiten bislang nicht. US-Präsident Trump hatte sich in den vergangenen Tagen immer wieder abfällig über Kanada geäußert und mit weiteren Maßnahmen gedroht. Zudem änderte er kürzlich den Namen des Ontariosees, der zwischen der Grenze beider Staaten verläuft, in "Amerikasee" um. Auf seiner Plattform Truth Social veröffentlichte er auch eine Karte von Nord- und Mittelamerika, die alle Länder unter der US-Flagge zeigte.
Der Präsident sprach zudem weitere Drohungen aus. Auf seiner Online-Plattform Truth Social wies er die US-Beschaffungsbehörde GSA an, kanadische Produkte aus ihren Katalogen zu streichen. Zudem brachte der Präsident ein Verkaufsverbot für Produkte des kanadischen Flugzeugunternehmens Bombardier ins Spiel, weil deren Produkte "nicht gut genug" seien.
Die kanadische Regierung reagierte darauf bislang nicht, aber Bombardier selbst: Das Unternehmen teilte mit, es habe bislang zehntausende Arbeitsplätze in den USA geschaffen. Zudem gebe man jährlich mehr als 2,5 Milliarden Dollar für Zulieferer in den USA aus.
Senator ruft Trump zur Ordnung
Trumps Drohungen riefen auch die Unterstützer von Bombardier auf den Plan. Jerry Moran, republikanischer Senator im Bundesstaat Kansas, wies darauf hin, dass Bombardier eine große Niederlassung in dem Bundesstaat mit mehr als eintausend Mitarbeitern betreibt.
Deshalb habe sich Moran auch persönlich an die US-Regierung gewandt. "Ich werde mich weiterhin dafür einsetzen, dass die Produktionsstätten von Bombardier nicht nur in Kansas bleiben, sondern auch weiter wachsen und amerikanische Arbeitsplätze schaffen", teilte der Senator auf der Plattform X mit.
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Der kanadische Premier hatte seine Bevölkerung in der Ansprache am Dienstag darauf eingeschworen, dass seine Landsleute für die aktuellen Maßnahmen einen Preis zahlen würden. Auf US-Zölle wolle er weiter umgehend mit Gegenzöllen reagieren. Es sei historisch betrachtet nicht das erste Mal, dass die USA versuchen würden, Kanada durch Zölle zu brechen. Aber dadurch sei das Land nie schwächer, sondern immer stärker geworden.
Carney hob zudem hervor, dass er keine Rückkehr zu den alten Handelsbeziehungen mit den USA anstrebe. Es sei stattdessen falsch gewesen, dass sich sein Land wirtschaftlich so abhängig von den USA gemacht habe. In den vergangenen 40 Jahren sei man den einfachen Weg gegangen, in dem die Handelsbeziehungen zu den USA immer weiter vertieft worden seien. "Diese Zeit ist vorbei", kündigte der Premierminister an.
90.000 Jobs weg?
Langfristig strebt die kanadische Regierung daher an, die wirtschaftlichen Beziehungen mit verschiedenen Ländern stark auszubauen. Kurzfristig versucht die Regierung, die vom Handelskrieg betroffenen Unternehmern finanziell zu unterstützen: Carney verkündete ein Hilfspaket in Höhe von umgerechnet 5,4 Millionen US-Dollar, um betroffene Unternehmer zu unterstützen. Zusätzlich habe seine Regierung bereits 18 Millionen Dollar in den vergangenen Monaten an Hilfen wegen des Zollstreits ausgezahlt.
Wie die neuen Einfuhrverbote und weitere Maßnahmen der kanadischen Wirtschaft schaden, ist noch unklar. Allein die 50-Prozent-Zölle auf Honig und Hockeyschläger könnten laut dem kanadischen Wirtschaftswissenschaftler Trevor Trombe mehr als 90.000 Arbeitsplätze in dem Land kosten.
Allerdings hat Carney bei seiner Handelspolitik bislang die Unterstützung der Bevölkerung. Laut dem Meinungsforschungsinstitut Ipsos gaben Ende August 63 Prozent der Kanadier an, dass sie die wirtschaftlichen Probleme bei den Unternehmen mittragen würden. 52 Prozent seien zudem bereit, auch eigene Einschnitte zu akzeptieren.
Die US-Regierung hat dagegen keinen vergleichbaren Rückhalt in der Bevölkerung. 57 Prozent der Amerikaner lehnen laut einer Untersuchung von Ipsos den Handelskrieg mit Kanada ab. 68 Prozent sprechen sich zudem dafür aus, dass die US-Regierung im Umgang mit dem Nachbarland zu Kompromissen bereit sein solle.
Die Spannungen zwischen beiden Ländern könnten zudem Einfluss auf die kommenden Zwischenwahlen in den USA haben. Darauf hofft zumindest die kanadische Regierung. Die kanadische Industrieministerin Melanie Joly sagte kürzlich, dass ihre Regierung diesen Krieg nicht angefangen habe und ihn auch nicht wolle. Aber man übe "ganz klar Druck auf verschiedene Bundesstaaten und verschiedene Bevölkerungsgruppen aus". Gemeint ist damit: Die kanadische Handelspolitik soll vor allem in US-Bundesstaaten spürbar werden, in denen im November gewählt wird.
Senatorin geht auf Distanz zu Trump
Einer dieser Bundesstaaten ist Maine im äußersten Nordosten der USA. Der Staat grenzt nicht nur an Kanada und unterhält enge Handelsbeziehungen mit dem Nachbarland. Maine gilt als einer der wichtigsten Bundesstaaten bei den kommenden Wahlen: Laut Umfragen könnte dort die amtierende republikanische Senatorin Susann Collins ihr Mandat an den demokratischen Herausforderer Troy Jackson verlieren. Ohne den Sieg dürfte es für die Demokraten kaum möglich sein, die Mehrheit im Senat von den Republikanern zurückzuholen.
Collins hatte in der Vergangenheit bereits vor einer zu harten Zollpolitik gegenüber Kanada gewarnt. Im Wahlkampf geht sie zudem noch stärker auf Distanz zu der Politik der US-Regierung. Collins fehlte Ende August bei einem Besuch des US-Vizepräsidenten JD Vance. Während Vance in Maine darüber witzelte, Kanada zu einem Bundesstaat der USA zu machen und dem Land weltweit die schlechteste Handelspolitik neben China attestierte, gab Collins der Lokalpresse ein Interview.
Collins sagte dem Portal "Maine Public", Kanada sei der "beste Freund" von Maine, dessen Wirtschaft "untrennbar" mit dem Bundesstaat verflochten sei. Diesen Umstand habe Collins auch dem US-Handelsbeauftragten Greer mitgeteilt. Ein Tag nach dem Interview veröffentlichte das Weiße Haus ein Bild, in dem ein Weißkopfseeadler, das Wappentier der USA, eine Kanadagans zu Boden drückt.