Hans Vaihinger erblindete fast – und schrieb trotzdem sein Hauptwerk
Stand: 04.09.2026, 13:15 Uhr
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Der Philosoph veröffentlichte 1911 „Die Philosophie des Als Ob", obwohl er kaum noch etwas sehen konnte. Zeitgenossen zweifelten deshalb an seiner Autorenschaft.
An der Philosophie von Hans Vaihinger scheiden sich die Geister. Einerseits legte er eine innovative Erkenntnistheorie vor, die auf hohem Niveau anregend war. Andererseits schienen viele seiner Gedanken nicht zu Ende gedacht zu sein.

Die nun im Meiner-Verlag von Gerald Hartung herausgegebene Ausgabe von „Die Philosophie des Als Ob“ kann dennoch nicht einfach als Beispiel in der Rubrik „krachend gescheiterte Theorien“ aufgelistet werden. Dafür war Vaihinger zu anregend. Und schon Immanuel Kant wusste, dass man von den Irrtümern kluger Köpfe viel lernen kann. Denn die Frage, ob unsere Begriffswelt, also unsere Art, die Welt vorzustellen und zu interpretieren, mit den realen Verhältnissen in Deckungsgleichheit zu bringen ist, hat nichts von ihrer Faszination verloren.
Vahinger war fraglos ein Mann des 19. Jahrhunderts. 1852 wurde er bei Tübingen geboren. Er studierte unter anderem in Straßburg. Das Werk „Logische Untersuchungen“ von Ernst Laas sollte ihn maßgeblich beeinflussen, bei ihm habilitierte sich Vaihinger später.
Bibliographisches
Hans Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob. Meiner 2026. 402 Seiten. 74 Euro.
Zunächst machte er als Vertreter und Anhänger der Philosophie Immanuel Kants auf sich aufmerksam. Zu Lebzeiten Vaihingers war eine Strömung aufgekommen, die sich dezidiert von Hegels spekulativem Idealismus absetzte und sich den Naturwissenschaften zuwandte. Kants Theorie wurde nun genau in dieser Richtung verstanden: als Theorie der Erkenntnis und als Begründung der Wissenschaften wie Physik oder Mathematik. Vaihinger galt als einer der Vertreter dieses Neukantianismus. Ein zweibändiges Kommentarwerk über Kants Kritik der reinen Vernunft wies ihn als großen Kenner von dessen Theorie aus, das unterstrich auch sein Buch zur „transzendentalen Deduktion der reinen Verstandesbegriffe“ von Kant noch einmal deutlich. Vaihinger rief auch die Fachzeitschrift „Kant-Studien“ ins Leben, die bis heute erscheint, und gründete die Kant-Gesellschaft. Kurz gesagt: In Sachen Kant hatte er einiges vorzuweisen.
Vaihinger war auch eine Art Vorreiter. Er würdigte Friedrich Nietzsches Philosophie öffentlich. Der Herausgeber von Vaihingers Werk im Meiner-Verlag, Gerald Hartung, weist in seiner gut verständlich verfassten und klugen Einleitung darauf hin, dass Vaihinger damit als Erster der Universitätsphilosophen die Philosophie Nietzsches gewürdigt habe.
Hartung setzt sich allerdings auch kritisch mit Vaihingers Werk auseinander und schont ihn nicht. Vaihinger stand stark unter dem Eindruck der neuen Evolutionstheorie Charles Darwins. Nun versuchte er sich in seinem neuartigen Werk „Die Philosophie des Als Ob“ an einer Synthese der wissenschaftlichen Entwicklungen mit der Philosophie. Biologie, Physik und Philosophie sollten in einem neuen, großen Wurf zusammenfinden. Hartung schreibt, Vaihinger folgte einem kruden Naturalismus, feierte aber die Welt der Normen, Werte und Begriffe überschwänglich, obwohl wir wissen müssten, dass sie eine irreale Welt darstellen.
Produktive Widersprüchlichkeit
Die grundlegenden Begriffe des Denkens nannte Vaihinger Fiktionen. Sie werden von Hypothesen unterschieden, die einer Entsprechung in der Wirklichkeit bedürfen, da sie Sachverhalte darstellen sollen. Fiktionen haben diese Entsprechungen nicht, sie gelten im „Als Ob“-Modus. Entscheidend ist dabei, ob sie zweckmäßig für uns sind in der Erkenntnis der Realität. Vaihinger zählt zu den Fiktionen etwa Entitäten der Mathematik wie Statistiken, Zahlen oder auch Goethes „Urpflanze“.
Aber auch Allgemeinbegriffe wie Materie, Atom, Ding an sich, abstrakte Ideen oder heuristische Methoden sind für ihn Fiktionen, die keine Entsprechung in der Wirklichkeit finden. Damit sind sie nicht unnütz, im Gegenteil. Hartung schreibt hierüber: „Die Fiktionen haben die Sprachform ,als ob‘, denn sie sind Mittel, um Vergleiche zwischen unserem Denkprozess und nicht überprüfbaren realen Verhältnissen oder Situationen herzustellen.“ Vaihinger zufolge verwenden wir diese begrifflichen Konstruktionen, Modelle und Annahmen immer in unserem Weltverständnis. Sie müssen nicht notwendig eine unmittelbare Entsprechung in der Wirklichkeit besitzen. Wichtig ist, dass sie sich praktisch oder erkenntnistheoretisch bewähren.
Da seine Schrift „Die Philosophie des Als Ob“ zahlreiche Redundanzen enthielt, stellten Zeitgenossen Vaihingers die Frage nach der wahren Autorenschaft. Hatte seine Frau das Buch geschrieben? Oder Assistenten seines Lehrstuhls? Hintergrund war, dass Vaihinger nahezu erblindet war. Das Augenleiden hatte ihn schon lange begleitet. Doch 1911, als sein Hauptwerk veröffentlicht wurde, konnte er offenbar kaum noch etwas sehen. Vaihinger behauptete bis zuletzt – er starb 1933 –, das Werk gehe letztlich auf seine Habilitationsschrift zurück. Er habe also im Grunde nichts Neues zu erzählen gehabt. Geglaubt wurde ihm das nicht.
Mit Vaihingers Tod 1930 erlosch auch das Interesse an der Philosophie des Als Ob. Vaihinger fehlte in seinem Denken die unerbittliche Konsequenz eines Immanuel Kant. Hartung fragt am Ende seiner Einleitung: „Was bleibt von Vaihinger. Vor allem produktive Widersprüchlichkeit“.
Es ist ein großer Verdienst des Meiner-Verlags, diese Ausgabe der breiten Öffentlichkeit mit der klugen Einführung von Hartung zugänglich zu machen. Auch wenn Theorien scheitern, kann die Lust am Philosophieren wachsen. Und was bräuchten wir heute mehr als Leute, die sich gerne den Kopf zerbrechen?