Vögel verschwinden aus deutschen Städten

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

wer sich für Politik interessiert, kommt dieser Tage kaum zum Luftholen, geschweige denn zum Nachdenken. In der CDU herrscht Aufruhr, weil der Kanzler seine Autorität verloren hat und ihm nur noch wenige Beobachter zutrauen, sie zurückzugewinnen. In der SPD fragt man sich, ob man erst die Chefs wegmobben und dann die Koalition aufkündigen soll oder umgekehrt. Bei den Grünen machen Frau Langs Abnehmtipps mehr Schlagzeilen als politische Konzepte. Bei der FDP ist nix mehr los. Bei der CSU schielt Bayerns Landesfürst Richtung Kanzleramt, weil er wohl gern Kalif anstelle des Kalifen wäre. In der AfD fallen die blauen Masken von den braunen Hirnen; der Magdeburger Wahlgewinner spricht davon, Rüstungsgüter als "Hilfsmittel" für die "Remigrations- und Abschiebeoffensive" einzusetzen. Und die Linkspartei verspricht ihren Wählern großflächige Wohnungsverstaatlichungen und anderen unbezahlbaren Kokolores.

All das hört und liest man, während Deutschlands Politiker eigentlich Dringenderes zu tun hätten, als sich mit sich selbst zu beschäftigen, Drohungen zu verbreiten oder Luftschlösser zu bauen. Zu tun gäbe es genug. Es braucht schleunigst eine Offensive gegen die Wirtschaftsflaute und eine große Steuerreform. Die EU-Staaten sollten ihre Geheimdienste und Armeen verzahnen, um sich gegen Putins hybriden Krieg zu wappnen. Großstädte müssen für monatelange Hitzeperioden umgestaltet werden, die nun alljährlich auftreten könnten. Überhaupt ist der Klimaschutz ernster zu nehmen. Es fehlt ein bundesweites Wohnungsbauprogramm, das den Namen verdient. Ganz zu schweigen von den angekündigten Reformen bei der Rente und der Pflege. Schließlich wäre ein kluger Digitalplan hilfreich, um von den rasanten Fortschritten bei der Künstlichen Intelligenz zu profitieren, ohne sich deren Gefahren auszuliefern.

Doch all das kommt nur schleppend oder gar nicht voran. Keinen Monat nach dem Ende der Sommerpause wirkt der Politikbetrieb schon wieder ausgelaugt. Die Bundesregierung gleicht einem Pannenauto, das am Straßenrand auf den Abschleppwagen wartet. Das Wahldrama in Sachsen-Anhalt sitzt den Unions-Leuten in den Knochen, und am kommenden Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern könnte es noch schlimmer für sie kommen. Wenn die Regierung in der Krise steckt, schlägt normalerweise die Stunde der Opposition, doch von den Radikalen rechts und links kommt auch nichts außer populistischem Gekeife und haltlosen Versprechungen. Angesichts dieses Dramas entwickelt man Verständnis für Bürger, die sich an den Kopf greifen und fragen: Haben die alle einen Vogel?

Mit diesen Gedanken tritt man aus dem Haus, um sich zum Beispiel in Berlin durch den Morgenverkehr den Weg zur Arbeit zu bahnen, und stellt fest: Irgendwas ist anders als früher. Nicht die Hundehaufen auf den Gehsteigen, die haben früher schon genervt. Auch nicht die Presslufthämmer, Polizeisirenen und Autohupen. Es ist etwas anderes. Etwas, das früher da war und nun fehlt.

Genau betrachtet sind es sogar ganz viele, die fehlen. Auch mir fällt das nun auf. Denn wenn ich morgens beim Portugiesen den besten Kaffee der Stadt schlürfe und ein Käsebrot verzehre, dann kamen sie früher angeflattert und forderten ihren Tribut. Auch im Park waren sie stets präsent, am liebsten rund um die überquellenden Mülleimer. Manche von ihnen trauten sich sogar auf die Stehtische in den Bäckereien, um aufzupicken, was die Zweibeiner übrigließen. Ja, früher zählten Spatzen ganz selbstverständlich zum Berliner Stadtbild.

Das ist vorbei. Die Zahl der Haussperlinge ist massiv geschrumpft und liegt Biologen zufolge heute um 70 Prozent niedriger als vor fünf Jahren. Naturschützer schlagen seit Monaten Alarm und suchen nach der Ursache, denn das Problem ist nicht auf die Hauptstadt beschränkt. Der Spatz, dieser kecke und zutrauliche Gefährte des Menschen, verschwindet auch aus vielen anderen Städten. Nicht nur hierzulande, auch andernorts in Europa. Aus Metropolen wie London oder Amsterdam ist er nahezu komplett verschwunden, und auch in freier Wildbahn sieht es kaum besser aus. "Es ist, als hätten sich die Spatzen in Luft aufgelöst", heißt es vom Naturschutzbund.

Nun könnte man einwenden: Weniger Spatzen? Na und, es gibt doch andere Vögel! Doch wer so denkt, denkt zu kurz. Die Fauna ist ein ebenso komplexes wie fein austariertes System der Arten und Gattungen, und wenn eine Tierart verschwindet, fehlt etwas in der Natur. Die Welt ist dann ärmer. Nicht nur beim Frühstück in der Innenstadt, wenn die gefiederten Freunde plötzlich wegbleiben. Man vermisst auch ihren fröhlichen Gesang, der uns kostenlose Konzerte spendiert. Nur wenige Vögel halten es in proppenvollen, dröhnend lauten Städten aus, der Spatz aber sehr wohl. Bleibt er weg, kommen nicht einfach andere Vögel nach. Dann hat es sich ausgezwitschert.

Warum bleibt der Spatz weg? Ornithologen hegen einen Verdacht, wie ich der Fachpresse entnehme: Eine Seuche könnte die Sperlingsbestände dezimiert haben. Wissenschaftler tippen auf Plasmodien, die Verursacher der Vogelmalaria. Eine Krankheit, die so tückisch ist, wie sie klingt: Parasiten befallen die inneren Organe der Federtiere und dringen in ihre roten Blutkörperchen ein, um diese zu zerstören. Mit geschwollener Milz und Leber, blutarm, geschwächt und appetitlos verenden viele Sperlinge elend. Übertragen wird der Erreger durch Stechmücken – und die vermehren sich rasant, weil sie bei höheren Temperaturen schneller gedeihen. "Der Klimawandel begünstigt ihr Vorkommen", erklärt der Berliner Biologe Jörg Böhner. Die zunehmende Umweltverschmutzung und der klimabedingte Insektenschwund verschärfen die Lage. Menschen kann die Vogelmalaria gottlob nicht schaden. Aber für Spatzen ist sie die Hölle.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mich lässt das nicht kalt. Wenn man weiß, dass viele Vögel hierzulande ohnehin bedroht sind, dass der Bestand von Feldlerchen, Braunkehlchen, Rebhühnern, Kiebitzen und Wachtelkönigen seit 25 Jahren um bis zu zwei Drittel geschrumpft ist und vielerorts kaum noch jemand fleucht, kann man als Zweibeiner eigentlich nicht zur Tagesordnung übergehen. Der Mensch ist das mächtigste Wesen auf dem Kontinent. Er vermehrt sich rücksichtslos und beutet im Dienst seiner Bequemlichkeit die Natur aus. So verdrängt er eine Art nach der anderen.

Irgendwann kommt der Punkt, an dem sogar Stadtbewohner die Folgen bemerken. Wenn niemand mehr fröhlich in den Lüften zwitschert und keiner mehr angeflattert kommt, um unsere Frühstückskrümel aufzupicken, ist nicht nur die Natur ärmer, sondern auch unser Leben. Sehen Sie mir diese Sentimentalität bitte nach, aber mir geht dieses Drama fast so nahe wie das Theater in der Politik. Und wenn ich dann feststelle, dass es vielen anderen Menschen piepegal zu sein scheint, frage ich mich: Haben die alle einen Vogel?