„Die hat sich nie für Politik interessiert“: So reden Ex-Mitschüler über Weidel
Der Mensch ist eines der seltsamsten Geschöpfe des Universums. Wer oder was immer es geschaffen hat, muss einen reichlich düsteren Sinn für Humor gehabt haben. Vor allem gilt dies für einen bizarren Doppel-Impuls. Einerseits nämlich handelt es sich um ein Wesen, das jede Menge Energie dabei verbraucht, sich selbst irgendwie zu verstehen. Einem Eichhörnchen würde so etwas nie in den Sinn kommen. Und andrerseits verschwendet es mindestens noch einmal so viel Energie, um genau dieses Sich-selbst-verstehen zu verhindern.
So kommen auf jeden Menschen, der seinen Mitmenschen die eine oder andere Erkenntnis über das eigene Wesen vermittelt, etwa zehn andere, die ihm solche Erkenntnis wieder ausreden und die entstehende Leere durch List und Gewalt mit lustvoller Blödheit füllen.
Die schrecklichste Form dieser Verblödung nennen wir „Faschismus“, wohl wissend, dass auch dieser Begriff nur offen und wandelbar existieren kann. Es ist so gut wie unmöglich, dass zwei Menschen miteinander debattieren, die unter diesem Begriff das genau Gleiche verstehen, aber zugleich weiß beinahe jeder Mensch „irgendwie“, was im Kern damit beschrieben wird.
Demnächst die Fascho-Schwesternschaft von Meloni, Le Pen und Weidel?
Dieser Faschismus, das ist Konsens in der liberalen Form des Verstehens, ist vor allem eine Männerangelegenheit. Frauen machen allenfalls mit. Den Faschismus selbst hat man stets zu erklären versucht aus der Krise des Kapitalismus, aus der Krise der kleinbürgerlichen Klasse in ihm, und wiederum aus der Krise der Männlichkeit in ihr.
Dass der neue Faschismus nicht nur in der medialen Repräsentation so sehr von weiblichen Charakteren geprägt ist – schon mag man von einer europäischen Fascho-Schwesternschaft von Meloni, Le Pen und Weidel fantasieren –, setzt trotz Manosphere-Gefolgschaft die Macho-Erzählung vom Faschismus ein wenig unter Druck.
Sind diese Frontfrauen des neuen Faschismus tatsächlich nur taktisch eingesetzte Testimonials, die Fantasie-Futter für die „bürgerlich-konservativen“ Wählerinnen und Wähler liefern sollen? Oder steckt doch ein innerer Wandel des Rechtsextremismus dahinter? Vielleicht muss man einen kleinen, mehr oder weniger philosophischen Umweg zur Beantwortung dieser Fragen riskieren.
Drei treibende Kräfte am Werk
Dieser Mensch zwischen Verstehen und Verblödung nämlich, von dem wir ausgegangen sind, wird von drei sehr unterschiedlichen Kräften getrieben. Das erste ist die Lust, die Sättigung, die Begattung, die Abwesenheit von Angst und Elend, der Reichtum, der Überfluss. Allumfassend: das Glück.
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Das zweite ist die Macht, das ist die Fähigkeit, anderen den eigenen Willen und die eigene Form aufzuzwingen, andere für sich arbeiten, leiden, sterben zu lassen und selbst zu definieren, was das sein mag: der Sinn und das Ziel der Welt. Mächtig ist, wer sagen kann: Der Sinn und das Ziel der Welt bin ich.
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Da dies freilich nur oberflächlich auch mit der Lust am Leben verwandt ist, fällt es nicht schwer, uns den mächtigen Menschen als unglücklich und den glücklichen Menschen als ohnmächtig vorzustellen. Es ist der unglückliche Mensch, der nach Macht strebt. Womit wir schon bei einer der Ursachen dafür sind, dass sich Sinn, Ziel, Glück und Macht im Menschen nie harmonisch verhalten, sondern sich in stetigen Eruptionen entladen.
Dem Menschen ist es unmöglich, ohne Ordnungen zu leben
Die dritte Kraft nun aber (und damit sind wir bis zu Aristoteles zurückgekehrt) ist das Streben nach Ordnung. Offensichtlich scheint es dem Menschen unmöglich, ohne Ordnungen zu leben. Lange Zeit schien es, als handele es sich dabei um eine doppelte Erscheinung. Die christliche Ableitung bei Thomas von Aquin versteht sich dann als Mit- und Gegeneinander der Ordnung zwischen den Menschen und Gott (bei Aristoteles noch einfach das Welt-Alles) und der Ordnung zwischen den Menschen untereinander.
Man wird das immer weiter säkularisieren können, etwa als Ordnung zwischen Herrschaft und Mensch und Ordnung zwischen Mensch und Mensch als „Gesellschaft“, einschließlich der Ordnung der Geschlechter. Mittlerweile würde man wohl sagen: Es gibt eine Ordnung zwischen dem Menschen und der Ökonomie (als neuem Welt-Alles) und eine Ordnung zwischen den Menschen in dieser Ökonomie.
In der bürgerlichen Moderne (des Westens zunächst) freilich ist eine dritte Dimension der Ordnung entwickelt, die innere Ordnung eines „Subjekts“. Man kann es auch „Psyche“ nennen und in die Bereiche Bewusstsein und Un- oder Unterbewusstes aufteilen. Nicht genug also damit, dass dieser Mensch das Dreieck von Lust, Macht und Ordnung bewältigen muss, auch die Ordnung selbst formt sich zu einem Dreieck der Widersprüche: Ordnung in Bezug auf ein „großes anderes“ (Gott, Staat, System, Idee, „Führer“), Ordnung in Bezug auf das Verhalten untereinander (Konkurrenz, Kooperation, Tausch, Gleichschaltung) und Ordnung im eigenen Inneren (Wahrnehmung, Erkenntnis, Erinnerung, Logik, Moral, Begehren – die Subjekt-Form der Lust – und Traum).
Der Repräsentant des Faschismus verspricht Macht und Ordnung
Wie zum Teufel soll man das alles, wie man so sagt, „auf die Reihe bringen“? Dazu mag es grundsätzlich zwei Strategien geben. Die erste könnten wir die „liberale“ nennen, was freilich seinerseits ein weites semantisches Feld eröffnet. Es ist der Versuch, alle diese Elemente in eine teils progressive und teils konservative Harmonie zu bringen. Das Ziel ist es, diese Harmonie, die natürlich nie vollkommen sein kann, außer im Jenseits von Himmel und Utopie, stets zu verbessern.
Die zweite Strategie besteht darin, eine der Ordnungen als absolut zu setzen. Die Harmonie, die es als Lebendes nicht gibt, soll als „Mechanisches“ erzwungen werden. Das ist die Basis für jeden Terror und für jede Tyrannei. Alles muss einer Ordnung unterworfen sein.
Was ihr vorausgeht – und was den Faschismus daher auch in einer Demokratie wählbar macht – ist das Versprechen dieser Harmonie. Ein Repräsentant des Faschismus ist einer, der zugleich Lust („Entladung“), Macht (über die Schwächeren) und Ordnung (durch Gewalt) verspricht.
Der alte Faschismus vollendete dieses Versprechen im Zeichen des Phallus. Seine vaginale Seitenlinie konzentrierte sich auf den Mythos der Geburt, als kontrollierte Art der Vermehrung. Der Faschismus als extremste Form der „Phallokratie“ spielt offenbar im neuen, aus sehr diversen Szenen zusammengesetzten Faschismus nur noch in speziellen Subsystemen die Hauptrolle.
Die Konstruktion eines vaginalen Faschismus
Man könnte also in Giorgia Melonis legendärem Anruf „Ich bin eine Frau. Ich bin eine Mutter. Ich bin Italienerin, ich bin eine Christin“: die Konstruktion eines vaginalen Faschismus sehen. Als Seitenstücke gesellen sich dazu Marine Le Pen mit ihrem öffentlichen „Vatermord“ und Alice Weidel, die Frau in einer lesbischen Beziehung mit einer Ausländerin, die öffentlich gegen die „Leugnung biologischer Tatsachen“ in der Geschlechterordnung und natürlich gegen Ausländer hetzt. Die drei Frontfrauen der neuen Faschisten scheinen also zunächst vor allem eines auszudrücken: die Widersprüchlichkeit ihrer Ideologie.
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Der „klassische“ Faschismus ist eine direkte Verbindung der Ordnung zwischen den Menschen und dem großen Anderen, dem „Führer“ und seiner Partei und der Ordnung zwischen den Menschen, nämlich in Form von terroristischer Gewalt und rigider „Gemeinschaft“. Was die innere Ordnung anbelangt, so passt sie sich in Lust und Angst dieser Herrschaft an (auf der Suche nach der eigenen Erlösung ebenso wie auf der Suche nach dem eigenen Vorteil).
Kein Totenkult mehr, kein Ornament der Massen
Der neue Faschismus, der sich aus verschiedenen Spielarten des völkischen, nationalistischen oder ökonomischen Extremismus zusammensetzt, muss vom Liberalismus ein Interesse an der inneren Ordnung des Subjekts übernehmen. Das heißt, dieser neue Faschismus muss nicht nur praktiziert werden – etwa wie eine fundamentalistische Religion –, er muss vielmehr Teil der „Person“ werden. Einer Person, die anders als im alten Faschismus, nicht mehr vollständig hinter der Uniform, dem Zeichen und dem Ritual verschwinden kann. Denn anders als sein Vorgänger ist der Protagonist des neuen Faschismus nicht bereit, auf seine im demokratischen Liberalismus zugestandenen subjektiven Möglichkeiten zu verzichten.
So sehr sich also zwischen neuem und altem Faschismus Rhetorik, Ideologie und Mythos ähneln, so unterschiedlich sind doch auch die faschisierten Subjekte. Was zum Beispiel dem neuen faschistischen Subjekt fremd ist, das ist die bis zur Todessehnsucht gesteigerte Opferbereitschaft, der Helden- und Totenkult, die Ornamentik der Massen. (Das heißt übrigens keineswegs, dass es Faschisten der alten Art nicht auch noch gäbe; sie sind für den neuen Faschismus willkommene Hilfstruppen, können allerdings auch, wie das Beispiel Italien zeigt, heftige Störenfriede sein.)
Statt „großer Diktator“ der „Super-Entertainer“
Die Beziehung des postliberalen Subjekt-Faschisten zu seinen Führern (und nun eben Führerinnen) verliert daher an Absolutheit; das große Andere muss sich mit den egoistischen und narzisstischen Impulsen des Subjekts arrangieren. Daher erscheinen die neuen Führer der antidemokratischen Rechten weniger in der Rolle des „Great Dictator“ als vielmehr des Super-Entertainers.
Das erklärt die clownesken Züge etlicher Beispiele, die Possen von Donald Trump oder Elon Musk, das Kettensägen-Gehampel von Milei usw. Und nicht zuletzt erklärt es die Wirkung der „Frontfrauen“ in den neofaschistischen Gangs, die sich ansonsten mit männerbündischem und sexistischem Gehabe hervortun: Sie haben Züge von Stars, Diven, Influencern, Werbefiguren.
In der Ideologie des alten Faschismus gäbe es da einen dramatischen Widerspruch, und auch eine dieser Frontfrauen, die als Lesbe mit einer Migrantin im Ausland lebt, wäre allein durch das exzeptionelle Eliten-Prinzip des alten Faschismus (das berühmte „Wer Jude ist, bestimme ich“) nicht abgedeckt. Im postliberalen Subjekt des neuen Faschismus ist dagegen ein solcher Widerspruch gut aufgehoben. Genau gesagt besteht dieses Subjekt vor allem aus solchen Widersprüchen. Will sagen: Alice Weidel ist für die AfD nicht die ideale Frontfrau, obwohl sie eine Lesbe ist, sondern gerade weil sie es ist. Sie ist die lebende Erlaubnis zur Inkonsistenz.
Weigels performative Gefühlskälte ersetzt die männliche Härte
Zunächst könnte man das Auftreten der neofaschistischen Frontfrauen als taktisches Manöver ansehen. Einerseits erscheinen sie alle, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, wie faschistische Traumfrauen. Man würde sie allesamt, Giorgia Meloni, Marine Le Pen oder Alice Weidel, wenn auch in verschiedenen Rollen, in billigen Nazisploitation B-Movies der Siebzigerjahre einsetzen können: der aufgenordete feuchte Traum, oder die eiskalte Sadistin mit dem streng zurückgekämmten Haar (als wäre Alice Weidel eine Karikatur der Komplizin des italienischen Comic-Helden Diabolik mit dem sehr deutschen Namen Eva Kant). Alice Weidels performative Gefühlskälte ersetzt die männliche Härte so wie Giorgia Melonis vaginale Anrufung der Massen die phallischen Posen des Benito Mussolini ersetzt.
Die drei Frontfrauen des neuen europäischen Faschismus ähneln einander allerdings in einer Art von „brennendem“ Ehrgeiz. Während sich der traditionelle faschistische Führer stets auf „Vorsehung“ und „Geschichte“ berufen hat, berufen sie sich vor allem auf sich selbst und haben entsprechend ihre Lebensläufe konstruiert: Giorgia Meloni wuchs zusammen mit der Schwester bei ihrer Mutter in Rom auf, der Vater hatte die Familie verlassen, als sie ein Jahr alt war, und übersiedelte auf die Kanaren, um dort als Steuerberater zu arbeiten.
Meloni bezeichnete ihn in einem Interview 2006 als „überzeugten Kommunisten“. Wie stellt man sich das Treiben eines kommunistischen Steuerberaters in Las Palmas vor, den unsere Heldin zunächst regelmäßig besucht, bevor sie sich 1989 bei einem Besuch heillos zerstreitet und zur Mutter zurückkehrt, die aktiv im neofaschistischen Movimento Sociale wirkt? Und wie eine faschistische Mutter, die das Familienbudget als anonyme Verfasserin von mehr als 140 „Liebesromanen“ aufbessert?
Erlaubnis zur Widersprüchlichkeit und entsprechend konstruierte Lebensläufe
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Marine Le Pen schien sich zunächst von den rechtsextremen Aktivitäten eines „Front National“ herauszuhalten; als Anwältin vertrat sie sogar etliche der Migranten ohne Papiere, gegen die ihr Vater so rassistisch hetzte. Als sie – eher Molière als Shakespeare – den eigenen Vater aus seiner Partei (aus seinem „Schloss“) verjagte, geschah dies im Namen einer dédiabolisation, einer Entteufelung der Partei, was man nicht nur als taktischen Wandel verstehen kann, die Wählbarkeit durch bürgerliche Konservative zu gewährleisten, sondern auch ganz sinnbildlich als eine Art des psychischen Exorzismus.
Der Weg von Alice Weidel von einer Karrieristin in der Finanzbranche zu einer Frontfrau der AfD verlief scheinbar etwas sanfter. Der väterliche Mentor der geborenen Musterschülerin war der Gesundheitsökonom Peter Oberender, der unter anderem in der Zeitschrift Ordo die Wandlung des traditionellen Ordoliberalismus (wir erinnern uns an das Prinzip Ordo, das in der abendländischen Philosophie für die göttliche wie die ökonomische Ordnung steht) zum Neoliberalismus vorantrieb, unter anderem, indem er die medizinische Versorgung der Menschen und sogar den Handel mit lebenserhaltenden Organen uneingeschränkt dem freien Markt überlassen wollte, um aus dem Gesundheitssystem eine „Wachstumsbranche“ zu machen.
Ordnung ist sowohl das Wesen als auch das Ziel dieser Wirtschaftsvorstellung, weshalb man übrigens fehl darin geht, den Neoliberalismus einfach als „entfesselten“ Kapitalismus zu deuten. Er ist vielmehr das Streben nach einer neuen, universalen Ordnung, die durch eine antidemokratische, technokratische und imperialistische Oligarchie repräsentiert wird.
Oberender jedenfalls gehörte in den neunziger Jahren zu den Unterzeichnern eurokritischer Manifeste wie dem „Hamburger Appell“ und zu den 68 Gründern der „Wahlalternative 2013“, aus der dann die AfD hervorging. Den Wandel von einer radikal-neoliberalen, anti-europäischen und vor allem anti-sozialen zu einer „gesichert rechtsextremen“ Partei vollzog Alice Weidel sozusagen in der eigenen Biografie. Der Auslöser für den vollendeten Bruch mit der liberalen Welt sei ein „Schock“ über die Währungspolitik.
Am Ende landet Weidel aber immer beim Geld
Ihre rechtsextreme, immer sadistische Rhetorik scheint sich stets um diese Angst vor einem Wertverlust des Geldes zu entfalten: Sie springt gewissermaßen auf jeden sich bietenden Zug von Rassismus, Sexismus und (ausgerechnet!) „Elitefeindlichkeit“ auf, um einen flotten Slogan und eine dazu passende Performance zu finden: „Sie fluten das Land mit illegalen Migranten, während Sie einheimische und zugewanderte Arbeitskräfte gleichermaßen in die Auswanderung treiben. Sie zerrütten die Sozialsysteme und zerstören die innere Sicherheit.“
So in ihrer Rede vom 13. November 2024, um fortzufahren: „Auf den Straßen toben sich importierte Judenhasser aus. Täglich 25 sexuelle Übergriffe durch Zuwanderer verzeichnet eine aktuelle Statistik des BKA. Die finanziellen Folgen drücken Sie den Bürgern mit Rekordsteuern und Sozialabgaben auf.“ Alice Weidel kann anfangen, wo sie will, am Ende landet sie immer beim Geld.
Dementsprechend ist ihre Berufsgeschichte ausgestaltet: Nach einem Jahr in Japan und fünf Jahren in China als Stipendiatin und einem Praktikum bei der Credit Suisse in Singapur folgen jeweils nicht allzu nachhaltige Tätigkeiten bei Allianz Global Investors in Frankfurt am Main und Heristo in Bad Rothenfelde („Fleischveredelung“ und Tiernahrung, passende Geschäftsfelder). Außerdem war sie als Unternehmensberaterin unter anderem für Rocket Internet und Foodora tätig.
Die Grunderzählung von Alice Weidels Familie ist ein larmoyanter Opfermythos
Übrigens wollen wir nicht unterschlagen, was die Wikipedia lakonisch so zusammenfasst: „Die Selbstdarstellung Weidels beruflichen Werdegangs wurde in mehreren Presseartikeln kritisch hinterfragt.“ Aber fast ist es gleichgültig, wo da die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verlaufen, im Wesentlichen geht es bei dieser Biografie um eine Verbindung des ökonomischen mit dem politischen Extremismus, den Alice Weidel als Person vermittelt.
Von der realen Familie und den realen Lebensumständen von Alice Weidel ist weniger bekannt als von den Stationen ihrer Karriere; die Grunderzählung ihrer Familie ist ein larmoyanter Opfermythos. Immer wieder hat sie das „Unrecht“ beklagt, das ihrer Familie durch die „Vertreibung aus der oberschlesischen Heimat“ angetan worden sei, ohne je Details zu nennen.
Wie aber kann man eine solche Opfererzählung verbreiten, wenn man zugleich betont, in der Familie sei über die Vorgeschichte und die näheren Umstände nie gesprochen worden? Auch hierin also dient sie sich als Modell an. Als schließlich im letzten Jahr öffentlich wurde, was Alice Weidels Großvater im System des Nationalsozialismus getrieben hatte, kam sofort der Reflex: Nichts gewusst, nie darüber gesprochen, keine Ahnung.
Sie hat sich „nie für Politik interessiert“
Im Übrigen beschrieben ehemalige Mitschülerinnen ihre damalige Haltung: Das war jemand, der sich „nie für Politik interessiert“ hat. Eine gewagte These könnte lauten: Sie tut es auch heute noch nicht. Ihr einziger politischer Gedanke ist die eigene Macht. Offensichtlich konnte sie dafür nirgendwo eine so ideale Basis finden wie hier.
Abgesehen von dem Opfermythos und dem Schweigegebot gegenüber familiären Verstrickungen war das Politische im Hause Weidel vielleicht wirklich nicht von Belang. Komfortabler als im Einfamilienhaus am Stadtrand, komplett mit Geschwistern und Dackel, konnte das Aufwachsen kaum sein. Alice Weidel muss bekennen: „Es ging uns ziemlich gut.“
Offensichtlich also verkörpert Alice Weidel nicht nur die weibliche, sondern auch die „gutbürgerliche“ Seite des neuen Faschismus – im Gegensatz zum rechtsextremen Adelsmilieu, aus dem Beatrix von Storch stammt. Aber was treibt jemanden von einer solch biedermeierlichen Idylle über eine mehr oder weniger aussichtsreiche Karriere in der glamourösen, weltoffenen Finanzwelt in die geistige Enge der AfD?
Wann kam es zum Bruch mit der bürgerlichen Identität?
Alice Weidel selbst erzählt das gern so: Die Rettungspolitik des Euro habe sie so in Zorn versetzt, dass sie von nichts anderem mehr reden konnte. Ihre Lebenspartnerin, die Schweizerin Sarah Bossard, mit der sie zwei Söhne großzieht, drohte darauf mit Trennung, falls sie nicht aufhöre, nur schlechte Laune zu verbreiten, anstatt sich tatkräftig zu engagieren.
Der Eintritt in die AfD (damals eben noch die antieuropäische Finanz- und Wirtschaftspolizei des Bernd Lucke, der später entsetzt war über das Monster, das er in die Welt gesetzt hat) sei dann nur folgerichtig gewesen. Der konsequente Weg zum neuen Faschismus als Folge einer Regenbogen-Familien-Paar-Therapie? Irgendwann und irgendwo muss es wohl auch hier einen unheilbaren Bruch mit der bürgerlichen Identität gegeben haben, der wohl allein damit, dass jemand den Geschmack an der Macht in eine Sucht verwandelt, nicht erklärt ist.
Alice Weidel jedenfalls wird zur Idealbesetzung für den neuen Subjekt-Faschismus: Ihre eigene scheinbar irreale Mischung von Prägung in ökonomischer Elite und vulgärer Rhetorik des Rechtspopulismus findet ihresgleichen nur in etlichen Werdegängen aus Silicon Valley. Man entwickelt aus einer ökonomistischen Blase heraus eine Ideologie der technokratischen Herrschaft der Auserwählten.
Vereint in der Verachtung gegenüber den Verlierern
Der Fetisch Geld spielte insofern eine Rolle, als sie ihre Wendung nach rechts selbst durch die „Sorge um den Euro“ interpretiert. Die eigene Karriere, der eigene Ehrgeiz sind das Motiv, um eine „Politik“ zu vertreten, die ihr im Herzen vollkommen gleichgültig ist, und dienen am Ende der Verwirklichung der neoliberalen Fantastik ihres Mentors und seiner Ideologie.
Beides, den Faschismus der Eliten und den Faschismus von unten, vereint nur die Verachtung gegenüber Verlierern, der Ekel gegenüber Bedürftigen und Fordernden, die Angst und Arroganz genau gegenüber dem, die Abwehr von Konkurrenz und „Fremdheit“ und die Differenz zu dem, was sie nun als Movens anführt: dem Volk.
Sie verkauft ihre vollkommene Distanz gegenüber anderen Menschen und gegenüber der realen Gesellschaft jenseits der Wirtschaft als „Härte“, ihr totales Unverständnis als herrenmenschliche Überlegenheit. Sie stilisiert sich, anders als Giorgia Meloni, als unnahbar und kalt, ihren Zynismus verkauft sie als „ironischen Spott“, ihre Gefühlskälte als Überlegenheit: Sie macht aus dem neofaschistischen Geifer eine Sprache, die man nach dem Essen im Wohnzimmer auch bei gutbürgerlichen Familien zu hören bekommt oder – ganz ähnlich ihrem Konkurrenten Friedrich Merz – in den höheren Etagen der Bürotürme beim Zwischendurch-Kaffee.
Weidel ist die ideale Schnittstelle des neuen Faschismus
Und damit wird Alice Weidel zur idealen Schnittstelle für die drei Impulse, aus denen der neue Faschismus zusammengesetzt ist: der Impuls eines radikalisierten, antisozialen Kapitalismus, der Impuls einer völkisch-rassistischen „Identität“ gegenüber der zunehmend polyfonen Welt, und der Impuls des kollektiven Subjekt-Egoismus der Macht aus dem Kleinbürgertum, wo man möglicherweise stolz darauf ist, wenn eine „strenge“ Frau aus der Mitte etwas wird.
Sie ist die „Streberin“ aus soliden Verhältnissen, und es ist, als trüge sie den elterlichen Klinkerbau in der westfälischen Provinz dabei immer noch mehr oder weniger unsichtbar mit sich herum. Dabei ist sie so fundamental deutsch, wie Giorgia Meloni fundamental italienisch ist und Marine Le Pen fundamental französisch. Sie repräsentieren, verräterisch genug, „Ideale“. Es sind Traumfrauen der nationalistischen Provinzen.
Wie aber nun mag es stehen mit der faschistischen Rekonstruktion von Weiblichkeit, bzw. der weiblichen Rekonstruktion des Faschismus? Im Hintergrund all dieser Frontfrauen der Rechten in Europa lauern die männlichen Strippenzieher und Neider. Wenn sie auch taktisch auf die Wirkung „ihrer“ Frontfrauen setzen, so warten sie doch auf ihre Stunde oder darauf, die Diskursfelder besetzen zu können.
Im Hintergrund aber warten schon die Prinzessinnenmörder
So unterschiedlich wie die Frontfrauen sind auch diese präsumptiven Prinzessinnenmörder: Höcke, Bardella, Salvini. Der neue Faschismus ist durch seine Beziehung zum Post-Liberalismus und zum kollektiven Subjekt-Narzissmus in geschlechtlicher Hinsicht offener geworden. Die Frauen haben derzeit offensichtlich die besten Chancen, zur Projektionsfläche der widersprüchlichen Impulse des neuen Faschismus zu werden. Doch damit ist die Geschlechterfrage in dieser Bewegung nach Rechtsaußen noch lange nicht entschieden.
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Jemand wie Alice Weidel verspricht die gewaltsame Harmonisierung von Lust, Macht, Ordnung und Subjekt für eine Transit-Bewegung. Rasch mag sich zeigen, dass, wo die Melonis dem Faschismus (oder meinetwegen Postfaschismus) ein weibliches Gesicht geben, ein Vannaci ersteht, der ihre Macht infrage stellt. Wenn nämlich der Kampf um eine immerhin faschisierte Gesellschaft schon entschieden scheinen mag, so ist es der Kampf um das faschistische Subjekt noch lange nicht.
Wie sähe ein von Weidel geführtes Deutschland aus?
Stellen wir uns für einen Augenblick ein Deutschland vor, das von Alice Weidel geführt wird. Ein trumpsches Desaster von Grenzen, Abschiebungen und Verfolgungen von Migranten, ein Kulturkampf um hegemoniale Meinungsführerschaft, vollständige Freiheit für Unternehmer und Manager bei radikalem Abbau der Sozialaufgaben des Staates, Rückzug aus internationalen Verträgen und Verpflichtungen, ökologischer Rückschritt und Leugnung, permanente Schwächung der Gewaltenteilung zugunsten einer immer weiter jenseits des Gesetzes agierenden Exekutive, anti-europäische (und womöglich pro-russische) Politik, Abbau aller Schutzräume von Minderheiten, insbesondere der queeren, migrantischen und linken Szenen, usw, usf.
Und es wird immer diejenigen geben, denen das alles nicht weit genug geht. Und solche, die zurück zur Männerherrschaft wollen – und koste es das Potenzial des neuen Subjekt-Faschismus, der nur unter Einbeziehung des Weiblichen funktionieren kann. Im Übrigen weiß man ja auch nie so recht, ob Eva Kant das Geschöpf von Diabolik ist. Oder doch einfach die raffiniertere Hälfte des Verbrechens.